Wer trinkt was? In der Coronakrise greifen die Ländern zu unterschiedlichen Substanzen. Foto: Unsplash/Nate Johnston

Der Franzose hamstert Wein, der Deutsche Klopapier: Es gibt viele Alltagsmythen in dieser globalen Krise. Zu welchen Produkten eine Nation während der Corona-Pandemie greift, scheint vermeintlich tiefe Einblicke in das Seelenleben der Bevölkerung zuzulassen. Dabei wird Toilettenpapier auch andernorts zuhauf in Einkaufwagen geladen. Und auch die Sache mit dem Alkohol ist so eindeutig nicht.

Deutschland: Mehr Weinflaschen gehen über die Ladentheken

Tatsächlich kaufen die Menschen in Deutschland in der Krise mehr alkoholische Getränke im Einzelhandel. Von Ende Februar bis Ende März gingen gut ein Drittel mehr Weinflaschen über die Ladentheken als im gleichen Zeitraum 2019, wie der Nürnberger Marktforscher GfK herausgefunden hat. Auch bei klaren Spirituosen wie Gin oder Korn beträgt die Steigerung 31,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings geben die Experten zu Bedenken: Die Zuwächse im Einzelhandel stehen Umsatzverlusten in der Gastronomie gegenüber. Wer nicht im Restaurant oder in der Bar trinken kann, tut es also womöglich einfach zu Hause.

Russland: Wodka, viel Wodka ...

In Russland ist nach Angaben unterschiedlicher Umfrageinstitute der Verkauf von Wodka zeitweise um ein Vielfaches nach oben geschossen. Besorgt über diese Entwicklung äußert sich etwa Sultan Chamsajew von der Organisation „Nüchternes Russland“: „Wir dürfen nicht zulassen, dass dieses gefährliche Virus nun die Ursache für andere Krankheiten wird.“In dem Land gab es in der Vergangenheit immer wieder Versuche, das Alkoholproblem in den Griff zu bekommen. Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow scheiterte einst kläglich mit einer Kampagne, und viele Russen nehmen ihm die Verbote bis heute übel.

Alkohol- und Tabakverbot in Südafrika

In Südafrika gehen Politiker jedoch genau diesen Weg: Im Kampf gegen das Coronavirus geht ein landesweites Alkohol- und Tabakverbot einher mit einer strengen, fünfwöchigen Ausgangssperre. Dort kommt es immer wieder zu Plünderungen in Alkoholläden. Menschen – junge wie auch ältere – räumten ganze Geschäfte aus. Und auch der Schwarzmarkt blüht: Restbestände von Wein, Whiskey oder Zigaretten sollen per Chat-Gruppen illegal und überteuert angeboten werden. Die Polizei wertet den Verkaufsbann dennoch als Erfolg. Polizeiminister Bheki Cele sprach sich sogar dafür aus, Verkaufsbeschränkungen im Land auch nach der Pandemie beizubehalten.

Schwarmarkt in Indien

Der Schwarzmarkt blüht laut Medienberichten auch in Indien, wo Alkoholgeschäfte und Bars in weiten Teilen des Landes geschlossen bleiben. Aus dem Bundesstaat Kerala an der Südspitze registrierte eine zentrale Hilfe-Hotline zudem besonders viele Anrufe von verzweifelten Menschen, die gefragt hätten, wie sie an Alkohol kämen. Alkoholverkäufe sind für viele Bundesstaaten eigentlich eine wichtige Einnahmequelle - eine, die sie besonders jetzt im Corona-Kampf gut gebrauchen könnten. Deshalb möchten etliche Bundesstaaten den Alkohol wieder verkaufen.

Frankreich genießt Apéro mit einem Glas Wein

Im schwer vom Coronavirus getroffenen Frankreich will man hingegen nicht auf ein Alkoholverbot setzen. Der Apéro mit einem Glas Wein gehört in dem Land schließlich zum Kulturgut. Die Alkoholverkäufe in Supermärkten gingen in den ersten zwölf Tagen nach Einführung der Ausgangssperre jedoch um gut 16 Prozent zurück, wie eine Anfang April veröffentlichte Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen zeigte. Besonders betroffen davon war demnach Champagner - die Verkaufszahlen seien in dem Zeitraum um 52,5 Prozent gesunken.

Bierverkauf steigt in Spanien

Auch im Nachbarland Spanien gibt es keine Maßnahmen der Regierung, den Alkoholkonsum einzudämmen. In den Metropolen Madrid, Barcelona und Sevilla ist unter anderem der beliebte „Aperitivo“ in Kneipen nicht mehr möglich und dürfte dafür eher zu Hause getrunken werden. Nach einer Studie der Fachzeitschrift „Inforetail“ von Anfang April kletterten die Verkaufszahlen beim Bier damals innerhalb von nur einer Woche um fast 80 Prozent, bei Wein um gut 60 Prozent.

In Brasilien wird mehr als zur Karnevalszeit getrunken

Freitagabend mit Freunden in einer Bar: Der „Sextou“ ist ein Klassiker in Brasilien. Der gemeinsame Caipirinha - der übrigens als Medikament während der Spanischen Grippe erfunden wurde - ist jetzt allerdings nur noch bei virtuellen Treffen im Internet möglich. Ein Umstand, der dazu führt, dass in Rios Supermärkten die Verkaufszahlen von Alkohol sogar jene während des Karnevals übersteigen, wie das Nachrichtenportal G1 unter Berufung auf mehrere Supermarktketten berichtete.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt im Übrigen davor, dem Alkohol eine Schutzwirkung gegen das Virus zuzuschreiben. Diesen „gefährlichen Mythos“ gebe es weltweit. Es sei falsch zu glauben, „dass der Konsum von hochprozentigem Alkohol das Virus abtöten kann. Das tut er nicht.“ Ganz im Gegenteil: Der Alkoholkonsum schwäche das Immunsystem und werde zudem mit einer Reihe von Erkrankungen in Verbindung gebracht, die eine Person anfälliger für Covid-19 machen könnten.