Im tschechischen Hulín wird eine Parkbank desinfiziert. dpa/dalibor Glück

Berlin - Die Bilder kommen aus der ganzen Welt und sie sollen ein Bild der Entschlossenheit vermitteln: In China, Südostasien, Südamerika, aber auch in Italien oder Frankreich sprühen Menschen in Schutzanzügen im Kampf gegen das Coronavirus ganze Straßenzüge mit Desinfektionsmittel ab. In Deutschland und Österreich hingegen wird nicht gesprüht. Viele Wissenschaftler halten das ohnehin für Aktionismus.

Bereits Ende März hat der Berliner Virologe Christian Drosten im Corona-Podcast des NRD darauf hingewiesen, dass der Erreger Sars-CoV-2 extrem empfindlich gegen Eintrocknung sei und daher nicht lange in der Luft oder auf Oberflächen überleben können. Das größte Risiko gehe nach wie vor von direktem Kontakt mit Menschen aus, da das Virus über Tröpfcheninfektion übertragen werden. 

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Eine neue Studie aus Heinsberg, einem der Epizentren der deutschen Corona-Epidemie bestätigt das nun erneut. Das Forscherteam um den Virologen Hendrik Streeck konnte zwar auf Türklinken, Handys und Toiletten, das Coronavirus nachweisen, daraus aber keine weiteren Viren im Labor züchten.  „Das bedeutet, dass wir die RNA von toten Viren nachgewiesen haben“, sagte Streeck im ZDF-Talk bei Markus Lanz. Man habe in einem Haushalt mit mehreren hochinfektiösen Menschen kein einziges lebendiges Virus finden können. Studien, die dem Virus eine längere Lebensdauer auf Oberflächen bescheinigen wurden unter Laborbedingungen durchgeführt und sind nicht auf den Alltag übertragbar. 

Freiwillige und Ladenarbeiter desinfizieren die Straßen des Dorfes Bunyola
dpa/Clara Margais

Wenn schon Türklinken, die im schlimmsten Fall von einer angehusteten Hand angefasst werden, keine guten Virendrehscheiben sind, wie sollen das erst Straßen und Fußwege sein? Um sich so zu infizieren, „müsste sich jemand auf den Gehsteig legen und so versuchen, direkten Kontakt mit den eigenen Schleimhäuten herzustellen“, sagt die Wiener Immunologin Miranda Suchomel dem „Standard“. Ohnehin falle nur ein Teil der durch Husten ausgestoßenen Viren zu Boden, der Rest verteile sich in der Luft und werde dadurch stark verdünnt.

Straßen zu desinfizieren kann höchstens beruhigen

Unter diesen Umständen sei es „totaler Unsinn“, Geld und Ressourcen dafür aufzuwenden, Straßen zu desinfizieren, wie Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung der „Zeit“ sagte. Ziel sei wohl durch die Öffentlichkeitswirksamkeit der Maßnahme Menschen zu beruhigen. Zielführend sei das jedoch nicht.

Immerhin: Das ganze ist werde schädlich, noch zapft es Desinfektionsmittel aus Kliniken ab: Oft wird verdünntes Wasserstoffperoxid zum Sprühen verwendet - und das baut sich in der Umwelt schell ab.