Eine Frau bekommt ihre Zweitimpfung mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer dpa/Christian Charisius

Es ist eine Nachricht, die sich auf den ersten Blick wie eine Horror-Vision liest. Ein britischer Experte hält die Entstehung von Corona-Varianten, die sich der Wirkung der derzeit verfügbaren Impfstoffe entziehen, nur für eine Frage der Zeit. „Es ist unausweichlich, dass wir Escape-Varianten bekommen werden“, sagte der Mikrobiologe und Gesundheitsexperte Paul Hunter von der Universität East Anglia am Dienstag in einer parteiübergreifenden Expertenanhörung in London. Als Mutanten mit sogenanntem Immun-Escape werden Varianten bezeichnet, die zumindest teilweise resistent gegen die Wirkung der derzeit verwendeten Corona-Impfstoffe sind.

Hunter geht davon aus, dass es in den kommenden Jahren saisonale Corona-Wellen geben wird – auch durch Mutationen, die sich in gewissem Maße der Wirkung der Impfstoffe entziehen. Jeder Brite werde sich im Schnitt alle vier bis fünf Jahre infizieren, schätzt er.

Corona-Impfstoffe haben die Pandemie verändert, aber nicht gelöst

Devi Sridhar, Professorin für Global Public Health an der Universität Edinburgh, fügte hinzu: „Wir haben bereits Alpha, Beta und Delta gesehen, es ist unausweichlich.“ Die Impfstoffe hätten die Pandemie transformiert, aber nicht gelöst.

Aber was bedeutet das für die aktuellen Impf-Kampagnen? Sind die Bemühungen wertlos? Zunächst gilt: Bei der aktuell in Großbritannien, Deutschland und vielen anderen Ländern überwiegend grassierenden Delta-Variante gilt die Wirkung der Impfstoffe nach wie vor als zuverlässig. Allerdings fällt sie etwas schwächer aus als bei der Wildform und der Alpha-Variante. Insbesondere nach nur einer Impfdosis bleibt der Impfschutz schwächer. Daher gilt ein vollständiger Impfschutz als entscheidend.

Risiko für neue gefährliche Corona-Mutationen durch hohe Fallzahlen

Großbritannien geht mit seiner aktuellen Corona-Strategie Experten zufolge ein gefährliches Experiment ein: Bei hoher Impfquote, aber gleichzeitig auch hohen Fallzahlen gilt das Risiko für neue gefährliche Mutationen als besonders groß. Die Frage ist, wie sich diese Mutationen auswirken: So gilt die Delta-Variante als deutlich ansteckender, sie löst aber nach aktuellem Stand keine stärkeren Krankheitsverläufe als andere Varianten auf. Bei der Lambda-Variante sind mehrere Fälle aktenkundig, bei der Infizierte trotz Impfung schwer erkrankten, einige sogar starben. Lambda ist jedoch weit weniger verbreitet. Unklar ist, was kommende Mutationen für Folgen haben werden.

US-Gesundheitsexperte Anthony Fauci hatte kürzlich vor der Entstehung einer noch gefährlicheren Variante des Coronavirus gewarnt, sollte die Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante nicht eingedämmt werden. Wenn sich das Virus weiter ausbreiten und verändern könne, bestehe die Gefahr, dass sich am Ende eine Variante entwickele, bei der die aktuellen Impfstoffe keinen Schutz böten. Die Pandemie müsse unter Kontrolle gebracht werden, mahnte der prominente Immunologe und Präsidenten-Berater. Der beste Weg dahin seien Impfungen.