Dirk Gratzel auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Polsum, das er gekauft hat. Foto: Miriam Gratzel

An dem Ort, der Dirk Gratzel von seiner Schuld reinwaschen soll, steht ein Backsteinbau mit eingeschlagenen Fenstern, aus rissigem Asphalt wachsen Pflanzen. Dirk Gratzel klickt durch die Fotos auf seinem Computer: von Gestrüpp umwucherte Straßenlaternen, Graffiti-beschmierte Wände, ein kahler Raum mit herausgerissenen Spinden. Die Steinkohlezeche Polsum im Ruhrgebiet wurde 2008 stillgelegt. Die Öffnung zu dem Schacht, durch den die Bergleute fast 900 Meter in die Tiefe fuhren, wurde verfüllt, dann passierte nichts mehr. Im vergangenen Jahr meldete sich Dirk Gratzel bei der Immobiliengesellschaft, die für ehemalige Bergbauflächen neue Nutzungen zu finden versucht. Er sei auf der Suche nach einem Ort, den er renaturieren könne – ein persönliches Wiedergutmachungs-Projekt. Dirk Gratzel bekam Exposés für mehrere Flächen zugeschickt. Eine war die Zeche Polsum.

In den nächsten Jahren wird Dirk Gratzel damit beschäftigt sein, 13 Hektar Industriebrache in ein Stück Natur zu verwandeln. Sie soll dafür sorgen, dass der Schaden, den er der Umwelt in seinen bislang 52 Lebensjahren zugefügt hat, wiedergutgemacht wird - und auch der, der von jetzt an noch dazukommt. Dirk Gratzel hat ein Ziel: Er will auf dieser Welt einen neutralen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Lesen Sie auch: Forscher: So könnte Deutschland bis 2035 CO2-neutral werden

Die Bepflanzung einer Industriefläche bei Recklinghausen ist der letzte Teil des Projekts, das sein Leben von Grund auf verändert hat – auch wenn es zunächst gar nicht so aussieht. Dirk Gratzel hat zu sich nach Hause eingeladen, er wohnt immer noch in dem großen denkmalgeschützten Steinhaus in Stolberg bei Aachen, in das er vor ein paar Jahren mit seiner Frau und den fünf Kindern gezogen ist. Das Wohnzimmer ist ein weiter, hoher Raum, Stufen führen zu einem offenem Kamin, hinter den Terrassentüren liegt ein großzügiger Garten. Alles hier strahlt Wohlstand aus und auch Freude daran, das im Leben Erreichte zu genießen. Die Veränderungen erschließen sich erst auf den zweiten Blick: die neue Eingangstür aus nachhaltig angebautem Holz und die neuen Fenster. Das kleine Hybridauto vor der Tür. Dirk Gratzels Pullover, der ein abgelegtes Exemplar seines Vaters ist. Die Hose aus recyceltem Material. Die Tiefkühltruhe, in der kein Fleisch liegt, weil es bei Gratzels nur noch selbst erlegtes, CO2-neutrales Wild gibt – und, wenn Dirk Gratzel, wie in den vergangenen Wochen, Pech hat und nichts schießt, gar kein Fleisch.

Was für eine Welt würde er seinen Kindern hinterlassen?

Bei der Jagd, erzählt Dirk Gratzel, seien vor ziemlich genau vier Jahren auch die Fragen unüberhörbar laut geworden, die sich seit einer Weile in sein Leben drängten. Was für eine Welt würde seine Generation hinterlassen? Was hat er dazu beigetragen, dass die jetzt schon spürbare Klimakrise das Leben auch seiner Kinder merklich beeinflussen wird? War sein Lebensstil geeignet, die Natur, die er so liebte, zu erhalten - oder eher im Gegenteil? Dirk Gratzel erzählt mit Bedacht, manchmal macht er eine Pause und überlegt, dann setzt er den Satz mit einer Präzision fort, an der man den Juristen erkennt.

An einem kühlen Herbstabend verließ er den Ansitz und wusste, dass er den ökologischen Schaden, den er bis dahin angerichtet hatte, ausgleichen wollte – und außerdem sein Leben so ändern, dass möglichst wenig neuer dazukam.

So kompliziert konnte das nicht sein, dachte er. Er täuschte sich. Im Internet fand er nur sogenannte Footprint-Rechner, mit denen man mit ein paar Angaben die eigenen CO2-Emissionen überschlagen konnte. Er wollte aber alle Folgen seines Tuns für die Umwelt kennen, nicht nur in Bezug auf Treibhausgase. Und auch nicht nur für den Moment, sondern rückblickend für sein Leben. Er schrieb an Umweltverbände, in den beiden einzigen Antworten, die er bekam, stand, dass es umfassendere Berechnungsmethoden als die recht groben CO2-Footprint-Rechner leider nicht gebe. Dirk Gratzel suchte im Internet nach Wissenschaftlern, die sich mit Ökobilanzierung und Nachhaltigkeit beschäftigten und schrieb auch ihnen. Einer meldete sich umgehend: Matthias Finkbeiner, Inhaber des Lehrstuhls für Sustainable Engineering an der Technischen Universität Berlin. In dem Telefonat wenige Tage später erfuhr Dirk Gratzel zu seiner Überraschung: Sein Vorhaben war wissenschaftliches Neuland. Die Lebens-Ökobilanz eines Menschen war schlicht noch nicht ermittelt worden.

Noch nie war die Ökobilanz eines Menschen ermittelt worden

Ortswechsel in das Institut von Matthias Finkbeiner, das sich hinter dem massigen TU-Hauptgebäude an der Straße des 17. Juni versteckt. Finkbeiner – gut gelaunt, Zopf, leicht schwäbischer Zungenschlag – sagt, dass er Dirk Gratzels Mail ungewöhnlich fand und wissen wollte, was dahintersteckt. „Wir bekommen ja viele Anfragen, zum Beispiel von Unternehmern, die von uns ein grünes Mäntelchen umgehängt bekommen wollen, ohne viel zu tun.“ Nach dem Telefonat wusste Matthias Finkbeiner: „Der meint es ernst.“ Ihm gefiel auch, dass Gratzel, wie Finkbeiner es elegant ausdrückt, „ohne ideologische Vorprägung“ rangegangen sei. Ein Inhaber eines IT-Unternehmens, Vielflieger, Fleischesser, begeisterter Autofahrer, der sein Leben ändern wollte und signalisierte: Es darf auch wehtun. Ein Treffen im Institut folgte, das erste von vielen. Matthias Finkbeiner hat Dirk Gratzels Vorhaben zum wissenschaftlichen Projekt gemacht, es heißt: „Life-LCA: Ökobilanzierung eines Menschen“. Es ist das erste seiner Art weltweit. LCA steht für „Life Cycle Assessment“, Lebenszyklusanalyse.

Matthias Finkbeiner, Professor für Sustainable Energy an der Technischen Universität Berlin, hat Dirk Gratzels ökologischen Fußabdruck ermittelt. Foto: Markus Wächter

Matthias Finkbeiner sagt, ihm habe schon länger vorgeschwebt, dass man so etwas machen müsste. Ökobilanzen sind sein Spezialgebiet - die von Produkten allerdings, nicht von Menschen. Automobilhersteller lassen von seinem Institut die Umweltwirkung ihres neuen Elektroautos ermitteln, Kosmetikfirmen die von Sonnencremes oder Duschgels. Sie haben schon die Ökobilanzen von Milch, Baumwolle oder Marmor errechnet. Lauter einzelne Produkte. Ein Mensch benutzt allerdings viele Produkte. Um zu bestimmen, was er für eine Wirkung auf seine Umwelt hat, muss alles erfasst werden: was er besitzt, gebraucht, tut. Matthias Finkbeiner war klar: Es würde aufwendig werden. Für ihn genauso wie für sein Forschungsobjekt.

Finkbeiner und seine Mitarbeiter entwarfen einen Fahrplan in drei Schritten. Zuerst würden sie den Umfang der Umweltschäden bestimmen, die Dirk Gratzel bislang verursacht hatte. Dann bekäme er die Aufgabe, seine Lebensführung möglichst ökologisch zu gestalten. Zuletzt würde es darum gehen, wie er den bislang angerichteten Schaden wiedergutmachen könnte. Für den legten sie fünf Kategorien fest: die CO2-Emissionen, die Versauerung wie die Überdüngung von Luft und Wasser, die Bildung von Ozon und von Smog.

Die durchschnittliche Emission eines Deutschen: zwölf Tonnen CO2 im Jahr

In seinem Wohnzimmer erzählt Dirk Gratzel, wie er am Vormittag des 1. Januar 2017 auf seinem Computer die Excel-Tabellen öffnete, die er aus Berlin geschickt bekommen hatte. Er trug ein: drei Tassen Kaffee (Costa Rica, konventionell), ein Ei (Deutschland, konventionell), zwei Brötchen, 50 Gramm Marmelade, 50 Gramm Käse, 120 Gramm Wurst. Sein Frühstück. Am Ende des Tages hatte er auch sein Mittag- und Abendessen notiert, die Autofahrten zu den Eltern und zum Sport und wie lange er geduscht hatte: drei Minuten. So ging es drei Monate lang weiter. Dirk Gratzel wurde zum peniblen Chronisten seines Alltags, er inventarisierte seinen Besitz von der Socke bis zum Kaminbesteck, und er rekonstruierte sein Leben: die Autos, die Reisen, die Wohnungen. Wo nötig, schätzte er großzügig. Am Ende schickte er viele Tabellenseiten ans Berliner Institut.

Lesen Sie auch: Nicht verschwenden, wiederverwenden: Lebensmittel-Reste vor der Tonne retten

Im Juni traf er sich erneut mit den Wissenschaftlern der TU. Zuerst gab es ein paar Zahlen, zur Einordnung: Laut den Vereinten Nationen muss, wenn die Erderwärmung, wie im Pariser Klimaabkommen festgelegt, auf unter zwei Grad beschränkt werden soll, der CO2-Ausstoß pro Kopf auf maximal zwei Tonnen gesenkt werden. Die durchschnittlichen Emissionen eines Deutschen: zwölf Tonnen. Die von Dirk Gratzel: 27 Tonnen.

Während Dirk Gratzel noch versuchte, sich nicht zu fühlen wie ein Schüler, der gerade ein Zeugnis mit lauter Sechsen bekommen hatte, folgte die Analyse im Detail: 40 Prozent der Emissionen gingen aufs Konto des Energieverbrauchs zu Hause und der Mobilität. Dirk Gratzel ist privat und beruflich Hunderte Male geflogen, hat immer Autos mit viel Hubraum bevorzugt und fuhr aktuell einen Jaguar SUV. Für zehn Prozent war seine Ernährung verantwortlich. Die anderen 50 Prozent verteilten sich auf Hobbys, Freizeitverhalten, Haustiere. Dirk Gratzels Jagdhund frisst 300 Kilo Fleisch in Jahr. Macht immerhin zwei Prozent der CO2-Jahresbilanz seines Besitzers.

Der Plan: keine Milchprodukte, den SUV verkaufen, Fleisch selbst schießen

Dirk Gratzel ging mit dem Auftrag nach Hause, einen konkreten Plan zu entwickeln, wie er sein Leben ändern wollte. Umweltschutzverbände würden zusätzlich Vorschläge liefern. Bei seiner nächsten Fahrt nach Berlin hatte Dirk Gratzel in der Tasche sein neues Leben dabei, als Liste mit 60 Maßnahmen. Keine Flüge mehr. Strecken bis 20 Kilometer mit dem Fahrrad, alles darüber möglichst mit der Bahn. Keine Milchprodukte. Kein Fleisch, außer es ist selbst geschossen. Fisch nur ausnahmsweise. Lebensmittel bio und regional. Kaffee – sehr schlechte Umweltbilanz - nur selten. Reinigungsmittel ohne Mikroplastik. Kleidung mit Nachhaltigkeitssiegel. Nur noch kaufen, was unverzichtbar ist. Haustür, Fenster und die Heizungsanlage erneuern. Den SUV verkaufen. Den Hund behalten.

Im Januar 2018 begann Dirk Gratzel wieder Tabellen zu füllen. Am ersten Tag trug er ein: Duschzeit: 45 Sekunden. Eine Tasse Kaffee (fairtrade). Acht elektrisch gefahrene Kilometer zum Bahnhof, dann weiter mit der Bahn zum Termin in Hannover.

Noch einmal dokumentierte er sein Leben, noch einmal kamen Tabellen in Berlin an. Als die Wissenschaftler ihm seinen neuen ökologischen Fußabdruck schickten, waren Gratzels gerade in Südtirol wandern. Dirk Gratzel öffnete die Mail: 7,8 Tonnen. So viel CO2-Ausstoß hatte er nun im Jahr zu verantworten. Deutlich weniger als der Durchschnittsdeutsche und für ihn sogar eine Einsparung von 70 Prozent. Er freute sich. Das war mehr, als er erwartet hatte. Es hatte sich gelohnt.

Lesen Sie auch: Oxfam-Bericht: Die Reichsten verpesten die Luft, die Ärmsten zahlen den Preis

Ein Zurück hätte es aber sowieso nicht gegeben. Das Ausmaß von Dirk Gratzels Wandlung lässt sich nicht von Tabellen und CO2-Werten ablesen. Die größte Veränderung passierte in seinem Kopf. „Mein Leben fühlt sich völlig anders an“, sagt er, „obwohl der äußere Rahmen der gleiche ist wie vorher.“ Er lebt noch in dem großen Haus, jetzt allein mit seiner Frau, die seinen Wandel unterstützend begleitet hat. Die Kinder sind ausgezogen. In keiner Weise betrachte er sich als „ökologischen Vorzeigekerl“.

Die Kompensation: Eine alte Zeche wird zu einem Stück Natur

Der Blick auf den Zusammenhang zwischen menschlichem Tun und dessen Wirkung auf die Umwelt jedoch ist eine Lebenshaltung geworden. Dirk Gratzel hat ein unterhaltsames Buch über sein Projekt geschrieben. Er hat seine Technologie-Firma verkauft und eine neue gegründet, Greenzero heißt sie: Mitarbeiter von Unternehmen, die nachhaltig werden wollen, sollen den gleichen Selbsterforschungs-Prozess durchlaufen wie er, in einer wenige Wochen dauernden Schnellversion. Die Idee ist, dass die persönliche Erfahrung einen anderen Bezug zu den Nachhaltigkeits-Ideen der Firma ermöglicht. Das Interesse ist groß, eine Drogeriekette ist einer der ersten Kunden.

Blick auf die ehemalige Zeche Polsum bei Recklinghausen Foto: Miriam Gratzel

Dann ist da der dritte und komplizierteste Teil des Projekts: die Kompensation seiner ökologischen Schulden, auch dies wird wissenschaftlich begleitet. Er hätte es einfacher und viel günstiger haben können, als ein stillgelegtes Bergwerk zu kaufen. Seine bis 2018 emittierten 1047 Tonnen CO2 könnte er nach gängigen Kompensations-Berechnungen mit 29.000 Euro begleichen. Das hätte aber nur den CO2-Fußabdruck aufgewogen. Außerdem mochte Dirk Gratzel den Gedanken des Sich-Freikaufens nicht.

Er begann, ein Grundstück zu suchen. Als er auf die frühere Zeche stieß, schien alles erst recht Sinn zu ergeben. Nicht weit entfernt war er groß geworden, zu einer Zeit, als noch niemand wahrhaben wollte, dass es nicht nur Arbeit und Wohlstand brachte, die Jahrmillionen alte Steinkohle aus den Tiefen des Ruhrgebiets nach oben zu holen und zu verbrennen; sondern dass mit ihr auch der damals gebundene Kohlenstoff wieder in die Atmosphäre entlassen wurde und sie aufheizte. Von seinem Kinderzimmer guckte Dirk Gratzel auf eine Zeche, auf einer Kokshalde fuhr er im Winter Schlitten. Sein Großvater arbeitete unter Tage.

Dirk Gratzel öffnet ein Dokument auf seinem Computer, der Bepflanzungsplan. Ein Wald, eine Wiese mit Magerrasen, die seinen Anteil an der Überdüngung ausgleichen soll, eine Feuchtwiese, eine Streuobstwiese mit alten Sorten, gut für die Artenvielfalt. Im November geht es los, da werden die ersten Bäume gepflanzt. Etwa 30 Jahre, dann werden sie die rund 1160 Tonnen CO2, die seinetwegen bis jetzt in die Atmosphäre gepustet wurden, aufgenommen haben. Die Chancen stehen gut, dass er das noch erlebt.