Hartmut Kohn steht vor einer Gedenkstele im Dresdner Stadtteil Klotzsche. Er sucht seinen Onkel.
Hartmut Kohn steht vor einer Gedenkstele im Dresdner Stadtteil Klotzsche. Er sucht seinen Onkel. dpa/Kahnert

Sie verloren ihr Zuhause, irrten durch die Wälder Litauens und wurden Wolfskinder genannt: Tausende deutsche Kriegswaisen gab es am Ende des Zweiten Weltkriegs. Eine Ausstellung in Sachsen will an ihr Schicksal erinnern. Betroffene suchen oft weiter nach Lebenszeichen.

In den Wirren am Ende des Zweiten Weltkriegs verloren die drei Kohn-Geschwister ihr Zuhause. Die Mutter war verhungert, der Vater im Krieg verschollen. In Königsberg im heutigen Russland wurden sie von Soldaten getrennt. Die jüngeren Geschwister Hans und Sieglinde kamen mit dem Zug nach Deutschland.

Werner Kohn, damals elf Jahre alt und verletzt, musste zurückbleiben. „Dort müssen schlimme Dinge geschehen sein. Die Erinnerung meines Vaters Hans setzt erst wieder ein, als er schon in Berlin angekommen ist“, sagt sein Sohn Hartmut Kohn heute.

Hartmut Kohn lebt in Dresden und hat sich die Suche nach seinem Onkel Werner zur Lebensaufgabe gemacht. „Ich möchte meinem Vater zeigen, was aus seinem Bruder geworden ist und dass er vielleicht ein gutes Leben hatte“, sagt er. Sieben Jahre war sein Vater Hans damals.

Es gab Tausende Wolfskinder

Heute ist er 84 und spricht ungern öffentlich darüber, was er erlebt hat. Wolfskinder werden deutsche Kriegswaisen genannt, die hauptsächlich im nördlichen Ostpreußen am Ende des Zweiten Weltkriegs in den Wäldern umherirrten.

Wolfskinder in einem Auffanglager
Wolfskinder in einem Auffanglager Privat

Tausende habe es von ihnen gegeben, berichtet Ruth Leiserowitz vom Wolfskinder-Geschichtsverein mit Sitz in Berlin. Nach dem Krieg gingen die sowjetisch-litauischen Behörden von rund 5000 Wolfskindern aus. „Die Dunkelziffer dürfte viel höher gewesen sein“, erklärt Leiserowitz, die als Historikerin zu dem Thema forscht und stellvertretende Direktorin am Deutschen Historischen Institut in Warschau ist.

Seit vergangenem Jahr steht die Wanderausstellung „Wolfskinder in Sachsen“ bereit, um an das kaum bekannte Thema zu erinnern, sagt Jens Baumann als Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler in Sachsen. „Wir würden uns freuen, wenn Rathäuser, Schulen oder andere öffentliche Einrichtungen Interesse hätten.“

Wolfskinder mussten Essen erbetteln und erfuhren großes Elend

Nicht zuletzt die hartnäckige Suche von Hartmut Kohn nach seinem Onkel Werner habe das Projekt vorangetrieben, erklärt Baumann. Außerdem sensibilisiere die kostenlos ausleihbare Ausstellung für das Leid von heutigen Kindern in Konfliktregionen. „Sie mussten Essen erbetteln und erfuhren großes Elend. Auch heute gibt es das.“

1950 sei ein Transport mit über 3000 jungen Menschen – hauptsächlich ehemalige Wolfskinder – von Litauen in die damalige DDR gekommen, erklärt Leiserowitz. Viele davon kamen nach Sachsen in Kinderheime oder Pflegefamilien.

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„Uns war die aktuelle Ausstellung über Wolfskinder in Sachsen wichtig, weil es hier verhältnismäßig viele gab“, sagt die Historikerin über das Projekt, das der Geschichtsverein mit umgesetzt hat. Arbeitskräfte wurden beispielsweise im Bereich der Wismut gebraucht.

„Betroffene berichteten mir, dass sie mit niemandem über ihre Erlebnisse reden konnten und es staatlich nicht gewünscht war.“ Inzwischen dürften 90 Prozent der Wolfskinder Leiserowitz zufolge gestorben sein. Bei vielen hätten die frühe Mangelernährung und körperliche Belastung zu Schäden geführt.

Einige Wolfskinder wurden von litauischen Familien adoptiert

Hans und Sieglinde Kohn wuchsen in einer Pflegefamilie in Deutschland auf. Eine Suche nach Bruder Werner sei erst nach dem Ende der DDR möglich geworden, sagt Hartmut Kohn. „Einige Kinder wurden von litauischen Familien adoptiert. Sie haben oft andere Namen angenommen und ihre Vergangenheit verdrängt, das macht es schwierig.“ Zahlen darüber, wie viele Wolfskinder in Sachsen noch leben, gibt es nicht, sagt Sebastian Goll vom Deutschen Roten Kreuz, Landesverband Sachsen.

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Der Leiter für den Bereich Suchdienst ergänzt: „Die meisten verloren gegangenen Kinder, die im Nachkriegsdeutschland oder der DDR aufgetaucht sind, konnten den Verwandten wiedergegeben werden. Aber die Wolfskinder sind schwierige Fälle.“ Sie befanden sich in einer Region, die vom deutschen Kerngebiet abgeschnitten war. Zudem seien viele noch sehr jung gewesen und konnten sich schlecht erinnern.

In Sachsen befand sich ein zentrales Auffanglager für Wolfskinder

Noch heute stellen ehemalige Wolfskinder Anträge beim DRK-Suchdienst nach vermissten Angehörigen. „Das Thema beschäftigt die Menschen weiter. Es reißt eine Lücke in die Familiengeschichte.“ Sachsen habe laut Goll einen starken Bezug zu dem Thema. „In Bischofswerda befand sich ein zentrales Auffanglager.“

Seit 1870 im Deutsch-Französischen Krieg übernimmt das DRK die Suche nach Familienangehörigen, die in bewaffneten Konflikten getrennt wurden. Ab 2015 habe der Suchdienst so stark gearbeitet wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, sagt Goll. „Noch nie in der Geschichte flüchteten mehr Menschen als heute vor Konflikten oder Katastrophen.“

Hartmut Kohn hofft als Langstreckenläufer auf weitere Aufmerksamkeit. Gedenkläufe und Wanderungen für die Wolfskinder führten ihn durch Deutschland, Polen und bis nach Litauen. Per Fuß und Rad schaffte er es vor einigen Jahren 735 Kilometer vom polnischen Poznan nach Vilnius in Litauen. „Ich war auf der Suche nach Kirchen oder Menschen, die mir mit Informationen hätten weiterhelfen können. Oder nach einem Grab zum Trauern.“