Kate und Gerry McCann bei einem der vielen Suchaufrufe: Hier 2012 in London. Seit 2007 suchen sie nach ihrer Tochter Maddie. Foto: dpa/John Stillwell

So richtig hatte damit niemand gerechnet. Am Abend des 3. Juni verkündete Rudi Cerne in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“, dass es endlich eine heiße Spur im Fall der vor 13 Jahren verschwundenen Madelaine McCann gebe. Zeitgleich veröffentlichte das Bundeskriminalamt (BKA) einen Fahndungsaufruf. Gesucht werden Informationen zu Christian B., einem heute 43-jährigen Deutschen. Er ist mehrfach einschlägig vorbestraft. Aktuell sitzt er in Kiel eine Haftstrafe wegen Drogendelikten ab.

Die Geschichte der kleinen Maddie ging um die Welt. Im Frühjahr 2007 machte sie mit ihren Eltern Urlaub in einer Ferienanlage an der portugiesischen Algarve. Am Abend des 3. Mai brachten Kate und Gerry McCann Maddie und ihre beiden Geschwister ins Bett und gingen mit Freunden in ein nahe gelegenes Tapas-Restaurant auf der Anlage. „Für mich war es wie ein Abendessen im Garten, während die Kinder oben im Haus schlafen“, sagte Maddies Vater über das Sicherheitsgefühl als er und seine Frau im Jahr 2013 zu Gast in der ZDF-Sendung waren.

Regelmäßig sahen er und seine Frau in dem nur 50 Meter entfernten Apartment nach dem Rechten. Doch als Kate McCann gegen 22 Uhr nach den Kindern sah, war Maddie verschwunden. Ein Fenster des Apartments, das zuvor geschlossen gewesen sei, habe offen gestanden. „In nur einer Minute hat sich unser Leben, das so perfekt erschien, in die schlimmste nur vorstellbare Situation verwandelt“, sagte Gerald McCann.

Maddie McCann wird seit dem 3. Mai 2007 vermisst. Foto: dpa/AP

Lange gab es keine Hinweise, nur wüste Theorien. Irgendwann geriet sogar das Ärzte-Ehepaar selbst unter Verdacht. Auch britische Boulevardmedien gaben den McCanns eine Mitschuld am Verschwinden ihrer Tochter. Im März 2008 entschuldigten sich die Zeitungen.

Immer wieder schickten Maddies Eltern verzweifelte Aufrufe an die Öffentlichkeit, damit die Suche nach ihrer Tochter nicht vergessen wurde. Kate McCann warf ihren Job als Ärztin hin, um mehr Zeit für die verbliebenen beiden Kinder und die Suche nach ihrer Maddie zu haben. Noch immer kaufe sie Geschenke für ihre Tochter zum Geburtstag und zu Weihnachten, sagte sie der BBC vor drei Jahren, zum zehnjährigen Jahrestag des Verschwindens.

Als Kate und Gerry McCann nun von den Mordermittlungen gegen Christian B. erfuhren, seien sie „dankbar“ gewesen, teilte ihr Sprecher Clarence Mitchell mit. „Sie haben die Hoffnung, Madeleine lebendig zu finden, trotz des langen Zeitraums nicht aufgegeben.“ Sie seien aber „realistisch“ und wollten endlich die Wahrheit erfahren.

Um sich der Wahrheit zu nähern suchte das BKA nun über „Aktenzeichen XY“ erneut die Hilfe der Öffentlichkeit. Die Sendung war schon 2013 hilfreich gewesen sein. Nach der Sendung soll ein Hinweis auf Christian B. eingegangen sein. Laut einem Bericht des „Spiegel“ soll die Braunschweiger Polizei B. sogar eine Zeugenvorladung in der „Vermisstensache Madeleine McCann“ zugestellt haben. Ob es zu einer Aussage kam, ist unklar. Zunächst wurde der Fall allerdings nicht weiter verfolgt.

Christian B. wird verdächtigt hinter dem Verschwinden von Maddie McCann zu stecken. Foto:  AFP/Italien Carabinieri Press Office

Inzwischen gingen Hunderte neue Hinweise beim BKA ein und auch die britische Polizei vermeldete bis zur vergangenen Woche mehr als 400 Hinweise. Eine britische Zeugin will Christian B. nach einem Bericht der „Sun“ wiedererkannt haben. Er soll sich damals in der Nähe des Apartments der Familie McCann merkwürdig verhalten haben. Als ihr nun ein Bild von dem Verdächtigen gezeigt wurde, habe sie ihn sofort erkannt.

Der Verdächtige bestreitet die Tat

Sicher ist, Christian B., der die Tat inzwischen über seinen Anwalt bestritten haben soll, hatte eine Verbindung zum Tatort. In den Jahren von 1995 bis 2007 hielt er sich fast ausschließlich an der portugiesischen Algarve auf. Er ging Gelegenheitsjobs nach, fiel mit Einbrüchen und Gelegenheitsjobs auf. Zum Tatzeitpunkt war er 30 Jahre alt, sein Handy war in der Nähe des Tatortes eingeloggt. Doch trotz der vielen Hinweise sei die Beweiskette bislang noch nicht geschlossen. „Für einen Haftbefehl oder eine Anklage reicht es noch nicht aus“, sagte Hans Christian Wolters von der Staatsanwaltschaft Braunschweig

Aus dieser Ferienanlage in Portugal verschwand Madeleine McCann im Mai 2007.
Foto: AFP/Carlos Costa

Dennoch steht der Fall Maddie offenbar so kurz vor der Aufklärung wie nie zuvor. Eine Spur soll nach Berichten der "Märkischen Oderzeitung" auch nach Brandenburg führen. Und so interessieren sich auch andere Ermittlungsbehörden für den verdächtigen Christian B. So rollt die belgische Polizei einen Mord aus dem Jahr 1997 wieder auf. Damals wurde die 16-jährige Deutsche Carola Titze getötet. Ihre verstümmelte Leiche wurde im Küstenort De Haan gefunden. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf einen deutschen Verdächtigen Anfang zwanzig. Der damalige Ermittlungsrichter Paul Gevaert hatte vergangene Woche eine mögliche Verbindung mit Christian B. ins Spiel gebracht. „Die Beschreibung passt“, sagte Gevaert der Zeitung „De Standaard“. Auch in den Niederlanden werden Verbindungen geprüft.

Die damals 16 Jahre alte Carola Tietze wurde 1996 in Belgien getötet. Foto: AFP/Belga

Derweil werden auch in Deutschland andere Vermisstenfälle auf eine Verbindung zu Christian B. untersucht. So überprüft die Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main mögliche Querverbindungen zum Fall Tristan Brübach, dessen Leiche im Jahr 1998 verstümmelt aufgefunden worden war. Eine „Routinemaßnahme“, wie Oberstaatsanwalt Noah Krüger sagte und sich jede Spekulation verbat.

In Sachsen-Anhalt prüften die Ermittler Verbindungen zum Fall der 2015 spurlos verschwundenen Inga. Hier, so heißt es konnten die Behörden aber keine Hinweise auf einen Zusammenhang finden. Doch Victoria Gehricke, die Mutter der kleinen Inga, will die Hoffnung nicht aufgeben. „Genau jetzt besteht die Chance, dass sich das Schicksal von Inga klären könnte“, sagte sie der „Magdeburger Volksstimme“. Sie hofft, dass weitere Verbindungen geprüft werden – und, dass alles noch ein gutes Ende nimmt. „Wir sollten alle die Hoffnung nie aufgeben, dass Maddie und Inga noch leben. Bis das Gegenteil bewiesen ist.“

Auch die Eltern von Maddie halten an dem Glauben fest, dass ihre Tochter noch leben könnte. 17 Jahre alt wäre sie inzwischen. Dass in Deutschland Mordermittlungen laufen, hatte in Großbritannien für Aufsehen gesorgt. Dort gilt Maddie weiterhin als vermisst. Auf der Suche nach der Wahrheit werden sich Kate und Gerry McCann aber auch mit dem Gedanken abfinden müssen, dass Maddie vielleicht längst Opfer eines Mordes wurde.