Die Britin Madeleine McCann lächelt auf einem Kinderfoto vor ihrem Verschwinden vor 13 Jahren.  Foto: AP/dpa

Es ist ein Fall, der längst Kriminalgeschichte geschrieben hat, der Ermittler europaweit über Jahre hinweg beschäftigte, der wildeste Theorien hervorbrachte – und der nun vielleicht endlich zu einem Abschluss kommen könnte. Im Mai 2007 verschwand das damals dreijährige britische Mädchen Madeleine McCann aus einer Ferienanlage in Portugal. Eine Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Und doch, so berichtete es der BKA-Beamte Christian Hoppe am Mittwochabend in der Live-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“, geht man von einem Tötungsdelikt aus. Nach neuesten Erkenntnissen führt die Spur zum Täter nach Deutschland.

In der ZDF-Sendung von Rudi Cerne war der spektakuläre Fall schon einmal Thema gewesen: Im Oktober 2013 waren Madeleines Eltern Kate und Gerald McCann zu Gast. Schon damals, so Hoppe, sei ein Zuschauerhinweis eingegangen, der sich auf den nun ermittelten Verdächtigen bezog. Damals hätten die Informationen aber nicht für Ermittlungen oder gar eine Festnahme ausgereicht – und auch heute brauche es noch entscheidende Beweise. Allerdings hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig bereits ein Verfahren wegen Mordverdachts eingeleitet. Der Tatverdacht gegen den Deutschen scheint also ziemlich konkret zu sein.

Es handelt sich um einen Mann, der zum Zeitpunkt von Madeleines Verschwinden 30 Jahre alt war. Aktuell sitzt der inzwischen 43-jährige eine Haftstrafe in Deutschland wegen eines Sexualvergehens und Rauschgifthandels ab. In den Jahren 1995 bis 2007 hielt sich der Verdächtige fast ausnahmslos in Portugal auf, zum Tatzeitpunkt war sein Handy in der Nähe des Tatorts eingeloggt.

Maddies Eltern, Kate und Gerry McCann, halten bei einem Such-Aufruf das Foto ihrer Tochter hoch. Das Foto zeigt, wie sich Maddies Gesicht in den vergangenen Jahren verändert haben könnte. Foto: John Stillwell/PA Wire/dpa

Unter anderem wohnte der mutmaßliche Täter für einige Jahre in einem Haus zwischen Lagos und Praia da Luz – dem Ort, an dem Madeleine am 3. Mai 2007 verschwand. Er ging in diesem Zeitraum an der Algarve diversen Gelegenheitsjobs nach und fiel darüber hinaus wegen Einbruchsdiebstählen und Drogenhandels auf.

Außerdem wurde der Tatverdächtige in der Vergangenheit bereits mehrfach wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu Freiheitsstrafen verurteilt. Ob im Fall Madeleine sexueller Missbrauch das Motiv war oder zunächst eine Einbruchsabsicht vorlag, ist derzeit noch Bestandteil der Ermittlungen.

Nach Informationen der Braunschweiger Zeitung handelt es sich bei dem nun Beschuldigten um einen Mann, der 2019 vom Landgericht Braunschweig wegen Vergewaltigung einer damals 72-jährigen Amerikanerin verurteilt worden sei. Der Mann soll die Tat in demselben portugiesischen Ort begangen haben, in dem rund anderthalb Jahre später die kleine Maddie verschwand.

In diesem Haus in Portugal soll der tatverdächtige Deutsche gelebt haben. Foto: BKA - Bundeskriminalamt via AP

Im Dezember 2019 sei der Mann vor dem Braunschweiger Landgericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Das Urteil sei bislang nicht rechtskräftig. Der Angeklagte werfe der Justiz Rechtsfehler im Auslieferungsverfahren vor.

Wie Scotland Yard am Mittwochabend mitteilte, trug der Mann zur Tatzeit kurzes, blondes Haar und war etwa 1,80 Meter groß. Besonderes Augenmerk lenkten die Ermittler auf zwei Fahrzeuge und zwei Telefonnummern, die der Verdächtige benutzt haben soll. Es geht um einen Caravan vom Typ VW T3 Westfalia mit portugiesischem Nummernschild, in dem der Mann zeitweise gewohnt haben soll, und einen Jaguar, Model XJR 6, mit deutschem Kennzeichen. Am Tag nach Maddies Verschwinden sei der Jaguar auf einen neuen Halter umgemeldet worden.

Gut möglich, dass aufgrund der neuen Erkenntnisse endlich Licht ins Dunkel kommt und die Eltern endlich Gewissheit bekommen, was an diesem Urlaubstag an der Algarve tatsächlich geschah. In den Ferien, die laut Maddies Vater Gerald McCann ganz harmlos begannen: „Es war ein idealer Urlaub, wir waren völlig entspannt“, berichtete er in der Sendung von 2013.

Der Caravan vom Typ VW T3 Westfalia mit portugiesischem Nummernschild, in dem der Mann zeitweise gewohnt haben soll. Foto: Bundeskriminalamt via AP

Die Familie – neben Madeleine waren auch noch die zweijährigen Zwillinge der McCanns dabei – wohnte in der Ferienanlage „Ocean Club“ in Praia da Luz. Am Abend des 3. Mai 2007 aßen die Eltern mit befreundeten Paaren in einem Restaurant der Anlage. Die Kinder schliefen in den Ferienwohnungen, abwechselnd sahen die Eltern jede halbe Stunde nach ihnen. Madeleine schlief nur 50 Meter vom Restaurant entfernt.

Um 22 Uhr bemerkte Kate McCann das Verschwinden ihrer Tochter. Ein Fenster des Appartements, das zuvor geschlossen gewesen sei, habe offen gestanden. „In nur einer Minute hat sich unser Leben, das so perfekt erschien, in die schlimmste nur vorstellbare Situation verwandelt“, sagte Gerald McCann.

Nicht nur mussten die Eltern fortan mit der Ungewissheit leben, was ihrer Tochter zugestoßen war. Sie gerieten auch selbst unter Verdacht. Nachdem die Ermittler zu Beginn noch von einer Entführung etwa für einen Pädophilenring ausgegangen waren und auch mehrere Verdächtige festnahmen, schwenkten die portugiesischen Beamten auf die McCanns um, verhörten sie und erklärten sie zu Verdächtigen – ein Verdacht, der sich aber nie erhärten ließ.

Der Jaguar, Model XJR 6, mit deutschem Kennzeichen. Am Tag nach Maddies Verschwinden soll der Jaguar auf einen neuen Halter umgemeldet worden sein. Foto: Bundeskriminalamt via AP

Im März 2008 entschuldigten sich mehrere britische Boulevardzeitungen bei der Familie McCann für Berichte, die ihnen eine Mitschuld am Verschwinden und Tod Madeleines gegeben hatten. Sie mussten ihnen und ihren Zeugen hohe Entschädigungen zahlen. Die Eltern erklärten, das Geld ausschließlich für die weitere Suche nach Madeleine einzusetzen. Überhaupt ruhten die McCanns nicht – sie mobilisierten die Bevölkerung, bei der Suche nach Madeleine zu helfen, reisten durch Europa, um auf Urlaubsfotos Hinweise zu finden. Selbst der Papst segnete die Eltern und ein Bild ihrer vermissten Tochter.

Madeleines Eltern hatten sich immer wieder mit emotionalen Aufrufen an die Öffentlichkeit gewandt. „Alles, was wir je wollten, ist sie zu finden, die Wahrheit ans Licht zu bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen“, heißt es nun in einem Statement der Eltern in der Scotland-Yard-Mitteilung. „Wir werden niemals die Hoffnung aufgeben, Madeleine lebend zu finden, aber was auch immer herauskommen sollte, wir müssen es wissen, weil wir Frieden finden müssen.“

Das Bundeskriminalamt hat wegen der aktuellen Entwicklungen ein Hinweisportal eingerichtet, auf dem man auch Fotos hochladen kann, die 2007 an der Algarve aufgenommen wurden und auf denen fragliche Fahrzeuge oder Häuser zu sehen sein könnten. (mit dpa)