Der Überlebende des NS-Konzentrationslagers Auschwitz Justin Sonder. Foto: Bernd Thissen/dpa

Er überlebte 17 Selektionen, Todestransporte und zwei Todesmärsche. Doch gestern hörte sein Herz für immer auf zu schlagen: Einer der letzten Überlebenden des NS-Konzentrationslagers Auschwitz, Justin Sonder, ist tot. Der Chemnitzer starb nur wenige Tage nach seinem 95. Geburtstag. Laut Angaben seiner Familie sei er friedlich eingeschlafen. „Mit Justin Sonder verlieren wir einen der letzten Überlebenden des Holocaust und wichtigen Zeitzeugen“, erklärte der Chemnitzer Bürgermeister Miko Runkel.

Das Internationale Auschwitz-Komitee würdigte ihn als einen „Botschafter der Toleranz“, der anderen Mut gemacht habe, sich für die Demokratie zu engagieren. „Justin Sonder wird uns als Zeitzeuge, als Bruder und als Freund gerade in diesen Tagen des wachsenden populistischen Hasses und rechtsextremer Attacken bitter fehlen“, sagte Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner.

Justin Sonder wurde 1925 in Chemnitz geboren und 1943 nach Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb wegen seiner jüdischen Herkunft ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert – als Häftling Nummer 105027. Dort überstand er 17 Selektionen und Todesmärsche. Bis auf seinen Vater Leo (er starb 1949 in Chemnitz) wurden alle weiteren 22 Verwandten ermordet. Seine geliebte Mutter Zita wurde vergast.

Lesen Sie auch: Zugfahrkarte ins Vernichtungslager: NS-Opfer fordern Entschädigung

Im Juni 1945 kehrte er in seine Heimat zurück. Er wurde Kriminalkommissar, gründete eine Familie, 2017 schließlich wurde er Ehrenbürger seiner Heimatstadt. In den vergangenen Jahrzehnten hatte er Tausenden Schülern von seinen Erlebnissen und den Gräueltaten der Nationalsozialisten berichtet.

2016 hatte Sonder auch als Zeuge im Prozess gegen den ehemaligen Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning in Detmold (Nordrhein-Westfalen) ausgesagt. Dort berichtete er von quälender Todesangst, der er sich wieder und wieder ausgesetzt sah, wenn jene Häftlinge aussortiert und in die Gaskammern geschickt wurden, die schwach und krank waren. Auch die Willkür der SS-Wachleute schilderte er: „Ich habe erlebt, wie Häftlinge erschossen wurden, weil sie aus der Reihe gelaufen sind.“

Justin Sonder hinterlässt drei Kinder und mehrere Enkel und Urenkel. (mit dpa)