Die Intensivstationen sind nicht mehr überlastet, doch finden sich unter den schweren Verläufen auch immer mehr Geimpfte. dpa/Sebastian Gollnow

Meldungen über tödliche Corona-Infektionen bei vollständig Geimpften sorgen für Unruhe: In Großbritannien meldete die Gesundheitsbehörde Public Health England gerade alarmierende Zahlen. 117 Personen seien demnach infolge einer Infektion mit der sich rasch ausbreitenden Delta-Variante gestorben. 50 von diesen seien bereits vollständig geimpft gewesen, heißt es im jüngsten Bericht der Behörde. 

Heißt dies, dass die Impfungen entgegen aller Beteuerungen doch nicht gegen die Delta-Variante schützen? In Großbritannien waren die Covid-19-Zahlen infolge der Verbreitung der Delta-Variante zuletzt wieder massiv angestiegen. Die Inzidenz liegt nunmehr fast bei 200, und das, obwohl fast jeder zweite Brite vollständig durchgeimpft ist. Mehr als 66 Prozent haben mindestens eine Impfung erhalten. In Deutschland haben nunmehr 55 Prozent mindestens eine Impfdosis erhalten, mehr als 37 Prozent sind vollständig geimpft.

Gestiegene Neuinfektionen: Israel führt Maskenpflicht wieder ein

Als eines der ersten Länder hatte Israel die Bevölkerung durchgeimpft. Dabei kam fast überall der hocheffiziente Impfstoff von Biontech-Pfizer zum Einsatz. Doch ausgerechnet dort steigen nun die Neuinfektionen an: Aus Angst vor der ansteckenderen Virus-Variante Delta hat Israel am Freitag die Maskenpflicht in öffentlichen Innenräumen wieder eingeführt.

Grund für die erneute Maskenpflicht in Innenräumen sei der Anstieg der Corona-Infektionen in der vergangenen Woche, erklärte das israelische Gesundheitsministerium. Die Masken sind nun wieder in allen Innenräumen außerhalb des eigenen Haushalts verpflichtend. Menschen mit Behinderung, Sporttreibende und Kinder unter sieben Jahre Jahren sind von der Regelung ausgenommen. Das Gesundheitsministerium empfiehlt das Maskentragen nun außerdem bei großen Menschenansammlungen im Freien wie der Pride-Parade am Freitag in Tel Aviv.

Der Chef der israelischen Corona-Taskforce, Nachman Asch, sagte dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der Anstieg der Infektionen gehe wahrscheinlich auf die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus zurück. Seit Montag hatten die Gesundheitsbehörden täglich mehr als hundert Corona-Neuinfektionen registriert. Am Donnerstag waren es sogar 227 neue Fälle. Aus Sorge vor einer weiteren Ausbreitung der Delta-Variante war die Öffnung des Landes für Touristen weiter verschoben worden.

20.000 Neuinfektionen und 652 Covid-Tote an nur einem Tag in Russland

Delta-Alarm auch in weiteren Ländern: In der australischen Metropole Sydney wurde für mehrere zentrale Stadtteile ein einwöchiger Corona-Lockdown verhängt. Besonders dramatisch die Situation in Russland: Dort wurden zuletzt 20.000 Neuinfektionen und 652 Covid-Tote an nur einem Tag gemeldet. Für den dramatischen Anstieg machen Experten die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus verantwortlich. Dort geht allerdings die Impfkampagne nur stockend voran, weil viele Russen sich einer Impfung verweigern.

In Deutschland dagegen sind vor allem Risikopatienten weitgehend durchgeimpft. Besonders vulnerabel sind Ältere mit Vorerkrankungen. Diese Personen sind weitgehend durchgeimpft, aber möglicherweise nimmt der Impfschutz bei den Ältesten wieder ab. Angesichts der schnellen Verbreitung der Delta-Variante des Coronavirus fordern Patientenschützer jetzt aber Pflegeheimbewohner auf, rasch nachzuimpfen. „Noch im Juli braucht es eine politische Entscheidung, wann das Auffrischungsangebot für die Pflegeheimbewohner starten soll“, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Freitag). Die meisten Heimbewohner hätten bereits im Februar ihre zweite Impfdosis erhalten. Es zeichne sich ab, dass der Impfschutz bei Hochbetagten schneller seine Wirkung verliere als bei jüngeren Menschen. „Deshalb darf jetzt keine Zeit vertan werden“, sagte Brysch.

Jugendmediziner hält Delta-Variante für weniger gefährlich

Aber wie gefährlich ist die Delta-Variante tatsächlich? Kassenärzte-Chef Andreas Gassen hatte gerade von „Panikmache“ gesprochen. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Burkhard Rodeck, hält die sich ausbreitende Delta-Variante für Jüngere mit Blick auf die Sterblichkeit sogar für weniger gefährlich als andere Coronavirus-Varianten. Man wisse, dass die Variante wahrscheinlich zu rund 60 Prozent ansteckender sei, sagte er am Donnerstag bei einer Expertenanhörung im Bundestag zum Thema Schule in der Pandemie. „Sie ist allerdings, was die Sterblichkeitsrate angeht, eher unterhalb der anderen Varianten anzusiedeln“. Rodeck betonte, dass es sich um vorläufige Daten aus Großbritannien handele, wo die Variante sich sehr stark verbreitet hat.

Für Kinder lägen bisher nur begrenzte Daten vor, sagte er, fügte aber hinzu: „Vermehrte stationäre Aufnahmen von Kindern infolge einer Deltavirusinfektion sind in England bislang nicht beobachtet worden.“ Er sei vorsichtig bei „Alarm-Meldungen“ über Delta-Infektionen an verschiedenen Orten in Deutschland. „Man sollte hier abwarten, bis die Datenlage ausreichend ist, um die Gefährlichkeit der Delta-Variante bei Kindern wirklich beurteilen zu können.“

Aufschlussreich ist auch der Blick auf die Statistik: Denn die rapide angewachsene Inzidenz in Großbritannien hat zwar auch schwere Verläufe zur Folge, diese sind aber nicht sprunghaft angestiegen. Zum einen gibt es auch in Großbritannien weiterhin Millionen von Ungeimpften, zum anderen gibt es eine Erklärung dafür, dass unter den schwer Erkrankten auch komplett Durchgeimpfte sind. Denn der Impfschutz gegen schwere Verläufe wirkt eben nicht zu 100 Prozent, aber immerhin zu 94 oder 95 Prozent. Je mehr Menschen geimpft sind, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter den Schwerkranken und Toten dann auch vollständig Geimpfte befinden.