Das Fahrzeug, mit dem Gor H. am Mittwoch eine Lehrerin totgerast und rund 20 Menschen teils schwer verletzt hat. Markus Wächter/Berliner Kurier

Nach der Amokfahrt am Mittwochvormittag zwischen Tauentzienstraße und Kurfürstendamm in Berlin-Charlottenburg tauchte rasch die Frage auf: Was bringt einen Menschen dazu, eine derart sinnlose Tat zu begehen? Eine Lehrerin starb, ein Kollege wurde neben weiteren Personen schwer verletzt, eine ganze Schulklasse auf Berlin-Ausflug, die zur falschen Zeit am falschen Ort war, wurde für ihr Leben traumatisiert.

Der Täter Gor V. (29), das wurde Polizisten und Rettungskräften schnell klar, war offensichtlich schwer psychologisch gestört. Passanten flehte der Totraser mit bizarren Äußerungen um Hilfe an, Polizisten gegenüber rief er so etwas wie „Aua, aua“ zu. Zwar wurden in dem Auto politische Plakate gefunden, Meldungen über ein angebliches Bekennerschreiben des offenkundig verwirrten Menschen dementierte Berlins Innensenatorin Spranger jedoch am Mittwoch.

Jeder vierte Erwachsene in Deutschland leidet unter psychologischen Problemen

Doch ist es so, dass psychische Probleme tatsächlich eine Amoktat begründen? Studien zufolge leidet jeder vierte Erwachsene in Deutschland an einer psychischen Erkrankung: Depressionen, Ängste, Zwangsstörungen, Traumata. Sind wir also umgeben von lebenden Zeitbomben, die in jedem Moment durchdrehen und fürchterlichen Schaden anrichten, ja sogar Menschenleben auslöschen können?

Dagegen spricht die Beobachtung, dass Amokläufe und Anschläge, wie sie sich Ende Mai an einer Grundschule im texanischen Uvalde abspielten, überwiegend von jüngeren Männern ausgeführt werden. Der Täter des blutigen Massakers, bei dem 19 Schulkinder starben, war 18 Jahre alt. An psychologischen Problemen leiden jedoch Frauen und Männer gleichermaßen, Ältere wie Jüngere, auch Kinder können unter Ängsten und Psychosen leiden.

Psychologin Amy Barnhorst: Es gibt keine Medikamente gegen Hass und Wut

Die US-Psychiaterin Amy Barnhorst hält die Erklärung von Amokläufen mit psychologischen Problemen der Täter für irreführend: In den allermeisten Fällen seien andere Beweggründe ausschlaggebend. Der New York Times sagte die Professorin an der Universität von Kalifornien: „Wir haben Medikamente gegen Schizophrenie oder bipolare Störungen. Wir haben aber keine Arzneien gegen Groll, Hass, Wut. Wir können das nicht heilen.“

Die Vorstellung sei unrealistisch, eine Person, die zum Amoktäter werden könnte, durch psychologische Behandlung zu heilen. Behandelt man einen Menschen mit einer derartigen Verfasstheit für zwei Wochen in der Psychiatrie, könne man nicht das ändern, was sich bei ihm innerhalb des ganzen Lebens angestaut habe. Das sei etwas völlig anderes als bei Patienten mit psychologischen Störungen, die im Einvernehmen mit den Behandelnden betreut werden können.

Das Dilemma beschreibt Amy Barnhorst im New-York-Times-Podcast „The Daily“ folgendermaßen: Wenn sie es ablehne, einen solchen Patienten voller Wut und Hass in die Psychiatrie aufzunehmen, müsse sie ihn wieder nach Hause schicken. Und so seien ihr die Hände gebunden, einen möglicherweise sich anbahnenden Amoklauf zu verhindern.