Der Impfstoff von Astrazeneca wird viel kritisiert. Foto: AFP

Die Corona-Impfungen mit dem Astrazeneca-Vakzin sind in Deutschland „vorsorglich“ ausgesetzt. Die Bundesregierung folge damit einer „fachlichen Empfehlung“ des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Er empfahl eine Rückfrage beim Arzt, wenn man mit Astrazeneca geimpft wurde und unsicher sei. Welche Konsequenzen die Entscheidung für die nächsten Monate bei der Impfkampagne habe, wollte Spahn kurz nach der Entscheidung noch nicht mutmaßen.

Der Minister erläuterte, die Entscheidung gehe auf sieben Fälle zurück, bei denen Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung stünden. „Es ist sehr selten aufgetreten“, sagte er und wies darauf hin, dass hierzulande mittlerweile über 1,6 Millionen Impfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff verabreicht wurden. „Es geht um ein sehr geringeres Risiko – aber, falls es tatsächlich im Zusammenhang mit der Impfung stehen sollte, um ein überdurchschnittliches Risiko.“

Er empfahl eine Rückfrage beim Arzt, wenn man mit Astrazeneca geimpft wurde und unsicher sei. Welche Konsequenzen die Entscheidung für die nächsten Monate bei der Impfkampagne habe, wollte Spahn kurz nach der Entscheidung noch nicht mutmaßen.

Das PEI halte nun zunächst weitere Untersuchungen für notwendig. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA werde dann entscheiden, „ob und wie sich die neuen Erkenntnisse auf die Zulassung des Impfstoffes auswirken“.

Wenn DAS geschieht, SOFORT zum Arzt!

Das PEI wies darauf hin, dass Personen, die den Astrazeneca Impfstoff erhalten haben und sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlen – zum Beispiel mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen – sich unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben sollten.

Berlin reagierte mit der Schließung der Impfzentren in Tegel und Tempelhof, Impfungen von Krankenhauspersonal und durch Hausärzte mit Astrazeneca werden eingestellt.

Auch in Dänemark, Norwegen, Island, Bulgarien, Irland und den Niederlanden ist die Impfung mit dem Mittel bereits ausgesetzt. In Österreich, Estland, Lettland, Litauen, Luxemburg und Rumänien werden derzeit bestimmte Chargen nicht verimpft. Thailand und die Demokratische Republik Kongo verschoben den Impfstart.

Am Montagnachmittag zogen auch Frankreich, Italien und Spanien nach und setzten die Impfung mit dem Vakzin aus. Grund für diese Maßnahmen sind einzelne Fälle von schweren Blutgerinnseln, die in zeitlicher Nähe zur Verabreichung des Mittels von Astrazeneca auftraten. Laut der europäischen Arzneimittelbehörde EMA wurde bis zum 10. März 30 Fälle von „thromboembolischen Ereignissen“ gemeldet. Dem gegenüber standen zu dem Zeitpunkt fast fünf Millionen geimpfte Menschen im Europäischen Wirtschaftsraum (EU plus Norwegen, Island und Liechtenstein).

Eine Woche nach Eröffnung wieder geschlossen: Das Impfzentrum im Flughafengebäude Tempelhof, wo Astrazeneca verabreicht wurde. Foto: AFP-Pool/dpa/Tobias Schwarz

Mehr Thrombosen durch „Pille“ und Langstreckenflüge

Das wären 0,06 Fälle auf 10.000 Impfungen. Zum Vergleich: Von 10.000 Frauen, die die Antibabypille nehmen, erkranken acht bis zehn pro Jahr an einer Thrombose. Zudem entwickeln etwa zwei von 10.000 Passagieren bei Flugreisen, die mehr als vier Stunden dauern, eine Reise-Thrombose. 

In Großbritannien wird der Impfstoff, der vom britisch-schwedischen Konzern Astrazeneca gemeinsam mit der Universität Oxford entwickelt wurde, weiterhin genutzt. „Wir prüfen die Berichte genau, aber angesichts der großen Anzahl verabreichter Dosen und der Häufigkeit, mit der Blutgerinnsel auf natürliche Weise auftreten können, deuten die verfügbaren Beweise nicht darauf hin, dass der Impfstoff die Ursache ist“, sagte Phil Bryan von der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) einer Mitteilung zufolge. „Alle Menschen sollten sich gegen Covid-19 impfen lassen, wenn sie dazu aufgefordert werden.“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat für Dienstag Beratungen angekündigt. Die führende WHO-Wissenschaftlerin Soumya Swaminathan empfahl den Ländern am Montag, ihre Impfungen mit Astrazeneca vorerst fortzusetzen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte die Aussetzung des Impfstoffes bereits auf Twitter. „Die Prüfung ohne Aussetzung der Impfung wäre wegen der Seltenheit der Komplikation besser gewesen“, schrieb er. „In der jetzt Fahrt aufnehmenden 3. Welle wären die Erstimpfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff Lebensretter.“

Bis zum Sonntag waren in Deutschland 1,684 Millionen Menschen mit Astrazeneca erstmals geimpft worden, 217 hatten die zweite Impfung erhalten - die Frist zwischen Erst- und Zweitimpfung liegt bei zehn bis zwölf Wochen. Insgesamt wurden mit allen drei bislang verfügbaren Vakzinen 6,5 Millionen Menschen in Deutschland erstmals, 2,9 Millionen zum zweiten Mal geimpft-