Die Gemeinde Kuchl in Salzburg. Foto: Barbara Gindl/dpa

Bis in die Täler hängen die Nebelschwaden, es ist kalt und nass. Das Orange und Gelb der Föhren erinnert an den goldenen Herbst, der in den Alpen immer besonders schön ist. In diesem Jahr ziehen die Bewohner der Gemeinde Kuchl im Salzburger Land wehmütig Bilanz. Trotz Corona war es ein gutes Jahr: Die Gästezahlen waren fast auf dem Niveau des Vorjahres. Viele kamen aus Deutschland, aber auch aus anderen europäischen Staaten. Einheimische reisten an, weil ihnen exotische Ziele verwehrt waren. Doch über Nacht hat sich die Lage in Kuchl dramatisch verändert. Die 7500 Einwohner zählende Gemeinde wird abgeriegelt und komplett unter Quarantäne gestellt.

Die Bewohner dürfen den Ort nicht verlassen, niemand darf rein. 88 positiv auf das Coronavirus getestete Personen sind der Grund. Die Einwohner sind verstört: „Wir haben nicht überheblich gefeiert, es gibt keine ausufernden Partys bei unseren Jugendlichen“, sagt eine Unternehmerin aus dem Ort. Sie kann nicht nachvollziehen, woher die Ansteckungen gekommen sein könnten.

In der Gemeinde ist eine Schule für Holztechnik. Die Schüler kommen unter anderem aus Bayern und Südtirol. Auffällig geworden sei bisher niemand. Auch die Zahl der Erkrankten gibt keinen Hinweis. Man kenne nun zwar auch persönlich Leute, die einen positiven Test haben. Doch den radikalen Schnitt, der über Nacht über den Ort verhängt wurde, verstehen die Einwohner nicht. Ja, man habe von zwei Personen gehört, die ins Krankenhaus gebracht worden seien, sagt ein Bewohner. Aber die seien alt gewesen und hätten Vorerkrankungen gehabt.

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Den sprunghaften Anstieg erklärt sich die Einheimische so: „Zuerst haben sie in einem Unternehmen einen positiven Fall gehabt. Dann wurde das ganze Unternehmen getestet. Da gab es wieder positive Fälle und dann wurden deren Familien und Freunde getestet, und wieder gab es positive Fälle.“ Fast alle, die getestet wurden, hätten keine Symptome gehabt.

Nun fürchten die Bewohner, künftig wie Ischgl am internationalen Pranger zu stehen. Noch versuchen die Leute, Ruhe zu bewahren. Ein Mitarbeiter aus dem Tourismusbüro Kuchl sagt: „Die Entscheidung kam für uns überraschend, aber wir versuchen, das Beste daraus zu machen.“ Wie das gehen soll, weiß er nicht.

Die Aussicht auf einen Stillstand hat einen Schock ausgelöst. Unter der Oberfläche brodelt es, wie eine Einwohnerin erklärt: „Jetzt sagen die Leute plötzlich Dinge laut, die sie bisher nur hinter vorgehaltener Hand gesagt haben. Sie glauben der Regierung nicht, weil sie eine andere Wahrnehmung der Realität haben. Sie wollen nicht mehr brav sein und gehorchen.“

Noch ist nicht klar, ob die Bundesstraße durch den Ort abgesperrt wird. Oben auf den Bergen ist über Nacht der erste Schnee gefallen.