Hat gut Lachen: Der britische Prinz Harry, Herzog von Sussex, steht endlich auf eigenen Füßen. Foto:  dpa/Hannah Mckay

Wie leicht hätte aus dem Prinzen eine verkrachte Existenz werden können. Die Chancen standen gut. Die Mutter starb gewaltsam, der Vater liebte eine andere. Als Zweitgeborener und mittlerweile Sechster in der Thronfolge war und ist er frei von dynastischen Zwängen. Gemessen an seiner hochwohlgeborenen Herkunft und Bestimmung blieb ihm nur Bedeutungslosigkeit. Das Königshaus bot ihm weder Schutz noch Heimat, stand es doch nahezu wehrlos unter dem Dauerbeschuss des Boulevards. Zudem verlangte der Palast von ihm, überkommene Traditionen einzuhalten, seine Vaterlandspflichten und ansonsten sein Bespaßungssoll gegenüber der Öffentlichkeit zu erfüllen – die Royal Soap Opera.

Das hätte, wie gesagt, mächtig schiefgehen können. Als seine Königliche Hoheit Prinz Henry Charles Albert David, Herzog von Sussex, Graf von Dumbarton, Baron Kilkeel, Ritter des Victoria-Ordens, am 15. September 1984 in Londoner St Mary’s Hospital geboren wurde, war sein Vater, Prinz Charles, nicht zugegen. Und zeigte sich leidlich erfreut über die Ankunft des zweiten Sohnes. So erzählte es sein ehemaliger Butler Paul Burrell. „Jetzt habe ich einen Erben und einen Ersatz, meine Arbeit ist getan“, soll Charles gesagt haben, bevor er mit seiner damaligen Geliebten – und heutigen Ehefrau seit 15 Jahren – Camilla Parker Bowles ins Theater verschwand. Die Mutter, Prinzessin Diana, bliebt mit den Kindern allein.

Der zwei Jahre ältere Bruder William entwickelte sich erwartungsgemäß. Zumindest öffentlich gab er wenig Anlass zur Besorgnis. Den Verlust seiner von Paparazzi um die ganze Welt und in den Tod gejagten Mutter schien er ganz ordentlich zu verkraften. Nach den Maßstäben der skandalerprobten britischen Königsfamilie blieb er unauffällig. In Erinnerung geblieben sind nur seine „Übungsflüge“ als Militärpilot, bei denen er 2008 mit einem großen Chinook-Transporthubschrauber den Landsitz seiner Freundin Kate Middleton besuchte. Viel mehr Tollkühnheit als diese Verschwendung von Steuergeldern war von dem mit Kate längst treusorgend verheirateten Vater dreier Kinder nie zu erwarten.

Im Gegensatz zu William, dem sich in seinem aufreizend überangepassten Selbstverzicht schon ankündigenden Thronanwärter, trieb der kleine Prinz seine Überanpassung in die Richtung, dass er Skandallinie des Hauses folgte und sich mit „Dirty Harry“ den passenden Ruf erwarb. Prinz Harry sollte später zu Protokoll geben, dass ihn die mörderischen Boulevardmedien und der damit verbundene Tod der Mutter 1997, da war er 13 Jahre alt, nachhaltig traumatisiert und in den Exzess getrieben haben, Nazi-Uniform und Nackt-Partys inklusive. Eine Steilvorlage für die nun unabwendbare Küchenpsychologisierung des Prinzen. Die Stanze ist seitdem immer wieder zu lesen. Eine Alleserklärung für nichts.

Traumatische Erfahrung; Diana, Prinzessin von Wales, und Prince Harry am 7. Mai 1995 – zwei Jahre vor Dianas Tod. Foto: dpa/Martin_Keene

Aber dann ging Harry zum Militär. Schnell lag die Erklärung parat, der Prinz suche hier nur das Abenteuer. Dass er über die etwas sperrige, wahrlich nicht zeitgemäße Form der Kameradschaft bei der Truppe einen Lebenssinn gefunden haben könnte, wollte niemand sehen. Harry blieb zehn Jahre, dazu gehörten auch mehrere Kriegseinsätze in Irak und Afghanistan, bei den Bodentruppen und als Pilot eines Apache-Kampfhubschraubers. „Junge Kerle zu sehen, viel jünger als ich, eingewickelt in Plastik, mit fehlenden Gliedmaßen und mit einer Unmenge an Schläuchen, die aus ihnen rauskamen … das war etwas, worauf ich nicht vorbereitet war“, schrieb Harry in einem Beitrag für die „Sunday Times“.

Das war der Wendepunkt: Der Prinz rief die Invictus Games ins Leben, eine paralympische Sportveranstaltung für kriegsversehrte Soldaten, die 2014 erstmals im Londoner Queen Elizabeth Olympic Park ausgetragen wurde und seitdem mit einer wachsenden Teilnehmerzahl nicht nur aus dem Commonwealth regelmäßig stattfindet. Harry hatte mit seinen damals gerade mal 30 Lebensjahren eine Organisation geschaffen, deren gesellschaftliche, also moralische und politische Bedeutung wohl alles übertrifft, was sein Bruder und sein Vater jemals erreichen werden. Die Invictus Games waren der eigentliche Abschied vom Palast. Und nicht erst der „Megxit“ vom Anfang diesen Jahres.

Kanada, Toronto: Prinz Harry überreicht 2017 dem in Afghanistan schwerst verwundeten Soldaten Mark Ormrod bei den Invictus Games eine Silbermedaille. Foto: dpa/Danny Lawson

Der sogenannte Megxit ist nur eine weitere küchenpsychologische Finte, wonach die angeheiratete Schauspielerin Meghan Markle den armen kleinen, halt- und willenlosen Prinzen in die postroyale Verantwortungsflucht getrieben hat: Am 8. Januar hatten Meghan, Herzogin von Sussex, und Prinz Harry per Instagram mitgeteilt, sich als aktive Mitglieder der britischen Königsfamilie zurückzuziehen. Die Klatschpresse erfand mit dem „Megxit“ daraufhin einen anspielungsreichen Slogan, gewissermaßen den neuen Brexit, ein Menetekel für ein sieches Insel- und Königreich. Und die Frau war schuld. Die Amerikanerin mit ihren ausgesprochen feministischen, also ideologieverdächtigen Selbstverwirklichungsfantasien.

Sehr viel wahrscheinlicher erscheint allerdings, dass Harry eine geeignete Partnerin für seinen bereits eingeschlagenen Weg in die Unabhängigkeit suchte und zu seinem Glück dann auch gefunden hat. Das nach dem gemeinsamen Sohn benannte postroyale Charity-Start-up, die Archewell Foundation, geht ebendiesen mit den Invictus Games begonnenen Weg, er wäre gewiss ohne Meghan, aber niemals ohne Harry denkbar. Und das Geschäft läuft. Nicht über Glamour, sondern Demut, ganz nach Art des Prinzen: Seit April drängen Harry und Meghan in Suppenküchen, Kindergärten und anderen volksnahen, gemeinwohldienlichen Einrichtungen – und werben zumeist erfolgreich für einen guten Zweck.

Und dann kam der Coup: Anfang September zeigte sich Harry mit Sportlern bei einer Zoom-Diskussion zu der neuen Doku „Rising Phoenix“ bei Netflix, die von den Paralympischen Spielen handelt, nur um kurz darauf bekannt zu geben, dass er und Meghan nun bei dem Streamingdienst unter Vertrag stehen. Man werde Filme und Serien für Netflix produzieren. Dazu gehörten insbesondere auch Angebote für Kinder. „Wir werden uns darauf konzentrieren, Inhalte zu schaffen, die informieren, aber auch Hoffnung geben“, hieß es in einer Mitteilung der Sussexes. Als Eltern sei es ihnen wichtig, „inspirierende Familienprogramme“ zu machen. Der Deal soll um die 140 Millionen Dollar wert sein.

Die Sussexes bezahlten die 2,4 Millionen Britische Pfund für die Renovierung ihres Wohnsitzes in Großbritannien zurück – das im Besitz der Queen befindliche Frogmore Cottage. Noch ein Abschied. Prinz Harrys neues Zuhause liegt an der „Amerikanischen Riviera“ – so wird die Region um die kalifornische Küstenstadt Santa Barbara genannt. Prominente wie die Sängerin Ariana Grande, die Schauspielerin Gwyneth Paltrow und die Moderatorin Oprah Winfrey wohnen hier. Das Anwesen in der Luxus-Enklave Montecito soll neun Schlafzimmer haben. Und mit Heimkino und Swimmingpool wäre das Anwesen auch ein idealer Ort für eine Geburtstagsparty. Grund genug zum Feiern gibt es.

Harry ist davongekommen. Und er steht ganz prächtig da. Verglichen mit seinem alten Zuhause, dem royalen Superspießer William, seinem Vater, dem kauzigen Öko-Onkel Charles, seinem Großvater Philip, einem sich den Frust von der Seele kalauernden Macho-Fossil, oder dem Onkel Andrew, dem trotz seiner ganzen traurigen Bedeutungslosigkeit das Verdienst zukommen könnte, mit seiner Verwicklung in den Epstein-Skandal das ganze Königshaus in den Abgrund zu reißen – verglichen mit dieser scheintoten, notgeilen, grotesken, toxischen, erzroyalen Männerriege hat sich Harry ganz passabel gemacht. Und im Unterschied zur Verwandtschaft hat er noch ein Leben vor sich. Zukunft!