Auch schwere Fälle auf Corona-Intensivstationen und Todesfälle nehmen wieder zu.
Auch schwere Fälle auf Corona-Intensivstationen und Todesfälle nehmen wieder zu. dpa

Das ist ein klares Warnsignal: Mitten im Sommer schießen die Corona-Zahlen wieder in die Höhe. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gab es 98.669 Corona-Neuinfektionen (Vorwoche: 89.336) und 103 Todesfälle (Vorwoche: 84) innerhalb eines Tages. Corona-Inzidenz: 696,5, im Vormonat hatte sie gerade einmal bei 221,4 gelegen. Tatsächlich dürften die Zahlen um ein Vielfaches höher sein, denn seit die kostenlosen Bürgertests abgeschafft wurden, scheuen viele Leute, für die Tests zu bezahlen.

Jüngere, Liberale und Rechtsradikale haben keine Lust auf Corona-Verschärfungen

Diese Entwicklung hatte sich seit Wochen abgezeichnet: Der Omikron-Subtyp BA.5 infiziert viele Menschen, die bereits vorher eine Erkrankung durchgestanden haben. Auch der Corona-Impfschutz hilft kaum noch gegen eine Infektion, wohl aber weiterhin gegen einen schweren Verlauf. Angesichts der Zunahme auch schwerer und tödlicher Fälle zeigen sich viele Deutsche alarmiert. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für die Augsburger Allgemeine ergab folgendes Bild: 49 Prozent der Befragten sind dafür, die Corona-Regeln umgehend zu verschärfen.

30 Prozent wollen genau das aber auf keinen Fall. Mit einer Verschärfung liebäugeln demnach vor allem Anhänger von Union, SPD und Grünen. Strikt dagegen sind vor allem Anhänger der AfD mit 86 Prozent, gefolgt von der FDP, deren Anhänger zu drei Vierteln eine Verschärfung ablehnen.

Die Umfrage zeigt auch eine Spaltung zwischen Alt und Jung: 62 Prozent der über 65-Jährigen wollen strengere Corona-Maßnahmen, aber nur 38 Prozent der Leute zwischen 30 und 39. Viele haben die ständigen Warnungen satt, doch die Lage nimmt auf die Corona-Müdigkeit keine Rücksicht.

Lauterbach: „Wir stehen vor schweren Wellen im Herbst und im Winter“

Deutschland steuert nach Einschätzung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach schon bald auf eine deutliche Verschärfung der Corona-Lage zu. „Wir stehen vor schweren Wellen im Herbst und im Winter“, sagte der SPD-Politiker am Freitagabend im ZDF-„heute journal“. Lauterbach versprach nach Vorlage eines Expertengutachtens Tempo bei der Neufassung des Infektionsschutzgesetzes. Im Frühjahr waren die Bestimmungen stark zurückgefahren worden, die jetzige bundesweite Rechtsgrundlage läuft am 23. September aus.

Am Freitag hatte ein Sachverständigenausschuss ein lang erwartetes Gutachten über die Wirksamkeit bisheriger Corona-Schutzmaßnahmen vorgestellt. Demnach können Schutzmaßnahmen wie das Maskentragen auch weiter gegen das Coronavirus hilfreich sein. Hinter viele andere bekannte Auflagen setzten die Experten aber Fragezeichen, mangels ausreichender Daten seien keine sicheren Bewertungen möglich.

„Es wird ein schwerer Herbst werden, wir müssen vorbereitet sein“, sagte Lauterbach auch in den ARD-„Tagesthemen“. Er glaube, dass „wir mit der BA.5-Variante, die sich jetzt hier ausbreitet, große Schwierigkeiten bekommen werden“. Er rechne mit sehr hohen Fallzahlen, was auch zu einer Überlastung der kritischen Infrastruktur führen könne.

Bundesregierung schließt Lockdown aus, neue Maskenpflicht und Zugangsregeln werden wohl kommen

Einen Lockdown wie zu Beginn der Pandemie schloss Lauterbach im ZDF aus: „Das würden wir nicht wiederholen.“ Es könne aber sein, dass die eine oder andere Maßnahme wieder sinnvoll sei. Details wollte Lauterbach mit Hinweis auf vertrauliche Verhandlungen mit Justizminister Marco Buschmann (FDP) nicht nennen. Sie hätten mit einem anderthalbstündigen Gespräch am Freitag bereits begonnen. „Ich glaube, wir werden schnell sein“, betonte Lauterbach jedoch. In den nächsten Wochen werde man ein gutes Infektionsschutzgesetz vorbereiten.

Zur Eile mahnt auch der Deutsche Städtetag. „Die Ampel muss sich noch vor der Sommerpause einigen. Erst im Herbst ein Gesetzgebungsverfahren für ein neues Infektionsschutzgesetz zu starten, kommt zu spät“, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Sonnabend). Der Bund solle ermöglichen, dass „bei Gefahrenlage Maskentragen in Innenräumen verpflichtend möglich ist“, forderte Dedy. Auch Zugangsregelungen für 2G/3G gehörten in den Instrumentenkasten.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, forderte eine Abkehr von den Inzidenzzahlen als Grundlage für weitreichende Corona-Maßnahmen. Die Politik sollte sich beim Übergang zur Endemie zuvorderst auf den Schutz von Risikogruppen konzentrieren, sagte Gassen der Rheinischen Post (Sonnabend). Nachvollziehbar nannte er die Begrenzung einer Maskenpflicht auf Innenräume oder Orte mit höherem Infektionsrisiko.

Forderung, kostenlose Bürgertests wieder einzuführen

Schulschließungen sollten Gassen zufolge vermieden werden. „Dazu wird es nicht mehr kommen“, machte FDP-Fraktionschef Christian Dürr in der Welt am Sonntag klar. Der Chef der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, schlug in den Funke-Zeitungen einen Runden Tisch von Gesundheits- und Kultusministern, Ärzten, Pädagogen und anderen Experten vor, „um eine tragfähige Corona-Strategie für Schulen und Kitas zu entwickeln“.

Die Infektionszahlen steigen seit einiger Zeit wieder, die ansteckendere Omikron-Sublinie BA.5 dominiert bereits das Infektionsgeschehen. Knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland spricht sich einer Umfrage zufolge deshalb für sofortige schärfere Regeln aus. In einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Augsburger Allgemeinen (Sonnabend) bejahten 49 Prozent die Frage, ob die aktuellen Corona-Maßnahmen umgehend verschärft werden sollten. 43 Prozent waren dagegen, acht Prozent unentschieden.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund verlangt mit Blick auf eine schärfere Lage im Herbst eine baldige Wiederaufnahme der kostenlosen Corona-Bürgertests. „Wir gehen davon aus, dass spätestens im Herbst, wenn die nächste große Corona-Welle droht, es wieder flächendeckend unentgeltliche Tests geben muss“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Sonnabend). Die kostenlosen Schnelltests seien ein wichtiger Baustein für die Pandemiebekämpfung.

Seit Donnerstag gibt es kostenlose Tests nur noch für Risikogruppen und andere Ausnahmefälle. Für Tests etwa für Familienfeiern, Konzerte oder Treffen mit Menschen ab 60 werden drei Euro Zuzahlung fällig. Wer einen solchen Test will, muss unterschreiben, dass er zu diesem Zweck gemacht wird. Lauterbach hatte die Einschränkung unter anderem mit den hohen Kosten für die Tests begründet.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die für die Abrechnungen zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen hatten am Donnerstag mit Hinweis auf die schwierige Überprüfbarkeit der Anspruchsvoraussetzungen erklärt, dass sie Bürgertestungen „zukünftig nicht mehr abrechnen und auszahlen können“. Lauterbach setzt auf eine Regelung mit den Ärzten in den nächsten Tagen.