Für den Dokumentarfilm „Geister der Titanic“ wurden mit Spezial-U-Booten spektakuläre Aufnahmen vom Schiffswrack gemacht. Foto: Walt Disney/Courtesy Everett Collection/Imago Images

Es ist einer der berühmtesten Funksprüche der Geschichte: „41° 46'N 50° 14'W – Sinken – brauchen sofort Hilfe“ morste der 25-jährige Funker Jack Phillips am 15. April 1912 um 0.10 Uhr von Bord der Titanic. Eine halbe Stunde vorher hatte der als unsinkbar geltende modernste Passagierdampfer seiner Zeit mitten im Nordatlantik einen gewaltigen Eisberg gerammt.

Fast zwei Stunden lang setzten Phillips und sein Funkerkollege Harold Bride immer dringlicher klingende Hilferufe ab, zuletzt stand ihnen das Wasser in ihrer Kabine schon bis zu den Knien. Dann brach die Stromversorgung zusammen. Kurz darauf sank die Titanic und riss 1514 der über 2200 an Bord befindlichen Passagiere und Besatzungsmitglieder in den Tod. Von den beiden Funkern überlebte nur der 22-jährige Bride die größte Katastrophe der zivilen Schifffahrt.

Seit nunmehr 108 Jahren liegt die Titanic in 3800 Meter Tiefe rund 645 Kilometer südöstlich von Neufundland. Quasi unberührt, denn aus dem Inneren des Wracks durften bislang keine Objekte geborgen werden. Das wird sich nun ändern: Vergangene Woche genehmigte ein Bezirksgericht in Norfolk (US-Bundesstaat Virginia) der Firma R.M.S. Titanic Inc., im August Teile der Funkanlage aus dem Bauch des Passagierdampfers zu bergen, mit der Phillips und Bride in der Katastrophennacht zwei Stunden lang SOS-Rufe in die Weite des Nordatlantiks gemorst hatten.

Die RMS Titanic war bei der Indienststellung am 2. April 1912 das größte Schiff der Welt. Foto: WHA United Archives/Imago Images

Das Wrack der Titanic wurde erst im Jahr 1985 entdeckt. Neun Jahre später sprach ein US-Gericht der amerikanischen Firma R.M.S. Titanic Inc., ein Tochterunternehmen des Ausstellungsveranstalters Premier Exhibitions, das ausschließliche Eigentums- und Bergungsrecht am Wrack zu. Bis heute sind mehr als 5500 Objekte, vor allem Geschirr, Goldmünzen, Silberbesteck und andere Artefakte, geborgen worden. Sie stammten durchweg vom Deck des Schiffes oder aus der Umgebung des Wracks.

Tatsächlich handelt es sich bei der Funkanlage der Titanic um eine legendäre technische Apparatur. Erst seit 1902 gab es überhaupt Funkstationen auf Schiffen. Als Erfinder der drahtlosen Telegrafie gilt der Italiener Guglielmo Marconi (1874–1937), der dafür auch 1909 den Nobelpreis für Physik erhielt. Seine Firma Marconi International Marine Communication Co. hatte auch die Titanic mit einem Funktelegrafen ausgerüstet. Der Löschfunkensender war das mit Abstand leistungsstärkste Funkgerät seiner Zeit. Er garantierte unabhängig von den atmosphärischen Bedingungen eine Reichweite von 350 Seemeilen.

Tatsächlich empfingen in jener Aprilnacht 1912 zwölf Schiffe die abgesetzten Notrufe der Titanic. Sie waren aber zu weit weg, um rechtzeitig zu Hilfe eilen zu können. Lediglich der Passagierdampfer „Carpathia“, der zum Zeitpunkt des Unglücks etwa 90 Kilometer entfernt kreuzte, kam zwei Stunden nach dem Untergang zum Unglücksort und konnte die 705 Menschen, die es in die Rettungsboote geschafft hatten, bergen.
Andreas