Um Intensivbetten betreiben zu können, braucht es  gut ausgebildetes Personal. 
Um Intensivbetten betreiben zu können, braucht es  gut ausgebildetes Personal.  PantherMedia

Eine Umfrage des Intensivmediziner-Verbands DIVI zeichnet ein schreckliches Bild der Lage in Deutschlands Kinderkliniken. Von 110 Einrichtungen hatten zuletzt 43 kein einziges Bett mehr auf der Normalstation frei. Auf Kinder-Intensivstationen gab es zum Zeitpunkt der Erhebung (Stichtag 24. November) nur noch 83 freie Betten – weniger als eines pro Standort. „Das ist eine katastrophale Situation. Deshalb fordern wir die sofortige Optimierung von Arbeitsbedingungen in den Kinderkliniken, den Aufbau telemedizinischer Netzwerke zwischen den pädiatrischen Einrichtungen und den Aufbau von spezialisierten Kinderintensivtransport-Systemen. Wir müssen jetzt endlich handeln“, sagte Professor Florian Hoffmann, DIVI-Generalsekretär und Kinder-Intensivmediziner.

„Diese Situation verschärft sich von Jahr zu Jahr und wird auf dem Rücken kritisch kranker Kinder ausgetragen“, erklärte Hoffmann. Für die Umfrage waren 130 Kinderkliniken angeschrieben worden, 110 Häuser haben ihre Daten zur Verfügung gestellt.

Der für seine deutlichen Aussagen deutschlandweit bekannte Pfleger Ricardo Lange hatte schon am Sonntag Alarm geschlagen: „Insider Information: Kinderklinik in Frankfurt – Mütter liegen mit ihren Kindern auf dem Flur. Eins davon ist gerade mal wenige Tage alt. Keine Betten, kein Personal. So darf es nicht weitergehen!“, schrieb er auf Twitter.  Aus Kinderkliniken in ganz Deutschland kommen Hilferufe: Sie sind überlastet. „In der Pandemie wurde immer wieder betont, dass Gesundheitssystem nicht überlasten zu wollen. Jetzt wo die Überlastung Alltag ist, interessiert es niemanden mehr.“ 

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RS-Virus sorgt für volle Kinderstationen 

Besonders oft aufgenommen wurden zuletzt Kinder, die sich mit dem respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) infiziert haben, 138 insgesamt. Die  Krankheit kann für Kinder im ersten Lebensjahr lebensgefährlich sein. „Die RSV-Welle baut sich immer weiter auf und macht bei vielen Kindern die Behandlung mit Atemunterstützung notwendig. Wir können Stand heute davon ausgehen, dass es zu dieser Behandlung nicht genügend Kinder-Intensivbetten gibt“, so Prof. Sebastian Brenner, Bereichsleiter der Pädiatrischen Intensivmedizin im Fachbereich der Unikinderklinik Dresden.

Die 110 Häuser, die sich an der Umfrage beteiligt hatten, weisen insgesamt 607 aufstellbare Betten aus, von denen aber lediglich 367 Betten betrieben werden können. Grund für die Sperrung von 39,5 Prozent der Intensivbetten für Kinder ist hauptsächlich der Personalmangel. An 79 Häusern ist der Mangel an Pflegepersonalmangel Grund für die Bettensperrungen. 47 Kliniken melden null verfügbare Betten, 44 Kliniken ein freies Bett. 51 Kliniken berichten von abgelehnten Patientenanfragen.

Kinder werden in den Intensivstationen abgewiesen 

Bei der Erhebung habe jede zweite Klinik berichtet, dass sie in den vergangenen 24 Stunden mindestens ein Kind nach Anfrage durch Rettungsdienst oder Notaufnahme nicht für die Kinderintensivmedizin annehmen konnten – also der Anfragende weitersuchen musste nach einem adäquaten Behandlungsplatz. Das heiße konkret: 46,4 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Kliniken berichten von insgesamt 116 abgelehnten Patienten – an nur einem Tag.

Immer wieder müssen Kinder weit zu einem geeigneten Krankenhaus mit freien Betten transportiert werden. Ein Einjähriges musste von Hannover nach Magdeburg gebracht werden, nachdem die Hannoveraner 21 Kliniken abtelefoniert hatten, berichtete Gesine Hansen, Ärztliche Direktorin der Kinderlungenklinik an der Medizinischen Hochschule Hannover. Michael Sasse, dort der Leitende Oberarzt der Kinderintensivmedizin: „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können.“ Manch kleiner Patient liege auf einer Normalstation, obwohl er auf die Intensivstation gehöre.

Immer in Eile: Pflegepersonal ist knapp und überlastet.
Immer in Eile: Pflegepersonal ist knapp und überlastet. dpa/Frank Molter

„Wir sehen: Gefragt nach den Intensivkapazitäten zeichnet sich ein Bild, dass deutschlandweit, egal ob Norden, Süden, Osten oder Westen, durchschnittlich 40 Prozent der Kinder-Intensivbetten wegen Personalmangel gesperrt sind. Bei rund 80 Prozent der Befragten fehlt Pflegepersonal, es fehlen teilweise aber auch Ärzte“, resümiert Brenner.

Kindermediziner sehen deshalb nicht die Krankheitslage als zentrale Ursache der Situation in den Kliniken. „Dass Kinderleben im Moment in Gefahr sind, das hat die Politik zu verantworten“, sagte Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Früher seien ganz andere Wirtschaftlichkeitskriterien an die Pädiatrie, also Kinderheilkunde, gestellt worden. „Jetzt muss Medizin profitabel sein, nicht Krankheiten heilen, sondern Geld bringen.“

DIVI stellt wegen der Situation Forderungen auf

Fünf Forderungen der Intensivmediziner in Sachen Personal

  • Kinderkliniken müssen verpflichtet werden, Kinderkrankenpflege auszubilden.
  • Konzepte für den Fall von Personalausfällen, damit die Mitarbeiter nicht aus dem Urlaub oder der Freizeit geholt werden müssen.
  • Bezahlte Fortbildung in der Arbeitszeit.
  • Übernahme von pflegefernen Aufgaben, die teilweise von Schwestern und Pflegern übernommen werden, zum Beispiel Reinigung.
  • Bessere Bezahlung von Pflegekräften, damit sie es sich leisten können, in den Städten, in denen sie arbeiten, auch wohnen können.

Damit sei es aber nicht genug.

Mehr Austausch unter Ärzten, besserer Transport kranker Kinder

Man benötige außerdem den Aufbau telemedizinischer Netzwerke, damit die Mediziner sich austauschen können, um allen Kindern an allen Orten die gleiche Versorgungsqualität zukommen lassen zu können.

Nötig sei auch ein System von spezialisierten Kinderintensivtransporten, um die Kleinen sicher und von Kinderexperten begleitet einliefern oder verlegen zu können.

Grundsätzlich, so finden die  Kinder-Intensivmediziner, sollten die Rechte der Kinder ins Grundgesetz aufgenommen werden. Nur so würden Kinder mehr in den politischen und gesellschaftlichen Blick rücken,  und nur so könne die medizinische Versorgung für die Kleinsten nachhaltig verbessert werden.

So kann es besser werden bei der Versorgung kranker Kinder

„Wenn alle zuvor genannten Forderungen erfüllt wären, wenn sich der Beruf von Medizinern sowie Pflegenden mit Familie vereinbaren lässt, und wenn die stetige Dauerbelastung in den Kliniken aufhört, dann schaffen wir es, uns wieder um alle schwer kranken Kinder mit der notwendigen höchsten Versorgungsqualität kümmern zu können“, sagte DIVI-Generalsekretär Florian Hoffmann.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will jetzt gegensteuern. An diesem Freitag soll der Bundestag zwei Finanzspritzen beschließen. Für Kinderkliniken soll es nach den Gesetzesplänen der Ampel-Koalition 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro mehr geben, zum Sichern von Geburtshilfestandorten jeweils 120 Millionen Euro zusätzlich. Die Finanzierung soll so auch unabhängiger von der jetzigen, „leistungsorientierten“ Logik werden.

Lauterbach will unterbesetzte Stationen arbeiten lassen.

Sofort wirksam werden soll eine echte Notmaßnahme: Lauterbach hat die Krankenkassen aufgefordert, vorübergehend nicht mehr zu überprüfen, ob ein Krankenhaus eine Personaluntergrenze unterschreitet. Normalerweise wird die Vergütung von Krankenhausleistungen reduziert, wenn nicht ausreichend viele Pflegekräfte vorhanden sind. Das soll wegfallen, damit Personal aus anderen Bereichen in die Kinderstationen wechseln und so mehr Betten betrieben werden können.

Außerdem schreibt das Gesundheitsministerium die Möglichkeit zur telefonischen Krankschreibung auch für Kinderärzte ab sofort fort. Eltern haben so die Möglichkeit, bei Erkrankung ihres Kindes zu Hause zu bleiben und trotzdem den Anspruch auf Krankengeld zu behalten.

Eltern sollten Vorsorgeuntersuchungen gesunder Kinder um einige Wochen verschieben, um die Kinderarztpraxen zu entlasten, und bei einer Krankheit gegebenenfalls den Weg der Tele-Medizin nutzen.

Was die Krankenhausplanung angeht, verweist das Bundesministerium auf die Verantwortung der Bundesländer. Für die ambulante Versorgung seien die Kassenärztlichen Vereinigungen verantwortlich.