Weltweit wird in Laboren das Coronavirus untersucht. Foto: dpa/Marijan Murat

Es war die gute Nachricht des Tages, die am Mittwoch aus den USA nach Deutschland schwappte: Die klinische Impfstoffstudie des US-Biotech-Unternehmens Moderna zeigte ermutigende Ergebnisse. Die Probanden hätten demnach Antikörper gegen den Erreger Sars-CoV-2 entwickelt, sogar mehr als Menschen, die sich wirklich mit dem Virus infizierten. Doch wie viel dieser Erfolg tatsächlich wert ist, ist unklar. Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass die Zahl der Antikörper bereits nach wenigen Monaten zurückgeht.

Das Londoner King's College untersuchte beispielsweise 90 ehemals mit dem Coronavirus infizierte Menschen auf Antikörper. Das Ergebnis: Schon nach drei Monaten waren nur noch in 16,7 Prozent der Blutproben hohe Konzentrationen von Antikörpern nachweisbar. Bei mehreren Patienten fanden sie nach drei Monaten überhaupt keine Antikörper mehr. Die Forscher befürchten, dass von einer dauerhaften Immunität gegen das Coronavirus nicht ausgegangen werden könnte. Wie etwa auch bei Grippe-Viren könnte sie zudem nur wenige Monate anhalten. 

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Untersuchungen der Münchener Klinik in Schwabing. Dort waren die ersten deutschen Infizierten untergebracht, die sich im Zusammenhang mit dem Autozulieferer Webasto mit dem Coronavirus infizierten. Auch bei diesen Patienten ist ein Absinken der sogenannten neutralisierenden Antikörper im Blut zu beobachten, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der dortigen Infektiologie der Nachrichtenagentur dpa. „Bei vier der neun Patienten sehen wir sinkende neutralisierende Antikörper.“

Jeder Dritte mit milden Symptomen ganz ohne Antikörper

Außerdem verdichten sich die Anzeichen, dass je leichter der Verlauf der Corona-Infektion gewesen ist, auch die Zahl der gebildeten Antikörper sehr gering ausfallen könne. In einer Studie aus Lübeck konnten bei 30 Prozent der Patienten mit milden oder moderaten Symptomen gar keine Antikörper feststellen. 

Doch was das für den Umgang mit dem Virus bedeutet, darauf wollen sich Experten auf der ganzen Welt noch nicht festlegen, da die Datenlage noch viel zu dünn sei. Nicht einmal due grundlegende Frage, wie hoch die Antiköper-Konzentration im Blut sein muss, um vor Sars-CoV-2 geschützt zu sein, ist beantwortet. So sagte die Immunologin Mala Maini vom University College in London: „Selbst wenn keine Antikörper im Blut nachweisbar sind, bedeutet das nicht unbedingt, dass keine schützende Immunität besteht.“

Und auch Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, betonte gegenüber der dpa, man müsse bei Antikörpern differenzieren, da es verschiedene Qualitäten gebe. Wichtig sei, harte Daten zu finden: „Ob ein Immunschutz entsteht, muss an der Realität gemessen werden.“ Und die zeigt: Zumindest bisher liegt weltweit kein gesicherter Fall vor, in dem es nach durchgemachter Covid-19-Erkrankung eine Neuansteckung gegeben habe. 

Komplette Immunität vielleicht nur wenige Monate

Studien zu anderen Coronaviren weisen allerdings darauf hin, dass eine erneute Sars-CoV-2-Infektionen komplett verhindernde Immunität vielleicht nur einige Monate bestehen bleibt. Eine Symptome abmildernde Immunität könnte es länger geben. Und dafür müssen nicht nur die aktuell nachzuweisenden Antikörper verantwortlich sein.„Neben den Antikörper bildenden B-Zellen kann die T-Zell-Antwort auf den Erreger genauso wichtig sein“, erklärt Thomas Jacobs vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin der dpa.

Auch diese T-Zellen erkennen körperfremde Stoffe und können sich gegen sie zur Wehr setzen. Erste Untersuchungen zu diesen Zellen laufen bereits - und mit erstaunlichen Ergebnissen. Demnach hatten 30 Prozent der Menschen, die nicht mit Sars-CoV-2 infiziert waren, dennoch bestimmte T-Helferzellen, die auf dieses Coronavirus reagierten. Die Wissenschaftler erklärten das mit der Ähnlichkeit des neuartigen Coronavirus mit harmloseren Coronaviren, die beispielsweise Erkältungen auslösen. Wie groß der Schutz durch T-Zellen ist, wird aber gerade erst untersucht.

Und was bedeutet das alles nun für die Impfstoffforschung? Die geht natürlich weiter und die beteiligten Forscher werden sehr genau im Auge behalten, wie lange Antikörper im Blut nachweisbar sind. Die Firma Moderna kündigte bereits an, das Blut der Teilnehmer ein Jahr lang regelmäßig auf den Anteil der durch den Impfstoffkandidaten erzeugten Antikörper zu testen. 

Ob am Ende eine einzelne Injektion ausreichen wird, um dauerhaft vor Sars-CoV-2 geschützt zu sein, ist nicht klar. Möglicherweise könnte es notwendig werden, die Impfung in regelmäßigen Abständen aufzufrischen. Doch auch darauf wollen sich die meisten Forscher nicht festlegen.