Schon vor der Pandemie waren Mädchen in Deutschland mit ihrem Leben unzufriedener als Jungen. Foto: Imago Images

Mädchen und junge Frauen in Deutschland leiden mehr als doppelt so oft unter depressiven Symptomen wie junge Männer. Das ist eines der Ergebnisse des Unicef-Berichts zur Lage der Kinder in Deutschland, der am Dienstag vorgestellt wurde.

16 Prozent der jungen Frauen im Alter von 16 bis 19 Jahren schätzen sich laut Bericht als depressiv ein – bei den gleichaltrigen jungen Männern sind es 7,7 Prozent. Zudem erhielten 13 Prozent der Mädchen verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel.

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„Es gibt Hinweise darauf, dass die moderne Frauenrolle den Mädchen deutlich mehr abverlangt als den Jungen“, sagte Hans Bertram, Familiensoziologe und Autor des Unicef-Berichtes. „Junge Männer können ihr Leben letztendlich immer noch in einem sehr traditionellen Muster gestalten, während von jungen Frauen erwartet wird, dass sie Rollen neu gestalten und ausfüllen, die noch in ihrer Elterngeneration klar verteilt waren.“

Durch die Corona-Pandemie drohe nun zusätzlich die Gefahr, dass die Zuversicht von Kindern und jungen Erwachsenen erneut deutlich sinke. „Die jungen Menschen in Deutschland haben in der Pandemie große Solidarität bewiesen“, sagte Unicef-Schirmherrin Elke Büdenbender bei der Präsentation des Berichtes. „Aber je länger die Krise dauert, umso größer wird die Belastung gerade für die jungen Menschen und umso stärker kommen sie an ihre Grenzen.“

BLZ/Hecher, Quelle: UNICEF

Mehr als jedes fünfte Mädchen ist unzufrieden mit seinem Leben

Für den diesjährigen Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland wurden die verfügbaren Daten zum subjektiven Wohlbefinden von Kindern, ihren Beziehungen in Freundeskreis und Familie, zur Bildungssituation und zur Gesundheit bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie ausgewertet. Unicef stützt sich dabei auf Datensätze von Eurostat, der OECD und des deutschen Statistischen Bundesamtes. Der Bericht soll damit auch als Grundlage dienen, um die Folgen der Corona-Krise für Kinder und Jugendliche besser zu verstehen.

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Demnach waren schon vor der Pandemie mehr als jedes fünfte Mädchen und nahezu jeder siebte Junge im Alter von 15 Jahren unzufrieden mit ihrem Leben. Damit zeigt das Ergebnis für Deutschland ein weltweites Phänomen: In fast allen Ländern gaben die Mädchen an, mit ihrem Leben weniger zufrieden zu sein, als die Jungen.

Eine Erklärung sieht der Bericht darin, dass das Heranwachsen „für die Mädchen und jungen Frauen mit den erheblichen körperlichen Veränderungen in der Entwicklung größere Herausforderungen mit sich bringt als für die jungen Männer“. Auch fühlten sich Mädchen Studien zufolge deutlich stärker als Jungen unter Druck, was die Bewertung ihres äußeren Erscheinungsbild angeht. Damit verbunden ist die Rolle der sozialen Medien: Diese haben Studien zufolge erheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen. Auch hier sind laut Unicef-Bericht besonders Mädchen betroffen, die diese Medien teilweise so häufig nutzten, dass ihre „Selbsteinschätzung und der Selbstwert deutlich beeinträchtigt werden“.

BLZ/Hecher, Quelle: UNICEF

Kinder und Jugendliche leiden vor allem unter Schulschließungen in der Pandemie

Es sei noch zu früh, um die Folgen der Corona-Pandemie für die Kinder und Jugendlichen in Deutschland abschließend zu bewerten, sagte Georg Graf Waldersee, Vorstandsvorsitzender von Unicef Deutschland. Gleichwohl sei jetzt schon klar, dass das Virus für das Wohlbefinden und die Lebensführung von Kindern und Jugendlichen in Europa deutliche Konsequenzen zeige.

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Laut Bericht liegt das weniger an der gesundheitlichen Bedrohung durch das Virus selbst, sondern an der „politischen Entscheidung der europäischen Staaten, die Ausbreitung des Virus in Europa durch die Verringerung der Mobilität außerhalb des familiären Haushalts zu begrenzen“, wie es in dem Bericht heißt. Die Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten habe die Verantwortung für die Betreuung und den Unterricht der Kinder und Jugendlichen zurück in die Familie verschoben, sagte Unicef-Autor Hans Bertram. Damit dieses Konzept funktioniere, müssten die Eltern aber in der Lage sein, ihre Kinder zu motivieren, zu unterstützen und die Lernerfolge zu kontrollieren. Gerade Kinder, die mit einem alleinerziehenden Elternteil oder in wirtschaftlich schlechter gestellten Familien aufwüchsen, seien hier deutlich benachteiligt. Besonders für jüngere Kinder im Grundschulalter sei zudem der virtuelle Unterricht meist unzureichend, sagte Bertram. Grundschülerinnen und Grundschüler bräuchten für ihre Entwicklung unbedingt den Kontakt zu anderen Kindern.