Eimersaufen am Ballermann – so schön wird es nie wieder. imago stock&people

Wer einmal da war, will nie wieder hin – viel zu viel Trubel in Schinkenstraße und Co. Oder aber man kann gar nicht genug bekommen. Die Rede ist von der wohl berühmtesten Partymeile der Deutschen. Es gibt kaum einen, der den Ballermann nicht zumindest vom Hörensagen kennt. Seit 50 Jahren wird auf Mallorca gefeiert, ausgeflippt, getrunken und getanzt. Stars wurden hier geboren und Sommerhits, Paare lernten sich kennen und ganze Horden von Junggesellen fielen in den kollektiven Sangria-Rausch.

Früher war alles besser, sagen die meisten heute im 17. Bundesland der Deutschen. Die Playa steht vor einer umstrittenen Neugründung.

Ballermann: überall muss man sich benehmen

Im Jahr seines inoffiziellen 50. „Gründungsjahres“ ist der Ballermann nicht mehr das, was er bis vor wenigen Jahren noch war. „Vor Corona war schon geiler ohne die vielen Benimmregeln“, klagt etwa Dennis Bartels aus Rehde im Münsterland. Sein jüngerer Reisekollege Tom, der nach eigenen Angaben an der Partymeile gezeugt wurde, verzieht beim Schimpfen empört das Gesicht: „Überall muss man sich benehmen, überall fliegt man heutzutage raus, wenn man sich nur kurz das T-Shirt hochzieht.“

Dabei war doch gerade das gemeinschaftliche Danebenhauen ein Charakteristikum des Ballermanns. Hier war erlaubt, was zu Hause Tabu war, spätestens im Flieger konnte man ja wieder der brave Familienvater, die gesittete junge Frau werden. In einer Runde aus langen Strohhalmen einen Eimer Sangria leeren – das war lange Zeit das Klischee-Bild am Ballermann.

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„Ich sehe keine (Sangria-)Eimer mehr“, beschwert sich Yannick, der mit einer ganzen Gruppe angereist ist, heute. Aber: „Wir lieben trotzdem Mallorca. Das ist unsere Insel. Das ist unser 17. Bundesland. So wird’s immer bleiben. Richtig geil. Prost!“

Die Anfänge des Ballermann

Doch wie hat alles angefangen mit dem gut vier Kilometer langen Strandabschnitt, der Teutonenmeile, dem German-Grill? Um die Herkunft der Bezeichnung „Ballermann“ ranken sich viele Legenden. Es heißt zum Beispiel, ein Wirt aus Karlsruhe habe Anfang der 1970er-Jahre an der Playa eine Filiale seiner gleichnamigen Currywurst-Bude eröffnet und damit viel Erfolg gehabt. Auch die Mitglieder des Kölner Fußball-Thekenklubs FC Merowinger reklamieren die Wortschöpfung für sich. Seit 1972 fahren sie jedes Jahr im September ins  Strandlokal „Balneario 6“, um Party zu machen.

Stefen und Philipp aus Zürich posieren in der Bierstraße am Ballermann. Der Ballermann auf Mallorca feiert sein inoffizielles 50-jähriges Jubiläum und ist immer noch für einen Absturz gut. Clara Margais/dpa

Ex-Präsident Werner Dive, der von Anfang an dabei ist, lässt keine Zweifel aufkommen. „Klar haben wir das erfunden. Vorher war ja nichts!“, sagte der 77-Jährige erst jüngst dem Kölner Stadt-Anzeiger. Auch in Interviews mit mallorquinischen Medien behauptet er seit Jahren, damals habe es an der Playa nicht einmal Bier gegeben. Deshalb sei man mit Kölsch-Fässern, aber auch mit Gulasch und Karnevalskluft angereist.

Als sicher gilt, dass „Ballermann“ eine Verballhornung des Wortes „Balneario“ (Heilbad) ist. So heißen an der Playa die seit 1972 durchnummerierten Strandlokale, von denen es heute 15 gibt. Hoch her ging es schon in der Anfangszeit besonders am „Balneario 6“, wo sich nicht nur die Kölner jahrzehntelang gern „einen geballert“ haben.

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In den 1970ern wurden für das feierwütige Publikum an der Playa immer mehr Discos und Kneipen eröffnet. Deutsche Schlagerstars wie Bernhard Brink, Costa Cordalis und Jürgen Drews entdeckten die Insel und wurden für Auftritte eingeflogen. Gegen Ende des Jahrzehnts begann Inselgastronom Juan Ferrer im legendären „Köpi“ als Erster, importiertes deutsches Fassbier auszuschenken. Der Andrang war groß, die Leute tranken auch auf der Straße, der Carrer de Miquel Pellisa wurde deshalb in „Bierstraße“ umgetauft.

Palma: Menschen gehen neben der Bar Bamboleo in der Bierstraße am Ballermann vorbei. Clara Margais/dpa

Von da an gab es kein Halten mehr. Das berüchtigte und inzwischen verbotene „Eimersaufen“ wurde zum Pflichtprogramm. Der Ballermann wurde zum Kult, zum Mythos, zum Lebensgefühl, zur Subkultur. Es gibt inzwischen unzählige Dokus, Filme, Studien und Berichte über das Phänomen. Es gibt „Ballermann-Musikstars“ wie Mia Julia und Isi Glück, Ikke Hüftgold und Tim Toupet. Und nicht nur auf Mallorca, auch in Deutschland werden inzwischen sogenannte Ballermann-Partys mit „Ballermann-Hits“ und „Ballermann-Feeling“ gefeiert.

Deutsche wollten Mallorca kaufen

Der Hype ging so weit, dass 1993 zwei Bundestagsabgeordnete sogar vorschlugen, Deutschland solle Mallorca für 50 Milliarden Mark kaufen. Einige Mallorquiner waren damals beleidigt, die zunehmenden Auswüchse störten immer mehr. Doch die meisten machten lange Zeit gute Miene zum bösen Spiel. Verständlich. Die Kassen klingelten im Laufe der Jahre immer lauter. Vor der Pandemie sorgte der Tourismus bereits für über 40 Prozent des Volkseinkommens der Balearen.

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Doch das Treiben an der Playa ist dem Rathaus schon länger ein Dorn im Auge. 2013 gibt es die ersten „Benimmregeln“. Hoteliers und Gastronomen schließen sich 2016 zur Qualitätsinitiative Palma Beach zusammen. Den Exzessen wird endgültig der Kampf angesagt. „Für die Sauftouristen ist auf unserer Insel kein Platz mehr“, sagte erst jüngst wieder der balearische Regierungssprecher Iago Negueruela.

Ballermann: die Sonne brennt, es riecht nach Erbrochenem

Und die Deutschen bringen ja durchaus Verständnis für das Projekt braver Ballermann auf: „Nüchtern betrachtet ist der Ballermann kein schöner Ort. Gerade im Sommer. Die Sonne brennt, es riecht nach Erbrochenem und Reinigungsmitteln, das Meer ist eine warme Suppe aus Sonnencreme und wer weiß was noch“, schrieb Kolumnist Patrick Schirmer jüngst in der Mallorca Zeitung. Und sogar der „König von Mallorca“, Jürgen Drews, räumte vor einigen Jahren ein, er möge den Ballermann nicht und störe sich am „Gegröle und Gesaufe“.

Doch die Baller-Männer und -Frauen sind anderer Meinung. Wer sich am Strand umhört, vernimmt fast nur Kritik an der Entwicklung: „Mittlerweile finde ich das ein bisschen streng“, „Überall Polizei“, „Die Leute benehmen sich hier alle gut“, ist beispielsweise zu hören. Einige, die jedes Jahr kommen, wie die Düsseldorferin Jeannette, erwägen wegen „der vielen Gesetze“ nicht mehr nach Mallorca zu reisen. Die meisten wollen der Insel aber treu bleiben. Dennis aus Rehde spricht Klartext: „Malle ist Malle und dat läuft immer!“