Annemarie Sigle am Ostseestrand
Foto Berliner Zeitung/Markus Wächter

Zwölf Stufen und dann noch mal zwölf. Eine schier unüberwindbare Hürde. Wie soll er da rauf kommen? Die halbe Treppe, dann Pause, dann die andere Hälfte. Fünfzehn Minuten für ein Stockwerk. Tamer Arslan schüttelt den Kopf. Er will den Fahrstuhl nehmen.

Es ist eine verkehrte Welt, in der der Berliner Oberarzt Tamer Arslan plötzlich ein Patient ist. Stundenlang operiert der Spezialist für minimalinvasive Chirurgie normalerweise Menschen an Magen und Darm. Derzeit kommt der ohne Hilfe allerdings nicht mal eine Treppe hinauf. Er bekommt schwer Luft. Seine Sprache ist schleppend. Er hält nichts durch. Gerade lernt er, wieder richtig durchzuatmen. Ob er in seinen Beruf zurück finden wird, weiß er nicht.

Tamer Arslan war an Covid-19 erkrankt. Gesund ist er noch lange nicht. Seit einer Woche ist er Patient in der Median-Klinik in Heiligendamm, einer Rehabilitationseinrichtung für Lungenerkrankungen. Ein kleiner Gang in den Garten ist eine Unternehmung.

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Die öffentliche Debatte war bisher bestimmt von Lockdown, Schutzmasken, Wirtschaftsfolgen, Reisebeschränkungen. Nur sporadisch hört man, wie es denjenigen ergeht, die an Covid erkranken. In Rehabilitationseinrichtungen versuchen sie, mit den Folgen klar zu kommen. Es ist viel medizinisches Personal darunter.

Weitläufig erstreckt sich das Gebäude der Median-Klinik am Ostseestrand. Tagsüber gibt es ein Gewusel auf den Gängen. Patienten laufen in den Speisesaal. Wer fitter ist, geht spazieren am Strand entlang, fährt Fahrrad und atmet gute Luft ein. Viel Zeit verbringen die Patienten mit Anwendungen. Im Untergeschoss der Klinik streben sie zu ihren Terminen für Atemübungen, Kraft- und Ausdauertraining, Wassertreten.

Tamer Arslan ist 44 Jahre alt, keine Vorerkrankungen. Er war körperlich fit, steckte sich wahrscheinlich bei einem Patienten an, so wie fünf Kollegen. Während die anderen schnell durch waren mit der Krankheit, kämpfte Arslan wochenlang mit dem Tod. Warum der eine schwer und der andere leicht oder gar nicht erkrankt, weiß man bis heute nicht . „Warum gerade ich? Ich habe keine Ahnung“, sagt Tamer Arslan. Von Ende Juni bis Ende August ist er dauernd im Krankenhaus gewesen.

Tamer Arslan in der Klinik Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Er muss sich an seinem letzten Arbeitstag vor dem Türkeiurlaub angesteckt haben, glaubt Arslan. Schon auf dem Flug schmerzten seine Handgelenke. Als es schlimmer wurde, rief er zu Hause in der Klinik an und hörte, dass einer seiner Patienten auf der Intensivstation positiv auf Covid getestet worden war, ebenso zwei Ärzte und drei Krankenschwestern. Tamer Arslan isolierte sich in der Türkei.

„Ich hatte keine typischen Covid-Symptome, keinen Husten, keine Geschmacksstörungen, nur Schmerzen“, sagt er. Mit Tabletten ging es ein paar Stunden, dann kamen die Schmerzen zurück. Als die Temperatur stieg, bekam er Influenzamittel und Antibiotika. Ein Test war negativ. Aber es wurde immer schlimmer.

Er überredete einen Arzt, eine Röntgenaufnahme seiner Lunge zu machen: ein typisches Covid-Bild. Wolkig, milchig, nicht so wie die Lunge normalerweise aussieht. Von da an ging es rasant bergab. Intensivstation. Verlegung in die Uniklinik nach Izmir. „Da war mir klar, es geht um mein Leben.“ Arslan spricht von der Sauerstoffsättigung im Blut mit nur 70 Prozent. Er erzählt von einem Arzt, der sagte: „Wir müssen dich jetzt intubieren.“ Das heißt Vollnarkose, künstliches Koma, Schlauch in der Luftröhre, Beatmungsmaschine. Arslan sagt dazu: „Am 14.7. bin ich eingeschlafen.“ Sein Plauderton, in dem er Abläufe schildert, spiegelt die Dramatik der Ereignisse nicht wieder. Es ist, als sei das Drama jemand anderem passiert.

Erst mal wieder atmen lernen

Während Arslan auf der Intensivstation in Izmir schlief, versagten seine Nieren, er bekam Blutplasma mit Antikörpern. So haben es ihm die Ärzte später gesagt. Er wäre fast gestorben. Wenn er vom Aufwachen nach 14 Tagen erzählt, denkt man an einen Kampf. Sauerstoff wird mit Masken und Hauben in den Körper gepresst. Ein schimpfender Arslan, der sich Zugänge aus dem Körper reißt und sterben will. „Am schlimmsten war das Gefühl zu ersticken. Es dauert so lange, bis jemand kommt. Es ist wie beim Tauchen, wenn man zu tief runter kommt und denkt, ich muss jetzt atmen. Aber es geht nicht“, sagt Arslan. Ein Albtraum.

Und jetzt? „Ich hab eine Lunge wie ein Marienkäfer“, sagt Arslan. „Dieses Virus sagt ‚Ich bin jetzt da‘, und dann frisst es dich auf. So fühl ich mich, wie innerlich aufgegessen“, sagt Arslan. In Heiligendamm macht er Atemtraining, bekommt Lungenmassagen. Er kann sich nichts merken. Termine für Behandlungen schreibt er sich auf. Das Herz schlägt zu schnell. Er nimmt Betablocker, macht Konditionstraining, will wieder arbeiten, aber es wird wohl dauern. „Als Chirurg kann ich nicht während einer Operation sagen, och, mir ist jetzt nicht gut, da machen wir mal ne Pause.“

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Gemessen am Krankheitsverlauf ist es kein Wunder, dass er heute noch starke Einschränkungen hat, verwunderlich ist nur, dass er überhaupt so schwer erkrankt ist.

In Heiligendamm sind bis jetzt etwas über hundert ehemals Covid-Erkrankte eingetroffen. Annemarie Sigle, 61 Jahre alt, aus Schwaben, vor zwei Wochen. Wenn sie in einem kleinen Aufenthaltsraum zur Tür herein kommt, ist gleich klar, dass es ihr besser geht als Tamer Arslan. Sie geht beschwingt, wirkt hellwach, und doch ist sie einer von jenen Fällen, die der Gesellschaft besondere Sorgen machen sollten. Denn sie war nicht schwer erkrankt. Jedenfalls im Vergleich mit Tamer Arslan. Sie war nicht im Krankenhaus, wurde nicht beatmet. Zwölf Tage Fieber im März. Aber noch immer ist sie nicht gesund.

Annemarie Sigle ist medizinisch-technische Assistentin. Mitte März hatte ihre Tochter sie gefragt, warum sie weiter arbeitet: das Alter, dazu Asthma. Aber Annemarie Sigle fühlte sich gut geschützt. Sie trug bei der Arbeit einen Anzug, FFP2-Maske, doppelte Handschuhe. Die Kollegen lachten manchmal, weil sie das für übertrieben hielten.

Im März hatten sie die Ischgl-Rückkehrer in ihrer Region. Jeden Tag brauchten zwei bis drei Patienten in ihrem Krankenhaus ein Torax-CT. Dafür ist Annemarie Sigle zuständig. Damals wusste sie nicht, dass das Virus über Aerosole in innenliegenden Räumen lange in der Luft bleibt. Ein stark hustender Patient muss es gewesen sein. Donnerstag erste Symptome, Freitag die Lunge befallen. Hohes Fieber und so ein Husten, dass sie davon Muskelkater bekam. Sie hat ihr Testament gemacht und sich unterm Dach ins Bett gelegt, ihr Mann blieb im Schlafzimmer unten im Haus. Er hat sich nicht angesteckt – keine Antikörper. Sie hat welche.

Zur Arbeit ist Annemarie Sigle erst nach 13 Wochen wieder gegangen. Und trotzdem musste sie sich schon im Flur zu ihrer Abteilung erstmal auf einen Heizkörper setzen. Den nächsten Zwischenstopp legte sie auf einem Stuhl in der Anmeldung ein. Zwei Sätze sprechen, und die Luft war weg. Zwölf Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren? Unmöglich. „Ich war zufrieden, wenn ich für ein Stockwerk nicht den Aufzug nehmen musste“, sagt sie. So ging es den Juli über und den August. Es ging nicht wie vor Corona.

Plötzlich keine Luft mehr

Wenn sie erzählt, gerät sie manchmal ins Stocken. Der Brustkorb ist plötzlich wie zugeschnürt. Sie hustet. Erst nach einer Weile spricht sie weiter. „Am Anfang habe ich Panik bekommen, wenn das passiert ist. Es fehlt einfach Luft, atmen und sprechen gehen nicht miteinander. Ich muss ein Weilchen warten, dann geht das vorbei“, sagt sie.

Sie probiert jetzt Treppensteigen und Fahrradfahren. „Am Anfang denkt man sich, ‚ach, ich hab es überlebt.‘ Aber dass man direkt nach dem Aufstehen wieder ins Bett muss, weil man so müde ist. Dass man nichts durchhalten kann. Das kann ja nicht so bleiben“, sagt sie. Beim Schreiben verdreht sie die Buchstaben. Beim Notieren der Bahnverbindung nach Heiligendamm schreibt sie Gleis, Gleiz und Gleiß, ohne es zu merken.

Annemarie Sigle hat Angst vor einer zweiten Welle. Vor Mutationen des Virus. Sie kontrolliert regelmäßig, ob sie noch Antikörper im Blut hat. Sie wünscht sich, dass die Leute nicht demonstrieren gehen oder feiern, dicht an dicht. „Sie denken, ach, bloß wie eine Grippe, aber so ist es nicht.“

„230.000 Menschen haben Covid in Deutschland bisher durchgemacht. Sie werden Genesene genannt, aber der Ausdruck ist falsch. Sie sie sind nicht gesund“, sagt Jördis Frommhold, Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen in Heiligendamm. Bereitwillig hat sie ihre Klinik für eine Reportage geöffnet, Patientengespräche ermöglicht. Sie geht in Talk-Shows, denn sie will davor warnen, dass Covid viele Menschen dauerhaft schädige, wenn man jetzt nicht dagegen angehe. „Ich kann nur an die Politik appellieren, sich damit auseinander zu setzen. Sonst kommt auf uns eine hohe Anzahl an Menschen mit Erwerbsminderung, Berufsunfähigkeit, dauerhaften Einschränkungen zu“, sagt sie.

Dr. med. Jördis Frommhold Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Das Durchschnittsalter der Covid-Patienten in ihrer Klinik liegt zwischen 35 und 65. Sie kommen aus ganz Deutschland. Viele sind sportlich trainiert. „Wenn man ehrlich ist, lässt sich kein Risikoprofil ausmachen. Es erkranken 40-jährige Bundeswehrsoldaten, Feuerwehrmänner und Triathleten genauso wie 86 Jahre alte Menschen, die dann die Intensivstation überleben und nach 14 Tagen wieder fit sind, während der 40-Jährige nach fünf Wochen noch nicht sein Leistungsniveau wieder erreicht hat.“ Genauso unklar sei auch, wer welche Post-Covid-Symptome entwickle. Neben Atemproblemen und Leistungseinschränkungen treten plötzliche Schmerzen auf, Taubheitsgefühle, Lähmungen, manchen fallen die Haare aus. Es gibt Menschen mit Gedächtniseinschränkungen, Wortfindungsstörungen, Rechtschreibschwächen. Einige können nicht laufen. Andere haben psychische Probleme, weil sie die lebensbedrohlichen Situationen und den Kontrollverlust nicht verarbeiten können. Traumatische Erlebnisse kommen hoch. Plötzliche Panikattacken machen normale Tätigkeiten unmöglich.

Aus der Sicht von Jördis Frommhold sind Reha und ambulante Therapieangebote das Wichtigste. Zu allererst die Lunge wieder richtig belüften. Die meisten hätten sich eine Schonatmung angewöhnt. Nicht nur diejenigen, die beatmet wurden. So kommt nicht genug Sauerstoff im Blut an. Treppen steigen geht dann nicht. Nach dem Atmen lernen kommt der Konditionsaufbau.

Jördis Frommhold sagt, es kämpften auch Menschen mit dauerhaften Einschränkungen, die gar nicht bemerkt haben, dass sie an Covid erkrankt waren. „Ich habe zig Mails gekriegt, handschriftliche Briefe, Hilfeschreie. Bei mir rufen Menschen an, die das Gefühl haben durch die Maschen zu fallen, weil sie keine Diagnose haben. Die hohe Anzahl von Menschen, die betroffen sind, bereitet mir Sorge“, sagt sie.

Jördis Frommhold hat etwas gegen Verdrängung. Sie hält den Wunsch, ins Leben vor Corona zurück kehren zu wollen, für unrealistisch. „Das normale Leben ist jetzt. Es wird nie wieder wie vorher.“ Ob es einen Impfstoff gibt oder nicht, spielt in ihrem Denken keine Rolle. Man müsse sich mit der Situation auseinander setzen. Abstand halten, Maske auf.

Annemarie Sigle hat für sich noch einen Schluss gezogen. Sie will nichts mehr zurückstellen. Als erstes wird sich ein Elektrofahrrad kaufen. „Ich hatte schon länger darüber nachgedacht, aber jetzt will ich nicht mehr warten. Man muss jetzt leben. Es kann jederzeit vorbei sein.“ Das hat sie gelernt von Covid-19.