Blaise Francis El Mourabit bietet Rassismus-Opfern kostenlos seine Dienste als Anwalt. Foto: Privat

Als Blaise Francis El Mourabit am 6. Juni auf die Silent-Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt in Düsseldorf ging, hatte er einen Stapel Visitenkarten dabei. Darauf bot der Anwalt Rassismus-Opfern kostenlose Beratung an – pro bono, wie es in der Juristensprache heißt. Seit er auch auf Instagram wirbt, hat die Aufmerksamkeit noch einmal zugenommen. Mehr als 700 Zuschriften hat er schon erhalten. Darunter waren mindestens 200 Hilfegesuche – und eine Morddrohung.

Es war der gleiche Grund, der an diesem Tag die Menschen auf die Straße trieb, der auch El Mourabit dazu bewegte, sich aktiv gegen Rassismus einzusetzen. „Man findet sich, wenn man seit seiner Jugend mit Rassismus zu tun hat, irgendwann damit ab“, sagte er dem KURIER. „Aber das George-Floyd-Video war ein Weckruf.“ Zwar sei das Ausmaß an Gewalt gegen Schwarze in den USA nicht mit Deutschland zu vergleichen, sagt er. „Aber Rassismus ist definitiv auch hier ein Problem.“

Die „Silent Demo“ am 6. Juni in Düsseldorf. Hier verteilte Blaise Francis El Mourabit erstmals Visitenkarten. Foto: dpa/Henning Kaiser

In den Anfragen die ihn erreichen, geht es auch immer wieder um Racial Profiling, also das Kontrollieren von Menschen nur aufgrund ihrer Erscheinung. Etwa weil sie Schwarz sind oder von Polizisten als „Nafri“ angesehen werden. Auch er erlebe regelmäßig anlasslose Kontrollen, beispielsweise im Zug, wenn er in einem Waggon nur mit weißen Menschen sitzt und als einziger kontrolliert wird. Zu Kontrollen kommt es vor allem dann, wenn er in seiner Privatkleidung unterwegs sei und nicht im Anzug, seiner Berufskleidung. Für ihn enden solche Kontrollen meist glimpflich, weil sich das Verhalten der Beamten komplett ändere, sobald er seinen Anwaltsausweis zeige. „Vorher duzten sie mich einfach, danach siezten sie mich oder brechen die Kontrolle direkt ab.“

Doch nicht jede Polizeikontrolle verläuft so glimpflich. „Oft wird man in solchen Situationen von etwa vier Polizisten umzingelt“, schildert El Mourabit. So etwas trage dazu bei, dass Passanten ständig das Bild des kriminellen Schwarzen sehen, obwohl „der von der Polizei Festgehaltene in der Regel gar nichts gemacht hat“.

Da Racial Profiling schwer nachzuweisen ist – das Landes-Antidiskriminierungsgesetz soll die Situation in Berlin ein bisschen verbessern – beginnt El Mourabits Arbeit vor allem bei dem, was nach der anlasslosen Kontrolle geschieht. Denn immer wieder haben solche Situationen auch das Potenzial zu eskalieren, sagt El Mourabit. Nicht selten gebe es Anzeigen wegen Beleidigung, da sich die Kontrollierten schikaniert fühlen und verbal wehren. Manchmal wird auch das Handy beschlagnahmt, weil versucht wurde, potenzielles Racial Profiling der Beamten zu dokumentieren. Die Beschlagnahme sei recht einfach durchzusetzen, erklärt der Jurist, da das nicht öffentlich gesprochene Wort nicht aufgezeichnet werden dürfe.

Daher rät El Mourabit schweren Herzens dazu, alles über sich ergehen zu lassen und dabei so ruhig zu bleiben wie möglich, den Namen und den Grund der Kontrolle zu verlangen, alles zu dokumentieren und sich anschließend rechtlich dagegen zu wehren. Doch auch das ist nicht so einfach. Dem KURIER sagte El Mourabit, dass in mindestens fünf seiner Fälle Polizisten falsche Namen und Dienstnummern angegeben hätten. Auch sei in einigen Fällen die Annahme von Anzeigen gegen Polizisten in Polizeistationen aus einem „rechtswidrigen Verständnis von Loyalität verweigert worden“, berichtet er. Dennoch empfiehlt der Jurist, sich zu wehren. „Es ist wichtig, dass wir uns nicht damit abfinden, denn es wird sonst nicht besser.“

Ich wollte mich auskennen und zur Wehr setzen.

Blaise Francis El Mourabit

Auch wegen eigener Diskriminierungserfahrungen hat El Mourabit, der hauptberuflich als Compliance Officer in einem internationalen Konzern arbeitet, sich dazu entschieden, Jura zu studieren. „Ich wollte mich auskennen und zur Wehr setzen können“, sagt er. Das schätzen viele der Menschen, die sich bei ihm gemeldet haben. „Mir wurde oft gesagt‚ ‚endlich hat man einen Anwalt, der einen versteht‘.“ Denn viele seiner Kollegen, das sei an ihn herangetragen worden, hätten häufig dazu geraten, doch über rassistische Diskriminierung hinwegzusehen.

Ohnehin verstehe er nicht, dass viele Menschen glauben, Rassismus sei ein Problem, dass es in Deutschland – oder in der deutschen Polizei – nicht gebe. „Man muss sich doch nur mal anschauen, wie viele Schwarze Mitbürger zu den Anti-Rassismus-Demos in Deutschland gehen“, sagt er. „Sie demonstrieren, weil sie hier auch diskriminiert werden. Sei es in der Ausbildung, in der Schule, im Beruf, durch die Polizei oder durch zu polizeifreundliche Staatsanwaltschaften.“ Und auch durch die Zahl der Fälle, die in kurzer Zeit bei ihm aufgelaufen seien, schließe er, dass viele Menschen von Rassismus betroffen sind.

Für seinen ehrenamtlichen Einsatz hat El Mourabit „viel Zuspruch aus der Schwarzen Community bekommen“, wie er sagt. Auch scheint der 36-Jährige mit seinem Gang in die Öffentlichkeit für viele ein Vorbild zu sein. Ihn erreichen regelmäßig Fragen von Schwarzen Abiturienten über Zukunftsplanungen und ein mögliches Jurastudium. El Mourabit, der laut eigener Aussage als Schwarzer in Deutschland noch immer ein „Exot“ ist als Anwalt, hofft, dass einige von ihnen diesen Weg einschlagen. „Damit sie das Rechtssystem verstehen und lernen, sich rechtlich zu wehren.“