Ein Mann geht allein eine Straße entlang. Foto: dpa/Oliver Berg

Viele drohen abzurutschen, in ein schwarzes Loch zu fallen. Da ist sich Monika Wehn sicher. Sie leitet den Freizeitclub Karlsruhe & Region, wo sich Singles meist zwischen 40 und 60 zum Beispiel beim Wandern, bei gemeinsamen Restaurant- oder Theaterbesuchen kennenlernen können. Im Teil-Lockdown mitten in der Corona-Krise bietet sie nun Online-Meditation und Hörgeschichten auf ihrem Blog. „Einfach, um Hoffnung zu geben“, sagt Wehn.

Denn Singles seien durch die Kontaktbeschränkungen stark getroffen. Zwar ist das Treffen mit einem zweiten Hausstand erlaubt, was mitunter ja eine ganze Familie samt quirliger Kinder sein kann. Und auch waren die Isolationsvorgaben im Frühjahr etwa in Bayern noch strenger. Dennoch breche für Singles vieles weg, sagt Wehn. „Wenn sie im Homeoffice arbeiten, ist es furchtbar. Dann haben sie überhaupt keinen Austausch mehr. Das ist nicht gut für die Seele.“

Pastorin: Singles im Homeoffice geht es am schlechtesten

Die Gefahr sieht auch Pastorin Astrid Eichler vom Netzwerk Solo & Co für christliche Singles mit Sitz in Dallgow-Döberitz in der Nähe von Berlin. „Singles im Homeoffice sind die Gruppe, der es am schlechtesten geht. Da merkt im Moment kein Mensch, wenn sie in eine Depression rutschen.“ Für Singles in Großstädten sei der Lockdown in den Bereichen Gastro und Kultur mitunter noch schlimmer als die Kontaktbeschränkungen.

Monika Wehn, Leiterin des Freizeitclub Karlsruhe & Region. Foto: dpa/Uli Deck

Wichtig sei, in dieser Zeit auf seine Mitmenschen besonders achtzugeben. Allein zu leben habe oft viele Vorteile, sagt Eichler. „In dieser Situation spürt man allerdings die Nachteile.“ Mehr als 17 Millionen Menschen in Deutschland waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr nicht nur alleinstehend sondern lebten auch noch allein. Tendenz: seit Jahren steigend.

Allein sein heißt laut Deutscher Gesellschaft für Psychologie aber nicht automatisch,„ dass es uns dann schlecht geht und wir uns einsam fühlen – im Gegenteil: Viele Menschen nehmen sich bewusst Zeit für sich allein, um dem Trubel des Alltags zu entgehen und ein wenig Ruhe zu haben“. Doch könne sich auch Einsamkeit entwickeln. Die fühle sich schmerzhaft an und gehe oft mit Traurigkeit und einem Gefühl von Kontrollverlust einher. Wichtig sei dann, Kontakte zu pflegen.

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Über Messenger-Dienste wie WhatsApp könnten nicht nur Texte, sondern auch Fotos und Sprachnachrichten ausgetauscht werden. Und Menschen könnten etwa über Skype sogar per Video miteinander sprechen. „Aber auch den klassischen Brief oder das Telefon sollten wir nicht vernachlässigen“, empfehlen die Experten. „Besonders bei den Mitmenschen, die keinen Zugang zu digitalen Medien haben.“

Die belgische Regierung geht sogar noch einen Schritt weiter: Auch im Nachbarland gelten zwar wieder strenge Regeln zur Pandemiebekämpfung. Doch bis Mitte Dezember dürfen Belgierinnen und Belgier weiter einen „Knuffelcontact“ zu Hause empfangen – ohne Abstand. „Knuffelen“ bedeutet auf Niederländisch nämlich so viel wie drücken oder schmusen. An Singles wurde dabei gedacht: Sie dürfen einen zweiten "Knuffelcontact" haben – jedoch nicht beide gleichzeitig einladen.

Bei den Treffen des Freizeitclubs von Monika Wehn waren herzliche Begrüßungen und Verabschiedungen inklusive Umarmungen üblich. „Da geht viel verloren“, sagt sie. „Wenn man allein zu Hause ist, isst man mehr, trinkt mehr, wird lethargischer, kann sich nicht mehr aufraffen.“ Wenn man sich öffentlich nicht mehr mit mehreren Leuten treffen darf, vermutet Wehn, wird sich das ins Private verlagern.

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Die Regierung agiere auch jetzt in der zweiten Corona-Welle hilflos, findet sie. Anders als im Frühjahr als Schulen dicht gemacht wurden und Seniorenheime mit strikten Besuchsregeln belegt wurden, stünden nun plötzlich Kinder und Alte im Mittelpunkt. Dann wiederum dürfe eine Schulklasse zwar in einen Park, nicht aber in den Zoo. „Vielleicht bringt der zweite Lockdown eine Sensibilität in eine andere Richtung“, meint Eichler mit Blick auf Singles.

Nur haben die keine Lobby, die ihre Interessen auf hoher politischer Ebene vertreten könnte. Es gibt keinen Bundesverband oder ähnliches. „Wie wollen die sich auch zusammenschließen“, fragt Wehn. Auffällig ist, dass in den wichtigen Entscheidungsrunden Singles deutlich in der Unterzahl sind: Sämtliche Ministerpräsidenten und -präsidentinnen sind verheiratet. Und auch die Mitglieder der Bundesregierung sind nach offiziellen Angaben fast alle in einer Ehe oder liiert, mehrere haben Kinder. „In solchen Gremien fehlt dann das Verständnis“, sagt Eichler. „Die wissen gar nicht, dass es uns gibt.“ Es sei auch schwierig, wenn man sich immer erst selbst zu Wort melden müsse.

Womöglich führt die Pandemie aber dazu, dass sich die Verhältnisse bald ändern. Das schiebt Wehn noch nach: „Die Krise belastet auch Paare. Vielleicht haben wir hinterher mehr Singles.“