Auf Facebook treffen sich Sommerhasser, denn in der echten Welt werden sie oft belächelt. Foto: dpa/Robert Michel

„Carpe diem“: Im Sommer hat dieses Motto Hochkonjunktur. „Gehe raus! Genieße den Tag! Mach was daraus!“, hört man von allen Seiten. Doch nicht jeder liebt heiße Temperaturen, blauen Himmel und Sonnenschein. Und vielen geht der Druck, etwas unternehmen zu müssen, auf die Nerven. Auf Facebook haben sich Menschen zusammengetan, die dicke Wolkendecken und Schauer bevorzugen – und nur noch die Tage bis zum Herbst zählen.

„Willkommen bei der Minderheit“, heißt es bei der „Gruppe der aussätzigen Sommerhasser“. Ein paar Hundert Facebook-Mitglieder haben sich dort versammelt, um sich gegenseitig durch den Sommer zu helfen. Was sie an der warmen Jahreszeit besonders nervt? „Es ist vor allem die Hitze“, sagt Sarah Bartmann, die die Gruppe in einem heißen August vor acht Jahren ins Leben gerufen hat.

Die Dreifach-Mutter aus Nordrhein-Westfalen bezeichnet sich selbst als Regenkind, hasst den Sommer schon seit ihrer Kindheit und hat mit ihrer Gruppe in dem sozialen Netzwerk viele Gleichgesinnte gefunden. Gemeinsam ärgern sie sich über den Wetterbericht, teilen graue Regenbilder und bezeichnen die Sonne gerne mal als „gelben Ekelball“. Temperaturen sind Dauerthema in den Kommentarzeilen – je niedriger desto besser.

Der Sommerhass habe sich bei einigen auch erst aus gesundheitlichen Gründen manifestiert, sagt Bartmann. Die 33-Jährige leidet selbst seit Jahren unter Migräne. Hohe Temperaturen und Sonnenstrahlen schlügen ihr wortwörtlich auf den Kopf.

Andere seien einfach nur genervt vom Dauerschwitzen und dem Lärm, der durch das Draußen-sein-müssen zunehme. „Menschen mähen den Rasen zu den ungünstigen Zeiten, abends wird laut draußen Fußball geschaut – mir kommt es so vor, als seien die Menschen im Sommer einfach rücksichtsloser“, sagt Bartmann. Und auch der Druck, sich gefälligst freuen zu müssen, sei nervig.

Das beobachtet auch Sonia Sippel vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Eine Schattenseite des Sommers sei eben dieses Gefühl, dass man merkwürdig oder sonderbar sei, wenn man die warme Jahreszeit nicht möge. „Es fängt schon bei der Wetterprognose an, bei der der Sommer mit positiven Adjektiven beschrieben wird und das restliche Wetter als schlecht deklariert wird“, so die Diplom-Psychologin. Auch so entstehe eine Norm, was gut sei und was nicht.

Ihre negative Haltung zum Sommer polarisiere, sagt Bartmann. Es sei doch auch in Ordnung die Rollläden dichtzumachen und sich im Haus zurückzuziehen. Im Herbst störe das niemanden. Im Sommer dagegen müsse man sich rechtfertigen. In ihrer Facebook-Gruppe aber wird sie verstanden.