Probanden eines Großversuchs der Universitätsmedizin Halle/Saale verfolgen in der Arena Leipzig ein Konzert des Popsängers Tim Bendzko (links auf der Bühne). Rund 1400 Besucher beteiligen sich an dem Versuch unter dem Titel «Restart-19». Foto:  Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB

In langen Schlangen rund um die Arena Leipzig stehen oder sitzen rund 1500 Menschen. Sie wollen zu einem der größten Indoor-Konzerte in Deutschland seit Beginn der Corona-Krise. Viele tragen schon draußen die vor Ansteckung schützenden FFP2-Masken, die an den Eingängen verteilt werden. Während sie warten, lassen sie sich von „Hygiene-Stewards“ in roten Shirts an der Stirn Fieber messen.

Einen Corona-Test haben die Teilnehmer bereits am Donnerstag gemacht und eingesendet. Mit Presse und Personal inklusive wurden in weniger als 24 Stunden insgesamt 1900 Proben analysiert. Eine Teilnehmerin musste wegen eines positiven Tests ausgeschlossen werden, teilen die Veranstalter später mit.

„Restart 19“ heißt das Projekt, das die Hoffnungen der Veranstaltungsbranche und das Interesse der Medien weckt wie wenige in der Corona-Krise. Popsänger Tim Bendzko wird auf der Bühne auftreten, mehrere Mini-Konzerte verteilt über acht Stunden spielen. Doch Bendzko ist nur das Lockmittel, eine Notwendigkeit und kleines Dankeschön, eigentlich Nebensache. Der wahre Star an diesem Sonnabend ist Stefan Moritz, Infektiologe am Universitätsklinikum Halle.

Erster Durchlauf ohne Abstand, Schulter an Schulter

Moritz sagt, er habe vor ein paar Monaten, nach einem Gespräch mit den Köpfen des Leipziger Handball-Vereins SC SHfK, erstmals verstanden, was Corona für die vielfältige Veranstaltungsbranche – für Vereine, Zirkusse, Messen, Konzert- und Musicalveranstalter, Clubs, Künstler, Musiker, Techniker, mehr als zwei Millionen Betroffene – bedeutet: das unweigerliche Aus für viele, spätestens zum Ende des Jahres.

„Simulationen zum Übertragungsrisiko von Covid-19 im Rahmen von Sport- und Kultur-Großveranstaltungen in geschlossenen Räumen“, heißt die Beschreibung des Versuchs offiziell, den Moritz’ Team in Zusammenarbeit mit der Leipziger Arena und dem Leipziger Handballverein wagen, finanziell getragen von den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt. Mit süddeutschem Akzent und einigen Scherzen dirigiert Moritz die Teilnehmer von der Bühne aus in drei Durchläufen auf ihre Plätze im bestuhlten Innenraum und den Tribünen. Im ersten Szenario ohne Abstand, Schulter an Schulter. Im zweiten Szenario mit je einem Sitzplatz Abstand zwischen Haushalten. Im dritten Szenario mit mindestens 1,5 Metern. 

Die Teilnehmer tragen FFP2-Masken, die Aerosol-Verbreitung wird wegen der hohen Ansteckungsgefahr nur in aufwendigen Simulationen am Computer berechnet. Erfasst werden heute die Kontakte: Jeder Teilnehmer trägt einen Tracker, der mehrmals pro Sekunde meldet, wie nah er sich bei den drei Konzerten an anderen Teilnehmern befindet. Auch in der Halle, den Toiletten- und Eingangsbereichen sind Tracker verteilt. Wird ein bestimmter Abstand zwischen Besuchern unterschritten, verzeichnen die Daten – je nach Nähe – ein „Ereignis“ oder einen „Kontakt“. An den Türen wird Desinfektionsmittel verteilt, das unter Schwarzlicht leuchtet. Mögliche Herde für Schmierinfektionen sollen so nach der Veranstaltung identifiziert werden können.

Pragmatisches und hochpolitisches Experiment

Es ist ein pragmatisches und hochpolitisches Experiment, ausgerichtet auf die Nöte der sechstgrößten Wirtschaftsbranche in Deutschland. Ihre Probleme sind fehlende Perspektiven für Großveranstaltungen, provisorische Hygienepläne und, aus rein wirtschaftlicher Sicht, vor allem ab Herbst, die Abstandsregeln. Viele Veranstalter schreiben Verluste, wenn sie die Räume nicht voll machen dürfen, zumindest voller als zurzeit. 

Dennoch ist Moritz’ Versuch nicht unumstritten. Auch mit negativem Testergebnis ist nicht zu 100 Prozent sicher, dass die Teilnehmer alle negativ sind. Sie können sich erst am Donnerstag oder bereits vor Tagen angesteckt haben, ohne dass der Test ausschlägt. Der Test sei deswegen nur ein „Baustein“ der Sicherheitsstrategie, betont Stefan Moritz. Zwingend sei auch die FFP-2-Maskenpflicht. „Sicherheit steht an allererster Stelle.“ Doch: Eine nochmalige Testung der Teilnehmer nach der Veranstaltung ist laut Moritz nicht vorgesehen. Ob der Versuch selbst für Infektionen gesorgt hat, wird so nicht leicht festzustellen sein.

Viel Kritik, auch von Leipzigern, hat Moritz vorab erhalten. Als Signal kann auch die Teilnehmerzahl gewertet werden: 4000 wollte Moritz ursprünglich haben. Die Anmeldefrist wurde bis zum Tag vor dem Konzert verlängert – dennoch haben sich nur 2200 angemeldet. 1500 sind am Ende tatsächlich gekommen. „Ich kann über die Gründe nur spekulieren“, sagt Moritz. 

Über Szenario 1 – die alte Normalität, ganz ohne Abstand – sagen alle Teilnehmer, mit denen der KURIER vor der Halle gesprochen hat: „Ungewöhnlich“, „Zu eng zurzeit“ oder „Das geht einfach nicht“. Szenario 2 – mit einem Sitzplatz Abstand – können sich viele hingegen vorstellen. Sie habe „keinerlei Sicherheitsbedenken“, sagt Juliane Eiserbeck – wenn alle Teilnehmer zuvor getestet würden. Die 31-Jährige trägt Bandshirt und steht nach Durchlauf 2 mit einem Freund in der Schlange für Currywurst an. Eigentlich arbeitet sie in der Leipziger Stadtverwaltung und ist leidenschaftliche Konzertgängerin.

Szenario 2 sei angenehm gewesen, sagen sie, es sei auch etwas Konzertstimmung aufgekommen. Aber: Unter der FFP2-Maske schwitze man schnell, schneller als unter Mund-Nasen-Schutz. „Ich fände es schon sehr belastend, wenn das bei Konzerten in Zukunft Pflicht wäre“, sagt Eiserbeck.

Die Studie könne nur ein erster Schritt sein, das betont Stefan Moritz am Ende der Veranstaltung auf der Bühne. Die Auswertung der Daten brauche mindestens vier, eher sechs Wochen. Dazu laufen die Aerosol-Simulationen, die noch wichtiger sind als der aufsehenerregende Kontaktversuch heute.

Noch einmal kommt Tim Bendzko auf die Bühne, für einige Songs. Das Publikum sitzt unter Corona-Bedingungen auf 1,5 Meter Abstand. Die Band spielt den Radio-Hit „Keine Maschine“. Zum ersten Mal an diesem Tag steht fast jeder auf, schwenkt die Arme oder tanzt an seinem Platz. Ob es am Warmlaufen, am Song, am Text, am Abstand liegt? Das bleibt Spekulation.