Tom Topol sammelt alte Reisepässe. Rechts: Der Pass der Hansestadt Bremen von 1920 gehörte einer Telefonistin, das Foto zeigt sie mit Gitarre. Fotos: Tom Topol / www.passport-collector.com

Wer einen neuen Reisepass braucht, geht zum Bürgeramt, stellt einen Antrag, wartet zwei Wochen, bekommt das Dokument. Der alte, abgelaufene Pass wird entwertet und entsorgt – es ist das Ende der Geschichte. Für Tom Topol geht es genau an diesem Punkt aber erst richtig los: Der 57-Jährige sammelt seit Jahren alte, abgelaufene Reisepässe, hat es vor allem auf Exemplare aus der DDR abgesehen. 700 Stück hat er bisher angehäuft. Ein besonderes Hobby, das zugleich spannende Einblicke in die Geschichte gibt.

Auf den ersten Blick scheint das Sammeln von Pässen ein sehr ungewöhnliches Hobby zu sein – und doch gibt es einige Menschen, die sich damit beschäftigen. „Weltweit dürften es ein paar Tausend sein“, sagt Tom Topol. „Aber dieses Sammelgebiet ist natürlich trotzdem noch lange nicht so weit verbreitet wie Briefmarken oder Münzen.“ Vielleicht denken viele, Reisepässe seien standardisiert – und damit langweilig? Wer das glaubt, der irrt: „Alte Pässe sind aus heutiger Sicht kleine Kunstwerke“, sagt Topol. „Jeder war ein Unikat. Früher wurden sie handschriftlich ausgestellt. Und jeder Stempel, jedes Visa erzählt eine eigene Geschichte.“

Der Reisepass eines Fabrikanten aus Hildesheim (Königreich Preussen) 1916 – auf dem Foto ist der Besitzer mit Jagdgewehr und Jagdhund zu sehen. Foto: Tom Topol / www.passport-collector.com

Topol wuchs in Karlsruhe auf, lebte jahrelang in der Schweiz, hat nun in Bangkok in Thailand sein Zuhause gefunden. Zu seinem Hobby kam er, als er vor Jahren den Keller seiner Eltern aufräumte. „Damals fand ich die alten Reisepässe und Personalausweise der beiden. So etwas ist natürlich Familiengeschichte, das wirft man nicht weg.“ Unbewusst legte er damit den Grundstein für die Sammlung, auch wenn das Feuer erst später entfacht wurde. „Ich bin beruflich immer viel gereist – und entdeckte einen alten Reisepass auf einem Flohmarkt in Kyoto in Japan. Die japanischen Zeichen sahen toll aus, drinnen prangte das Passbild einer Japanerin im Kimono. Und das Stück war in fantastischem Zustand – so, als sei es erst gestern gedruckt worden.“

Ein Pass von Marilyn Monroe kostete 115.000 Dollar

Es sei der Beginn seiner Leidenschaft gewesen. „Denn ich sah: Alte Reisepässe werden von den meisten Leuten weggeschmissen“, sagt er. Und das, obwohl sie mal wertvoll waren und historisch bedeutsam sind. Immer wieder zog es den Sammler fortan auf Flohmärkte oder auf Verkaufsseiten im Netz. „Später kam ich auch in Kontakt mit anderen Sammlern. Jeder hat sein eigenes Spezialgebiet – manche sammeln nur Diplomatenpässe, andere nur Exemplare, die mal berühmten Persönlichkeiten gehörten.“ Für prominente Reisepässe sei Amerika ein guter Markt. Ein Pass von Marilyn Monroe kam hier mal für 115.000 Dollar unter den Hammer, sagt Topol. Albert Einsteins Dokument für 93.000 Dollar. „Alles eine Frage des Geldes“, sagt er.

Einer der letzten Pässe der DDR, ausgestellt zwei Tage vor Wiedervereinigung am 1. Oktober 1990. Foto: Tom Topol / www.passport-collector.com

Er selbst hat sich auf Pässe aus der DDR spezialisiert. Denn besonders spannend für Sammler sind „ausgestorbene Länder und Territorien“, sagt er – und dazu gehöre auch die DDR. „Die neuesten DDR-Pässe sind Massenware und auch heute noch gut zu finden. Spannend wird es mit Pässen von der Zeit vor 1964.“ Für ihn seien Exemplare interessant, die Reisetätigkeiten belegen. „Ich staune immer wieder, welche Visen in Reisepässen aus den 50er-Jahren zu finden sind. Da konnte man als DDR-Bürger nach Burma reisen – und in andere skurrile Länder. Ich wusste nicht, dass das früher ging.“

Von neuen Pässen lässt Tom Topol die Finger

Von neuen Pässen lässt er aber die Finger – vor allem in Deutschland setzen die Datenschutzbestimmungen der Sammelleidenschaft Grenzen. „Bei Wohnungsentrümpelungen darf beispielsweise alles verwertet werden – nur die persönlichen Dokumente nicht“, sagt er. Bei alten Pässen, die lange abgelaufen sind, sei das Sammeln aber kein Problem. Topol steht mit verschiedenen Ministerien in Deutschland, der Schweiz und anderen Ländern in Kontakt.

Der Pass von 1963. Er gehörte John W. Young, dienstältester Astronaut der NASA.  Foto: Tom Topol / www.passport-collector.com

Über seine Sammlung hat er inzwischen das Buch „Let Pass or Die“ geschrieben, außerdem gestaltete er eine Ausstellung in Washington mit – und auf seiner Website (www.passport-collector.com) dokumentiert er besondere Fundstücke. Zur Kollektion, die inzwischen auf rund 700 Stück angewachsen ist, zählen unter anderem einer der ersten Reisepässe, die es für Normalbürger aus der DDR gab, ein Stück aus dem Jahr 1955. Außerdem einer der allerletzten Reisepässe der DDR – er wurde zwei Tage vor der Wiedervereinigung ausgestellt, am 1. Oktober 1990. Auch ein Dokument des US-Astronauten John W. Young, einem der dienstältesten Astronauten der NASA, fand Topol, außerdem den Ministerialpass von Theodor Lehmann, Delegierter der Friedensverhandlungen von Versailles, ausgestellt im Jahr 1919.

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Auch auf lustige Stücke hat es der Sammler abgesehen. Ein Pass der Freien Hansestadt Bremen gehörte einer Frau namens Sophie Dorothee Schaper. Auf dem Foto hat sie eine Gitarre in der Hand. Genau solche Funde machen das Hobby für Topol aufregend. „Passfotos wurden 1915 in Deutschland zur Pflicht, damals gab es aber noch keine verbindlichen Regelungen, wie ein solches Bild auszusehen hat“, sagt er. Ein anderer Pass aus seiner Sammlung zeige einen Jäger – mit Jagdhund und Waffe. „Und heute darf man auf den Fotos nicht einmal lachen.“ Aber auch Stempel und Visen erzählen Geschichten. „Ein bereister Pass zeigt Dinge über die geografischen Gegebenheiten zur jeweiligen Zeit. Wie lange reiste jemand wohin und warum? Wie viele Tage dauerte die Reise? Solche Informationen kann man daraus ableiten.“Florian Thalmann