Die Thüringer Bratwurst ist weltweit berühmt für ihren außerordentlichen Geschmack. In den USA nennen sie viele aber einfach „Brat“. dpa

Ein lauer Herbstabend in Brooklyn. In einem Restaurant bestellt ein Mann ein Glas Cabernet Sauvignon. Ein beliebter Tropfen, angebaut in Bordeaux, die Trauben bläulich-schwarz, vollmundig und komplex im Geschmack. In vielerlei Hinsicht also die Spitze europäischer Weinbaukunst. Die amerikanische Bedienung nickt wissend: „Käpp Säff“, antwortet sie.

Eine Silbe reicht vielen Amerikanern aus

Wer durch die USA wandelt, merkt schnell, dass den Amerikanern in vielen Lebensbereichen eine einzige Silbe reicht. Im Restaurant fällt das auch auf der Speisekarte auf. Die mexikanische Guacamole wird da zu „Guac“, der italienische Parmesan zu „Parm“ und die deutsche Bratwurst – ja, Sie ahnen es! – zu „Brat“. Alles ausgesprochen in einem breiten, amerikanischen Akzent.

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Der deutsche Grantler mag das als amerikanische Ignoranz sehen oder sich über mangelnde Bildung beim Thema internationale Cuisine aufregen. Doch so einfach ist es nicht. Die Menschen zwischen New York und Los Angeles verhunzen nicht nur Nahrungsmittel, sondern kürzen so ziemlich alles ab, was geht.

Parmesan wird im US-Sprachgebrauch oft einfach zu „Parm“. Imago/Panthermedia

Gerade ist zum Beispiel „vax“ besonders beliebt – stammend von „vaccine“ oder „vaccination“, der Impfung. Der beliebte US-Talker Stephen Colbert etwa dichtete in seiner Show-Rubrik „the vax-scene“ einen weltbekannten Hit der Gruppe Salt ’n’ Pepa um, sodass der Refrain „Let’s talk about vax, baby“ lautete.

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Lisa Heldke ist Philosophin am Gustavus Adolphus College in Minnesota und beschäftigt sich auch mit dem Thema Nahrung. Auch sie betont, dass es bei den Einsilbern nicht nur um Essen und nicht nur um Wörter aus dem Ausland zu gehen scheint. „Beispiel: Die Studierenden hier nennen die Cafeteria die ‚Caf‘, was den Leiter verrückt macht“, erzählt sie.

Es gibt keine linguistischen Erhebungen dazu, wie exklusiv die Amerikaner ihre Erstsilber im Vergleich mit anderen Nationen benutzen. Und natürlich sind sie auch Profis bei klassischen Abkürzungen wie „o. k.“ – allerdings ist das wohl eher ein globales und auch deutsches Phänomen, wie Die Fantastischen Vier mit ihrem Song „MFG“ bereits 1999 unter Beweis stellten.

Abkürzungen sind wie Spitznamen

Amerikaner gäben allem eine Abkürzung oder einen Spitznamen, erklärt Philosophin Heldke. Die Beliebtheit von Erstsilbern könne in ihrer Prägnanz liegen: „Wir halten kurze Worte für freundlich, für zugänglich, für lustig, für nicht versnobt“, erklärt sie. Das hänge möglicherweise auch mit dem tiefen Wunsch mancher Amerikaner zusammen, allem zu trotzen, was intellektuell klingt.

„Vax“ oder „Parm“ lassen ein Gefühl der Nähe, sogar der Intimität mit dem Bezeichneten aufkommen. Umgekehrt bedeutet das auch, dass eine Sprecherin oder ein Sprecher mit dem Einsilber die eigene enge Beziehung oder Wertschätzung für etwas betonen will. Einen Spitzname gibt man eben vor allem dem, was man mag.

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Die Corona-Impfung wird oft liebevoll als „vax“ abgekürzt. dpa

Was ausländische Nahrungsmittel wie Parmesan oder Guacamole angeht, spielt nach Einschätzung Heldkes womöglich auch der einfachere Zugang zu einem Gegenstand eine Rolle: „Ich denke, wir neigen dazu, verkürzte Formen zu nutzen, um sie mehr klingen zu lassen wie in der ‚amerikanischen, weißen Mittelklasse‘“ – zumal man sie in der verfremdeten Form leichter mit dem entsprechenden US-Akzent aussprechen kann.

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Damit verbunden könnte in der kurzen Schärfe der Worte ein positiver Einfluss auf die Marketing-Möglichkeiten eines Produktes liegen. Im Land des Turbokapitalismus mag das wohl auch ein Faktor sein.