Der verhaltensauffällige Wolf Kurti (l.) sorgte im Jahr 2016 für Aufregung. dpa/Konstantin Knorr

Das Verhältnis von Menschen und Wölfen ist seit vielen Jahrhunderten vergiftet. Erst in den vergangenen Tagen sorgte ein Video für Schlagzeilen, in dem ein Wolf sich einer Spaziergängerin und ihrem Hund nähert und sich erst nach lautem Schreien der Frau zurückzieht. Eigentlich suchen Wölfe nicht die Nähe von Menschen. Und wenn sie es doch tun, so wie der „Problemwolf“ Kurti im April 2016, werden sie erschossen. Doch Experten sind sich einig: Wölfe sind für Menschen ungefährlich, laut dem Bundesumweltministerium greifen gesunde Tiere nur sehr selten an.

Vielmehr ließen sich Angriffe auf drei Ursachen zurückführen: Tollwut, Provokation oder Futterkonditionierung. Weil Deutschland eine Kulturlandschaft und Tollwut-frei ist, sei die wahrscheinlichste Ursache die Gewöhnung an den Menschen verbunden mit positiven Reizen wie Füttern. Auch im Fall Kurti wurde das damals vermutet. Womöglich sei er als Jungtier angefüttert worden und habe die Scheu vor Menschen verloren, sagte Niedersachsens Umweltminister damals. Kurti musste ferngehalten werden von Dörfern und aufhören, Leute zu verfolgen. Zunächst wurde ein Wolfsexperte aus Schweden eingeflogen, der Kurti vertreiben sollte. Weil das nicht gelang, wurde er getötet. Und mit jedem Fall, der bekannt wird, erfährt die Diskussion um Wölfe neue Nahrung. Die wichtigsten Punkte.

Wo leben Wölfe in Deutschland?

Wölfe sind streng geschützt und kommen in Deutschland vor allem in Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen vor. 128 Rudel zählte der Naturschutzbund (Nabu) bis vorigen Oktober bundesweit. Als Rudel gelten zwei ausgewachsene Tiere mit Nachwuchs. In Deutschland leben außerdem 35 Wolfspaare und 10 Einzeltiere.

Dabei waren Wölfe lange ausgerottet. Erst im Jahr 2000 wurden die ersten Welpen in Freiheit geboren – auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz, wie der Nabu schreibt. Seitdem erobern sich die Wölfe langsam alte Lebensräume zurück.

Zerschnittene Lebensräume

Doch die Lebensräume, die Wälder, sind häufig durchschnitten von Straßen. Der Mensch ist ein Problem für den Wolf, die meisten Tiere sterben auf dem Asphalt – zuletzt 78 Prozent: Von 126 toten Wölfen kamen im vergangenen Monitoringjahr (1. Mai 2019 bis 30. April 2020) 98 Tiere im Straßenverkehr um, wie die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) in ihrem jährlichen Bericht schreibt. Bis 18. April dieses Jahres wurden 50 tote Wölfe gefunden. 37 davon wurden überfahren.

In einem bayerischen Wildpark schaut ein Wolf hinter einem Baum hervor. dpa/Lino Mirgeler

Was tun, wenn ich einem Wolf begegne?

„Machen Sie sich bemerkbar durch Reden, Rufen oder In-die-Hände-Klatschen“, schreibt das niedersächsische Umweltministerium. „Entfernen Sie sich dabei langsam und ruhig, immer mit dem Gesicht zum Wolf. Laufen Sie nicht weg.“ Folgt das Tier einem weiter, könne man es mit dem Werfen von Steinen und Stöcken oder mit Pfefferspray vertreiben. Wichtig sei: „Wölfe sind keine Kuscheltiere.“ Es sind Raubtiere, deren natürliches Verhalten bei Laien „große Verunsicherung auslösen und in solchen, für die Betroffenen äußerst unangenehmen Situationen resultieren kann“. Gerade junge Wölfe seien oft noch nicht scheu und mitunter dreist.

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Wie sicher sind Nutztiere vor Wölfen? 

Mit zunehmender Ausbreitung des Wolfs nimmt laut DBBW die Zahl der Risse zu. Allerdings: Die meisten Übergriffe passierten dort, wo Wölfe neue Reviere erobern und Tierhalter noch nicht auf sie eingestellt sind. Sind die Herden fachgerecht geschützt, gehe in der Regel auch die Zahl der Risse zurück.

Von den 2894 toten, verletzten oder vermissten Nutztieren waren im vergangenen Monitoringjahr 88 Prozent Schafe und Ziegen, 7 Prozent Wild (im Gehege), 4 Prozent Rinder und 1 Prozent andere Tiere. Die meisten Schäden gab es in Niedersachsen, Sachsen und Brandenburg.

Verliert jemand sein Vieh durch einen Wolf, kann er mit Ausgleichszahlungen rechnen. 418.000 Euro wurden Tierhaltern laut DBBW 2019 gezahlt. Weit mehr, nämlich acht Millionen Euro, erhielten Tierhalter für Schutzmaßnahmen.