Die beste Instanz: Nava Zarabian, Mohamed Amjahid, Moderatorin Enissa Amani, Max Czollek, Natasha A. Kelly und Gianni Jovanovic (v.l.). Foto  Foto: Screenshot/YouTube/Enissa Amani

Alles muss man selber machen! So ähnlich wird sich das wohl die Comedian und selbst ernannte Quasselstrippe Enissa Amani gedacht haben, als der WDR seine inzwischen als „misslungen“ deklarierte Folge der Talkshow „Die letzte Instanz“ wiederholte, in der vier weiße Menschen rassistische Fremdbezeichnungen verteidigten.

Im Zuge der darauffolgenden Debatte wurde auch Amani um Stellungnahme gebeten. Doch statt sich selbst ins Scheinwerferlicht zu rücken, entschied Amani, ihre Reichweite in den Dienst der Aufklärung zu stellen. Denn, das hatte die „Instanz“-Folge eindrucksvoll gezeigt: Dass Rassismus auch unsere Sprache strukturiert und keine Frage der Intention, sondern des politischen Bewusstseins ist, ist kein Allgemeinwissen.

Gäste haben sich mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt

Amani stellte kurzerhand ihr eigenes Experten-Panel zusammen, dessen Teilnehmer „über jede Form von Diskriminierung mit wissenschaftlicher Kredibilität sprechen können“. Geladen waren: Natasha A. Kelly, Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin mit Schwerpunkt Kolonialismus und Feminismus. Max Czollek, Lyriker und Publizist. Gianni Jovanovic, Comedian und Aktivist für die Belange der Sinti und Roma. Nava Zarabian, Bildungsreferentin an der Bildungsstätte Anne Frank sowie der freie Journalist Mohamed Amjahid.

Die fünf Gäste hatten sich übrigens – entgegen der weitverbreiteten Annahme, Rassismuskritik sei gefühliger Minderheiten-Zeitvertreib – nicht aufgrund persönlicher Erfahrungen qualifiziert, sondern aufgrund ihrer tiefgehenden Auseinandersetzung mit Rassismus. Ihre Runde nannte Amani einer Eingebung Czolleks folgend dann auch „Die beste Instanz“. Saalmiete, Produktion, Gesundheitsmaßnahmen zahlte die Unterhalterin „aus eigener Tasche“.

Die Sendung, die am Dienstagabend auf Amanis YouTube-Kanal online ging, von knapp 1000 Zuschauern live erwartet, von zeitweise 3600 live gesehen und seither 69.754-mal geklickt wurde, ist unterhaltsames Bildungsfernsehen, ausgehend von der These, dass Sprache immer auch Handlung ist. Wem das auf Anhieb zu abstrakt klingt, seien reihenweise Erklärbeispiele in Aussicht gestellt, die das demokratisch gesinnte Herz unabhängig vom Bildungsgrad in die Hose rutschen lassen.

Dabei profitiert das Format nicht nur von der Fachkenntnis der Gäste, sondern auch von Amanis Bereitschaft, das Gespräch mit den eigenen Fehltritten anzureichern. Fast habe sie bei ihrer Anmoderation „das Wort für Rassismus gegen Sinti und Roma“ benutzt, das die Ausgrenzung in sich trägt, erzählt Amani. Sie nickt in die Runde, wie um Erlaubnis bittend. Gianni Jovanovic ruft „Trigger!“ Richtung Kamera, nur halb im Scherz. Denn auch ihm ist bewusst, dass man das Publikum mitnehmen muss, wenn es was lernen soll. Endlich fällt das Wort: Antiziganismus.

„Warum ist Alman erlaubt, aber das Z*-Wort nicht?“, paraphrasiert Amani die Einwände ihrer Follower und übergibt an Gianni Jovanovic, der den traumatisierenden Effekt dieser Sammelbezeichnung historisch darlegt: Es verweise auf den Genozid an Sinti und Roma zwischen 1939 und 1945, als das Wort den Menschen vor der Auslöschung in den Arm tätowiert wurde. In den Kommentarspalten regnet es indes Dankeschöns, verbale Freudentränen und dann auch eine Punchline: „Das einzig Gute am WDR-Fail ist dieses Format.“