Ein Schild „Betreten verboten! Lebensgefahr!“ hängt an einem Zaun vor der abgesperrten Ruine des niederländischen Pavillons der Weltausstellung Expo 2000. Foto: dpa/Stratenschulte

Erinnern Sie sich noch? Vor 20 Jahren war Hannover für mehrere Monate die wichtigste Stadt der Welt. Denn hier fand im Jahr 2000 die Expo statt. Die Messe, auf der die Länder der Welt zeigten, welche technischen und kulturellen Errungenschaften sie bieten. Was ist heute davon übrig geblieben – 20 Jahre danach? Am 1. Juni ging es damals los – ein Anlass für eine Bestandsaufnahme.

Der Zaun zum Grundstück des Holländischen Pavillons ist mit Stacheldraht gesichert, auf einem Schild steht: „Betreten verboten! Lebensgefahr! “Im Sommer vor 20 Jahren standen die Besucher der Expo 2000 in Hannover hier Schlange, um die gestapelten Landschaften mit Blumen, Bäumen und Windrädern zu erleben. Das rund 40 Meter hohe geheime Wahrzeichen von Deutschlands erster und bisher einziger Weltausstellung verrottete in den folgenden Jahren.

Hier trafen sich allenfalls Graffiti-Sprayer. Pläne für das Bauwerk von einer Shrimps-Zucht bis zur Event-Location scheiterten, jetzt sollen dort Mini-Appartements für Studenten entstehen. Immerhin steht der Holland-Pavillon noch, andere Relikte der Expo gerieten in Brand, wurden abgerissen oder abgebaut und an anderen Orten der Welt wieder aufgestellt.

Im Jahr 2000 präsentierten sich 150 Länder in Hannover

Im Sommer vor 20 Jahren präsentierten sich mehr als 150 Länder auf dem 160 Hektar großen Gelände im Süden von Hannover. Die Schau lockte zwischen dem 1. Juni und 31. Oktober 2000 zwar nicht die erwarteten 40 Millionen, aber immerhin 18,1 Millionen Besucher. Heute ist der Expo-Park eine Mischung aus Gewerbegebiet, Hochschul-Campus und Grünflächen. Es gibt viele Parkplätze für die Messe sowie für eine Sport- und Event-Arena mit bis zu 14.000 Plätzen.

Der Musikproduzent Mousse T. sitzt in seinem Tonstudio in den Peppermint Park Records Music Studios. Das Tonstudio befindet sich in einem ehemaligen Pavillon der Weltausstellung Foto: dpa/Steffen

Einige außergewöhnliche Bauten stehen noch: Der Expo-Wal wird als Kirche genutzt, Litauens ehemaliger Pavillon – eine knallgelbe Schachtel mit Fensterfront – ist verwaist, wurde aber im Oktober von einer Baufirma erworben. Der DJ und Produzent Mousse T. war einer der ersten Nachnutzer, er kaufte bereits Ende 2000 den Belgischen Pavillon und baute ihn zum Peppermint Pavillon um – mit Musikstudios, einer Eventhalle, einem Restaurant und zwei Plattenfirmen.

Das surreal anmutende Expo-Gelände sei „extremst inspirierend“, sagt der 53-Jährige. Künstler aus New York oder London staunten über den enormen Platz und den Blick auf das Naturschutzgebiet mit Schafherden. Für die Zukunft des Expo-Parks wünscht sich Mousse T. „mehr Restaurants, mehr Einzelhändler, mehr Kreative“. Eines habe er in den vergangenen 20 Jahren gelernt: „Man muss Geduld haben.“

Das Exposeeum erinnert an die Jahrtausend-Ausstellung

Zehn Jahre nach der Expo 2000 gab es einen Festakt mit Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), zum 20. Jahrestag ist nach Auskunft der Stadt Hannover nichts dergleichen geplant. Das mag nicht nur an der Corona-Pandemie liegen. Die Entwicklung des Expo-Parks sieht die städtische Wohnungsbaugesellschaft Hanova dennoch positiv. Bis Ende 2019 seien wie geplant alle von einer Tochterfirma vermarkteten Grundstücke auf dem Gelände verkauft worden, hieß es.

Gil Koebberling, Vorsitzende des Exposeeums sitzt mit Exponaten des Museums auf der Expo-Plaza.  Foto: dpa/Stratenschulte

An die inspirierende Atmosphäre des Nationentreffens vor 20 Jahren wollten die Ehrenamtlichen des Expo-Museums Exposeeum erinnern. Doch die Sammlung ist nach der Kündigung ihrer alten Ausstellungsräume im größtenteils leer stehenden Deutschen Pavillon eingelagert. Die Vorsitzende des Museumsvereins, Gil Koebberling, hofft darauf, spätestens bis zum 1. September neue Räume beziehen zu können und noch in diesem Jahr „das Expo-Feeling wiederaufleben zu lassen“.

Die Besucher der Schau erwarten Modelle, Bilder, Teile von Pavillons, zahlreiche Gastgeschenke sowie das bunte Maskottchen Twipsy. Eine Belebung des Expo-Parks sei bisher vor allem an bürokratischen Hürden gescheitert, kritisiert Koebberling. Glücklicherweise seien die anfangs eisernen Vorgaben – kein Einzelhandel, kein Wohnen, keine Gastronomie – gelockert worden. Jedoch werde für die etwa 4000 Studierenden immer noch sehr wenig geboten.

Der Expowal, das Wahrzeichen der Weltausstellung Expo 2000, spiegelt sich in einem See. Foto: Stratenschulte/dpa

Koebberling sowie die Unternehmer im Expo-Park hoffen auf ein neues Baugebiet mit 3500 Wohnungen, das in unmittelbarer Nachbarschaft entstehen soll. Für den Bauhistoriker Sid Auffarth fehlt „ein baukulturelles Konzept für die gesamte Nachnutzung“. Dies hätte man strategisch von vornherein mitplanen müssen, sagt er. Zum Beispiel habe man es versäumt, etwa den Holländischen Pavillon zu einem Expo-Wahrzeichen wie das Atomium in Brüssel zu entwickeln.

Hannover profitierte von der Messe – bis heute

Für die niedersächsische Landeshauptstadt habe sich die Expo aber allein schon wegen des Infrastrukturausbaus gelohnt. Stadt, Region und Messe Hannover hätten von der Expo 2000 sehr profitiert, sagt auch Andreas Gruchow, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Messe AG. So sei unter anderem das S-Bahn-Netz ausgebaut worden, der Hauptbahnhof wurde saniert, die Autobahnen wurden sechsspurig und der Flughafen Hannover bekam ein drittes Terminal.

„Mensch-Natur-Technik“ hieß das Motto der Expo 2000 – das Messegelände wurde einbezogen, um Nachhaltigkeit zu sichern. Damit seien 90 der rund 160 Hektar per se nachgenutzt worden, sagt Gruchow, der sechs Jahre die Expo-Planung der Messe leitete. Ganz anders sei dies etwa in Sevilla bei der Expo 1992 gewesen, dort sei ein riesiges Gelände nach dem Ende der Weltausstellung ungenutzt und verwaist geblieben.