Der Körper hat verschiedene Möglichkeiten, sich gegen Krankheiten zu wappnen: Sogenannte B-Zellen stellen Antikörper her, die den Erreger unschädlich machen. T-Killerzellen zerstören Körperzellen, in denen sich das Virus eingenistet hat. Foto: imago images/Science Photo Library

Kann man sich ein zweites Mal mit dem neuartigen Coronavirus anstecken? Diese Frage taucht immer öfter auf. Bereits zu Beginn der Pandemie wurde vereinzelt von Fällen berichtet, bei denen sich Menschen erneut mit Sars-CoV-2 infiziert hatten. In Baden-Württemberg ist nun ein registrierter Corona-Patient nach einer zweiten Infektion mit dem Virus gestorben. Es ist der erste derartige Fall in Deutschland, der bekannt geworden ist.

Wie das Landesgesundheitsamt in Stuttgart mitteilte, handelt es sich um einen 73 Jahre alten Mann aus dem Landkreis Freudenstadt. Im April vergangenen Jahres habe sich der Mann erstmals mit Sars-CoV-2 infiziert. Ende Dezember habe er sich dann erneut angesteckt. Der Patient verstarb nach Angaben des Landesgesundheitsamtes im weiteren Verlauf seiner Covid-19-Erkrankung an Lungenentzündung und Sepsis mit Multiorganversagen. Zuerst hatte der Rechercheverbund von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung darüber berichtet.

Antikörper schützen in der Regel vor Neuinfektion

In der Regel – und so ist es auch bei Coronaviren – bildet der Körper nach einer Infektion Abwehrstoffe. Sogenannte B-Zellen stellen Antikörper her, die sich an den Erreger binden und ihn damit unschädlich machen. Diese schützen den Menschen zumindest für eine gewisse Zeit vor einer Neuinfektion.

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Das Risiko einer erneuten Erkrankung durch Sars-CoV-2 schätzen Experten daher als eher gering ein. Wissenschaftler aus Qatar beziffern es mit 0,02 Prozent. Sie berufen sich dabei auf Daten aus einer Studie mit 133.266 positiv getesteten Corona-Patienten. Von ihnen erkrankten 54 Menschen erneut symptomatisch an Covid-19.

Eine zweite kontrollierte Kohorten-Studie aus dem Vereinigten Königreich an 20.000 Klinikmitarbeitern fand mit verschiedenen Falldefinitionen zwar eine größere Anzahl an Reinfektionen. Darunter fanden sich allerdings auch mehr Fälle asymptomatischer Infektionen. Bezogen die Wissenschaftler lediglich symptomatische Reinfektionen in ihre Berechnung ein, reduzierte sich das Risiko, erneut zu erkranken, um 95 Prozent.

Wie lange dieser natürliche Immunschutz hält, ist unklar. Die Immunantwort nach einer Corona-Infektion ist eine komplexe Sache – und sie verläuft sehr unterschiedlich. Wie viele Antikörper ein Infizierter entwickelt, hängt in der Regel mit der Schwere der Erkrankung zusammen. Es kommt auch vor, dass manche Menschen trotz einer Infektion gar keine Antikörper bilden. So oder so – mit der Zeit sinke deren Zahl, sagt Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, der Deutschen Presse-Agentur. Damit verliere der Immunschutz an Wirkung.

Immunschutz schwindet mit der Zeit

Wie lange einmal Infizierte immun sind, lasse sich derzeit noch nicht sicher sagen. Studien zur Immunität über längere Zeiträume sind bislang schlicht nicht möglich, da es Sars-CoV-2 noch gar nicht so lange gibt. Viele Fragen sind allenfalls ansatzweise beantwortet. Carsten Watzl macht deutlich: „Der natürliche Immunschutz infolge von Infektionen schwindet mit der Zeit. Ohne das Impfen würde die Gesellschaft nie ausreichend geschützt sein.“

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Sorgen bereiten Experten nach Angaben des Science Media Centers vor allem die bisher bekannten Virusmutationen. Neben der Frage, wie effizient eine Immunantwort vor einer erneuten Infektion schützt, wird nun auch die Frage bedeutsamer, ob das in gleichem Maße auch für die neu aufgetretenen Virusvarianten gilt. In noch nicht begutachteten Preprints wird über zwei Fälle aus Brasilien berichtet, die sich trotz nachweisbarer Antikörper nach vorangegangener Covid-19-Erkrankung erneut infizierten, und zwar mit einer der neuen Virusvarianten.

Ob sich der Mann aus Baden-Württemberg mit einer Corona-Mutante angesteckt hat, ist nicht bekannt. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er eine der neuen Virusvarianten hatte“, sagt Stefan Brockmann, Leiter des Referats Gesundheitsschutz und Epidemiologie am Gesundheitsamt in Baden-Württemberg, der Deutschen Presse-Agentur. Der Verstorbene habe Vorerkrankungen gehabt. Es sei daher wahrscheinlich, dass er bei der ersten Infektion keine starke Immunität ausgebildet habe.

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Nach dem Bericht von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung dürfte dies weltweit erst der dritte bekannt gewordene Todesfall nach einer Corona-Reinfektion sein. Im Oktober war eine 89-jährige Niederländerin verstorben, die allerdings immungeschwächt war. Im Dezember berichtete eine israelische Zeitung, dass dort ein 74-jähriger Bewohner eines Altenheims nach durchgestandener Erstinfektion im August sich erneut infizierte und verstarb, obwohl er zwischendurch dreimal negativ getestet worden sei.

Über Patienten mit einer zweiten Infektion gibt es noch relativ wenige Informationen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) teilte auf Anfrage des Rechercheverbunds mit, dass Reinfektionen seit einiger Zeit bei der Meldung ans RKI übermittelt werden können und dass derzeit eine Reihe dieser Meldungen überprüft werde. (mit dpa)