Paul Rusesabagina (Mitte), ehemaliger Hotelmanager aus Ruanda, sitzt bei seiner Anhörung im Gericht.  Muhizi Olivier/AP/dpa

Carine Kanimba erinnert sich noch an die quälende Ungewissheit, nachdem ihr Vater am 27. August 2020 spurlos verschwand. Nach seiner Abreise von San Antonio in Texas kam er nie wie geplant im ostafrikanischen Burundi an. „Wir waren außer uns vor Verzweiflung“ sagt Kanimba. Nach vier langen Tagen klingelten um sechs Uhr morgens die Telefone.

Dem Helden vom „Hotel Ruanda“ wird Terrorismus vorgeworfen

Ihr Vater, der ehemalige Hotelmanager Paul Rusesabagina, weltberühmt durch den Film „Hotel Ruanda“, war in Handschellen im ruandischen Fernsehen zu sehen. Der Vorwurf: Terrorismus. Seither sitzt er in Ruandas Hauptstadt Kigali im Gefängnis, ihm wird der Prozess gemacht. Am 20. September wird das Urteil erwartet.

Paul Rusesabagina, ehemaliger Hotelmanager aus Ruanda. E. Schneider / Voices-Unabridged/epa/dpa

Wie Rusesabagina von San Antonio ins Gefängnis in Kigali kam, erinnert an einen Thriller: Nach Angaben seiner Tochter und seiner Anwältin Kate Gibson wurde Rusesabagina auf eine Reise nach Burundi gelockt. Beim Umstieg in Dubai sei er dann gegen seinen Willen nach Kigali geflogen worden. Ihr Mandant sei das Opfer einer sogenannten „rendition“, einer Form der Verschleppung, sagt Gibson.

Drei Tage lang sei er in einem Schlachthof in Kigali festgehalten und gefoltert worden, so Gibson. Rusesabagina sei mit gefesselten Händen und Füßen an die Decke gehängt worden. Man habe sich auf sein Genick gestellt, sagt Gibson. Dem Bluthochdruckpatienten sollen seine Medikamente vorenthalten worden sein, er berichte immer wieder von Schwindel und Kopfschmerzen. Auch sollen die Behörden wiederholt vertrauliche Dokumente seiner ruandischen Anwälten konfisziert haben.

EIne Szene aus dem Film „Hotel Ruanda“ Imago Images

Rusesabagina gilt als Oskar Schindler Ostafrikas. 1994 starben während des Völkermordes in Ruanda innerhalb weniger Wochen mehr als 800.000 Menschen. Rusesabagina, heute 67 Jahre alt, leitete damals das „Hotel des Mille Collines“ in Kigali. Dort gewährte er mehr als 1200 Menschen Zuflucht und rettete damit ihre Leben. 2004 wurde seine Geschichte mit Don Cheadle in der Hauptrolle verfilmt, es folgten drei Oscar-Nominierungen. 2006 honorierte der damalige US-Präsident George W. Bush Rusesabaginas Mut mit der höchsten Verdienstmedaille, der Presidential Medal of Freedom.

Paul Rusesabagina gilt als Oskar Schindler Ostafrikas

Während er international gefeiert wurde, befand sich Rusesabagina als Kritiker des amtierenden Präsidenten Paul Kagame bereits seit Jahren im politischen Exil. Der damalige Tutsi-Rebellenkommandeur Kagame befreite Ruanda 1994 und baute das zerstörte Land nach dem Genozid wieder auf. Vor allem in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Infrastruktur wurden durch die von Kagame vorangetriebenen Reformen große Fortschritte gemacht.

Das Filmplakat von „Hotel Ruanda“ mit den Hauptdarstellern Don Cheadle und Sophie Okonedo. Imago Images

Allerdings wird Kagame auch vorgeworfen, Dissidenten zu verfolgen und die Meinungsfreiheit derart zu unterdrücken, dass politische Opposition und Kritik an der Regierung kaum möglich sind. So standen aus Angst vor Verfolgung die ruandischen Anwälte Rusesabaginas nicht für ein Interview zur Verfügung.

Nach einem Mordversuch 1996 verließ Rusesabagina Ruanda. In Belgien erhielt er mit seiner Familie Asyl und zudem die belgische Staatsbürgerschaft. Nach einem Versuch, sein Auto von der Straße abzudrängen, und vier Einbrüchen in das belgische Zuhause der Familie, siedelten sie nach San Antonio in Texas um. Aus dem Exil heraus kritisierte Rusesabagina immer wieder Kagames Politik und gründete mit anderen Exilanten eine Partei, die Ruandische Bewegung für Demokratischen Wandel (MRCD).

Vor Gericht wird ihm nun vorgeworfen, auch den bewaffneten Flügel, die Nationale Befreiungsfront (FLN), mitgegründet zu haben. Die FLN wird für tödliche Anschlägen in Ruanda verantwortlich gemacht. Die Staatsanwaltschaft hat insgesamt neun Anklagepunkte formuliert, darunter Mord, bewaffneter Überfall und die Finanzierung terroristischer Tätigkeiten. Sie fordert eine lebenslange Haftstrafe. Das Europaparlament und US-Kongressabgeordnete haben die Art der Festnahme und die Haftbedingungen heftig kritisiert, doch der ruandische Präsident weist die Kritik zurück.

Anwältin Gibson erwartet am 20. September einen Schuldspruch und eine lange Haftstrafe. Für diesen Fall fordert Katrin Langensiepen, deutsche Grünen-Abgeordnete im Europaparlament, Konsequenzen von der Europäischen Kommission. 460 Millionen Euro erhielt Ruanda zwischen 2014 und 2020 von der EU. Man sollte „genauer hinschauen“ und eine weitere Geldvergabe davon abhängig machen, ob sich das Land an rechtsstaatliche Prinzipien halte, sagt Langensiepen.

Rusesabaginas Tochter Kanimba erwartet kein baldiges Happy End. Aufgeben ist für sie aber auch keine Option: „Ich lasse mich nicht einschüchtern.“