Eine Gruppe Männer sitzt in einem Biergarten. Foto: dpa/Andreas Gebert

Maßkrüge klirren, das Gemurmel vieler Stimmen liegt über der Szenerie, und in der lauen Luft fühlt sich der Sommerabend fast an wie immer. Fast. Die Tische sind weit auseinandergerückt, es gibt weniger Plätze. Wer nicht reserviert hat, muss gelegentlich kehrtmachen. Biergärten, aber auch Terrassen und Gärten vor Gaststätten sind in diesem Corona-Sommer extrem begehrt.

Schon vorher erlebten Biergärten einen Boom. „Diese bayerische Erfindung hat ihren Siegeszug in ganz Deutschland angetreten“, sagt die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, Ingrid Hartges. Mit der Corona-Krise sei die Sehnsucht noch größer geworden, wieder draußen zu sein und sich zu treffen. Die Berichte zu Infektionsrisiken in geschlossenen Räumen tragen ebenso zur verstärkten Nachfrage in der Außengastronomie bei.

In München stehen Menschen an, um in den Biergarten zu kommen. Durch die Corona-Krise ist der Boom noch größer geworden. Foto: dpa/Peter Kneffel

In vielen Städten haben die Behörden Ausnahmen ermöglicht: Bürgersteige und Parkplätze wurden in Windeseile zu einer Art Biergarten umfunktioniert: Tische raus, provisorischer Zaun drumrum - fertig. Das habe den Verlust an Plätzen durch die Abstandsregeln oft kompensieren können, sagte Hartges.

Mit den ursprünglichen Biergärten hat das nichts zu tun. Sie waren Anfang des 19. Jahrhunderts an den Bierkellern entstanden, wo das Bier im Sommer kühl lagerte. Brauer entdeckten den Ausschank über den Kellern im Schatten der Kastanien als Geschäft. In der Folge gab es Zank mit Gastwirten, denen die Gäste wegblieben - bis König Max I. am 4. Januar 1812 per Erlass für Frieden sorgte. Er erlaubte den Brauern den Ausschank über den Bierkellern. Zugleich verbot er den Verkauf von Speisen. So brachten die Gäste ihr Essen mit.

Daraus wurde Tradition. Mancher Tourist staunt heute in Bayern, wenn Einheimische ihre eigene Tischdecke entfalten, um Käse und Rettich, Salzstreuer und Besteck auszubreiten. Echte Biergärten, wo wie früher nur Bier ausgeschenkt wird, sind praktisch verschwunden. Am Tresen gibt es Kartoffelsalat, Leberkäse oder Haxe. 

Hinweisschilder vor einem Biergarten in München weisen auf die coronabedingte Gästedatenerfassung hin. Foto: dpa/Peter Kneffel

Der Biergarten sei ein „demokratischer Ort“ gewesen, sagt Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, Norbert Göttler. Dort sei kein Platz gewesen für geheime politische Absprachen. Außerdem fielen dort die strengen Regeln für gesellschaftliche Schichten weg, die im Gasthaus galten, wo nicht jeder rein durfte, oder wo es strenge Regeln gab, wie im Wirtshaus, wo Knechte, Großbauern und Obrigkeit an jeweils eigenen Tischen saßen. In den Biergärten aber durfte jeder mit jedem trinken.

Das bekam auch Prinz Ludwig, der spätere bayerische König Ludwig III., mit seiner Frau Marie Therese am Kloster Andechs zu spüren. Der laut der Andechser Chronik im überfüllten Haus keinen Platz bekam und angewiesen wurde, sich wie die anderen ins Gras zu setzen.

Schon jetzt sorgen sich Wirte, wie es im Herbst wird, wenn es draußen kalt ist. Viele Gastronomen denken an Heizpilze. Sicher ist: Die Zeiten bleiben hart.