Tönnies-Mitarbeiter in ihren Wohnungen. Sie stehen unter Quarantäne. Foto: AP/Martin Meissner

Die Corona-Krise trifft uns alle - aber sie trifft uns nicht alle gleich hart. Das haben die vergangenen Monate gezeigt und es zeigt sich nun beispielsweise im Zusammenhang mit dem Corona-Ausbruch im Zusammenhang mit der Fleischerei Tönnies in Ostwestfalen nun wieder. Große Familien, die in zu kleinen Behausungen leben, haben es schwerer, mit dem Virus umzugehen. Und man wird das Gefühl nicht los, dass sich Behörden leichter tun, Wohnblöcke mit vielen ärmeren Bewohnern unter Quarantäne zu stellen, als sie es mit Landkreisen tun.

„Wir sind Menschen, die sollen uns nicht so behandeln wie Hunde“, sagt eine Frau mit einem Kind auf dem Arm. Es schaut traurig in die Ferne. „Die nehmen uns unsere Luft, unser Atmen.“ Die Szene, die im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde, spielt in einem abgesperrten Wohnblock in Göttingen. Sie könnte genauso in den Unterkünften der Fleischereiarbeiter im Kreis Gütersloh spielen.

Eingesperrt mit Bauzäunen: Die Bewohner eines unter Quarantäne gestellten Wohnblocks in Göttingen. Foto: dpa/Swen Pförtner

Für den Kriminologen Christian Pfeiffer spiegelt sich in den Bildern eine wachsende soziale Spaltung der deutschen Gesellschaft. Der Lockdown habe sozial Schwache weit härter getroffen. In bildungsorientierten Familien habe das Home-Schooling noch einigermaßen geklappt, nicht aber bei den sowieso schon Benachteiligten. Es gehe aber auch um die Bewältigung des Alltags: Ein Bildungsbürger, der gern lese, könne Phasen der Isolierung und Einsamkeit leichter überbrücken als jemand, der seine Freizeit am liebsten in der Disco oder im Sportverein verbringe.

Viele junge Männer hätten in den vergangenen Monaten auf den dringend benötigten Ausgleich verzichten müssen. „Mit vollem Einsatz dem anderen den Ball weggrätschen - so etwas ist eben schon lange nicht mehr möglich. Wir haben gerade denjenigen den Zugang zu Sportaktivitäten verbaut, die am stärksten davon abhängig sind. Da staut sich ungeheuer viel Frust auf.“ Ähnliches gelte für die Disco und den Musikclub: „Ein ganz wichtiger Ort des Austobens, des Kennenlernens, der Interaktion, der Rollenübung und Gruppenbildung.“

Helfer versorgen Tönnies-Mitarbeiter mit Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs. Foto: AP/Martin Meissner

Auch Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, warnt vor sozialen Konflikten. Man müsse sich nur einmal vor Augen führen, wo die Infektionen verstärkt aufträten: „Das sind nicht die Villenvororte in Düsseldorf oder in Berlin, sondern das ist dort, wo Menschen in beengten Verhältnissen unter nicht besonders günstigen Umständen leben müssen.“ Und dann würden sie obendrein auch noch als Schuldige abgestempelt.

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht damit anfangen, Sündenböcke zu suchen“, mahnt Landsberg. „Stellen Sie sich vor, Sie sind jemand, der bei Tönnies arbeitet. Da werden Sie auf der Straße schief angeguckt. Oder Sie sind jemand aus dem falschen Häuserblock, dem falschen Kreis und demnächst vielleicht auch noch aus dem falschen Bundesland.“ 

Bewohner eines unter Quarantäne gestellten Hauses in Göttingen hängen ihre Wäsche am Fenster auf. Foto: dpa/Swen Pförtner

Viele Beschränkungen sind bereits zurückgenommen worden, doch das muss nicht so bleiben, wie ebenfalls das Beispiel Gütersloh zeigt. Corona und kein Ende - auch das verstärkt den Frust. Der Tag, an dem alles wieder gut ist, wird immer weiter verschoben, moniert Landsberg: „Wenn der Herbst kommt und es kälter wird und die Leute nicht mehr so viel draußen sind, wird die Gefahr größer.“

Die Gesellschaft in einem solchen Zustand zusammenzuhalten, möglicherweise bis ins kommende Jahr, sei alles andere als einfach, zumal abzusehen sei, dass die wirtschaftlichen Probleme eher noch zunehmen würden. Irgendwann sei Schluss mit Kurzarbeitergeld. Landsberg appelliert: „Es sind da nicht nur die Politiker in der Pflicht. Wir alle sind gefordert.“