Mit einem langen Abstrichtupfer, das dem Testkit beiliegt, entnimmt man sich selbst einen Abstrich der Rachenschleimhaut. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Infektionszahlen steigen, die Arztpraxen sind voll, die Gesundheitsämter schwer zu erreichen. Verständlich, dass viele im Internet nach Hilfe suchen - etwa nach einem Coronavirus-Test für zu Hause. Das Unternehmen cerascreen bietet zwei solcher Selbsttests an: einen PCR-Test, um festzustellen, ob man akut infiziert ist. Und einen Antikörpertest, um zu erfahren, ob man den Virus schon mal hatte. Cerascreen selbst bezeichnet sich als „Marktführer für medizinische Selbsttests in Europa“, die beiden Produkte sind mit einem Klick bestellt und werden bis zur Haustür geliefert. Doch sind solche Selbsttests überhaupt erlaubt und sind sie empfehlenswert? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Wie ist der Ablauf?

Kurz gefasst etwa so: Mit einem langen Abstrichtupfer, das dem Testkit beiliegt, entnimmt man sich selbst einen Abstrich der Rachenschleimhaut. Das ist gar nicht so einfach, denn man muss am Zäpfchen vorbei und gleichzeitig drauf achten, nicht die Zunge oder Zähne zu berühren. Gegen den Würgreflex soll tiefes Ausatmen helfen. Beim Antikörpertest piekst man sich selbst mit einer Lanzette in den Finger, um Blut abzunehmen. Das Abstrichtupfer beziehungsweise die Blutprobe wird anschließend postalisch an ein Labor geschickt. Zeitgleich muss die Nutzerin oder der Nutzer sich bei cerascreen registrieren, den Test mit einem beigefügten Code aktivieren und einen Fragebogen zu Vorerkrankungen und Beschwerden ausfüllen.

Wie geht es dann weiter?

Laut Unternehmensangaben wird der Rachenabstrich „in deutschen akkreditierten Humandiagnostik-Fachlaboren“ mit einer PCR-Analyse ausgewertet. Die Blutprobe wird wiederum auf spezifische Antikörper (IgG) untersucht. Die Laboranalyse wird nach Angaben von cerascreen von einem Arzt geprüft und freigegeben. Die Akkreditierung führe INSTAND e.V., eine Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien, durch. Zwischen 24 und 48 Stunden nach Probeneingang bekommt die Person das Ergebnis online zugeschickt.

Um welche Fachlabore es sich genau handelt, teilt das Unternehmen nicht mit. Cerascreen arbeite mit Fachlaboren in Hamburg und München zusammen, sagt ein Sprecher vom „Team Lead Marketing“. Die Testsysteme der Partnerlabore seien von Euroimmun, Roche und Abbott - also von führenden Diagnostik-Anbietern, die sich in jüngster Vergangenheit auch auf Corona-Tests spezialisiert haben.

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Wie zuverlässig ist das Ergebnis des Corona-Tests?

Der Nachweis einer akuten Sars-CoV-2-Infektion erfolgt durch PCR-Tests. Laut dem RKI wird mit dieser Methode überprüft, ob sich das genetische Material des Virus im Abstrich befindet. PCR-Nachweissysteme gelten in Deutschland als „Goldstandard“ und sind die derzeit verlässlichsten Tests, um eine Infektionen zu diagnostizieren.

Allerdings schließt ein negatives PCR-Ergebnis laut RKI die Möglichkeit einer Infektion nicht aus, darauf weißt auch cerascreen hin. Falsch-negative Ergebnisse können beispielsweise aufgrund schlechter Qualität der Probennahme vorliegen. Bei einem Selbsttest, wie von cerascreen, ist diese Gefahr besonders groß. Denn es ist fraglich, ob ein Mensch ohne medizinische Vorkenntnisse einen Rachenabstrich ordnungsgemäß durchführen kann. Wenn in der Probe nämlich nicht genug Rachenschleimhaut vorhanden ist, kann der Test negativ ausfallen, obwohl man infiziert ist. Auch eine niedrige Viruslast, wie in der frühen Inkubationsphase, kann das Ergebnis verfälschen.

Werden Ergebnisse des PCR-Tests offiziell anerkannt?

Dem Ergebnisbericht von cerascreen ist ein Schreiben beigefügt, das man theoretisch auch an Behörden weiterleiten könnte. Ob das Testergebnis offiziell anerkannt wird, ist offen. Eine Anfrage bei der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung blieb unbeantwortet. Ungeachtet davon sollte ein positiver Test bei dem zuständigen Gesundheitsamt gemeldet werden.

Wie aussagekräftig ist ein Antikörpertest?

Ein Antikörper-Test kann Aufschluss darüber geben, ob sich jemand in der Vergangenheit infiziert und gegen Covid-19 Antikörper gebildet hat. Die erste Immunantwort des Körpers besteht aus den Antikörpern IgM und IgA, die zweite aus IgG. Diese wird etwa 7-10 Tage nach Auftreten der ersten Symptome gebildet und beim cerascreen-Test nachgewiesen.

Ein Antikörpertest allein ist laut Forschern nur in wenigen Fällen sinnvoll, etwa bei Menschen, bei denen eine Infektion in der Vergangenheit sehr wahrscheinlich ist. Allerdings bilde ein hoher Anteil - um die 15 bis 20 Prozent, wahrscheinlich sogar mehr -, laut Studien keine oder nur sehr geringe Mengen dieser IgG-Antikörper, trotz positiven Abstrich-Tests, erklärte Andreas Bobrowski vom Berufsverband Deutscher Laborärzte in einem dpa-Interview.

Was die Immunität angeht: Zwar gibt es nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) keine Beweise dafür, dass Menschen, die Antikörper gebildet haben, vor einer zweiten Infektion geschützt sind. Versuche an Rhesusaffen deuten zumindest eine zeitweise Immunität an. Langzeitstudien, zu wie lange Antikörper vorhanden sind, ob und für wie lange sie vor einer erneuten Infektion schützen, gibt es noch nicht.

Darauf weist auch cerascreen hin. Allerdings fällt beim Produktvideo folgender Satz: „Verschaffen Sie sich Gewissheit mit dem Antikörpertest“. Von Gewissheit kann somit nicht die Rede sein. Ohnehin ist die Gefahr bei einem positiven IgG-Test groß, dass sich Menschen in trügerischer Sicherheit wiegen und glauben, immun gegen Corona zu sein. Das kann dazu führen, dass Hygiene- und Distanzregeln nicht mehr eingehalten werden.

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Wie viel kosten die Test-Kits?

Aufgrund der „steigenden Zahlen der registrierten Corona-Neuinfektionen“ biete cerascreen den Coronavirus-Test „für begrenzte Zeit zum Sonderpreis an“: Statt 199 für 149 Euro. Den Antikörpertest gibt es auf der Unternehmensseite für 67.30 Euro. Wie die Kosten genau berechnet werden - darüber will die Firma keine Angaben machen. „Dies unterliegt den Vertraulichkeitsregelung des Unternehmens und ist keine öffentliche Information.“ Seit einigen Tagen bietet auch die Drogeriemarktkette dm den cerascreen-Antikörpertest online an.

Die Regel ist: Will sich eine Person aus eigener Initiative auf das Virus testen lassen, müssen die Kosten selbst übernommen werden (Ausnahme: Bayern). In Arztpraxen werden freiwillige Tests als individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) angeboten. PCR-Tests kosten zwischen 120 und 170 Euro. Der Preis für einen Antikörpertest liegt laut IGeL-Monitor zwischen 20 und 52 Euro, hinzukommen Kosten für Blutabnahme und Beratung.

Darf cerascreen die Test-Kits überhaupt anbieten?

Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums erklärt, dass bei der Abgabe von Schnelltests für die Laienanwendung die Medizinprodukte-Abgabeverordnung (MPAV) zu beachten ist, nach der bestimmte In-vitro-Diagnostika unter anderem nur an Ärzte oder Apotheken abgegeben werden dürfen. Tests auf Sars-CoV-2 fallen unter diese Beschränkung und dürfen nicht an medizinische Laien abgegeben werden.

„Dagegen ist die Abgabe eines Probennahme-Sets für die spätere Durchführung eines Tests auf Sars-CoV-2 in einem Labor nicht von der Abgabebeschränkung erfasst“, erklärt die Sprecherin weiter. Denn das Probennahme-Set sei kein In-vitro-Diagnostikum, das für den Nachweis eines Krankheitserregers oder einer Infektion bestimmt ist. „Es dient allein der Entnahme, Aufbewahrung und Übersendung der aus dem menschlichen Körper stammenden Probe.“ Dies gelte auch für andere Behältnisse, wie Urinbecher und Stuhl-Röhrchen. Bei den Tests von cerascreen handelt es sich genau darum.

Eine Sprecherin des RKI ergänzt, dass in jedem Fall das In-vitro-Diagnostikum die Voraussetzungen nach EU-Verordnung zum Inverkehrbringen erfüllen muss.

Was heißt das?

Grundsätzlich gilt, dass Medizinprodukte nur in Verkehr gebracht werden dürfen, wenn sie eine CE-Kennzeichnung tragen oder eine Sonderzulassung des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) haben. „Das Medizinprodukt muss in Europa also – anders als Arzneimittel – kein behördliches Zulassungsverfahren durchlaufen, sondern ein sogenanntes Konformitätsbewertungsverfahren, an dessen Ende das CE-Kennzeichen steht“, erklärt eine BfArM-Sprecherin. Nachweise zur Sensitivität und Spezifität sind ein wesentlicher Bestandteil dieses Verfahrens. Die cerascreen GmbH sei nach Angaben des Sprechers Hersteller der beiden Corona-Testkits. Die jeweilige CE-Kennzeichnung sei am Produkt erkenntlich.

Ist ein Test für zu Hause empfehlenswert?

Nein. Forscherinnen und Forscher sind sich einig, dass die ärztliche Expertise darüber entscheiden sollte, wer getestet wird und wer nicht. Der Bundesverband Deutscher Laborärzte warnt vor solchen Selbsttests. Der Vorsitzende Andreas Brobowski sieht darin „keine sinnvolle Ergänzung der Nationalen Teststrategie“. Auch die Verbraucherzentralen raten davon ab.

Nicht umsonst gibt die besagte Nationale Teststrategie: Testen, testen, testen. Aber gezielt - wie zum Beispiel Menschen mit typischen Symptomen oder Personen, die Kontakt zu einem Infizierten hatten. Hier werden die Kosten übernommen, vorausgesetzt der Test wird vom Arzt oder Gesundheitsamt veranlasst oder findet im Rahmen einer Krankenhauseinweisung statt. Unter bestimmten Umständen werden die Kosten auch getragen, wenn man asymptomatisch ist, beispielsweise, wenn die Corona-Warn-App anzeigt, dass man einem Infizierten begegnet ist und ein hohes Risiko besteht. Oder wenn in einem Pflegeheim, das man besucht hat, ein Fall nachgewiesen wurde.

Auszug der Nationale Teststrategie: Wer soll getestet werden? Foto: Bundesministerium für Gesundheit

Fazit: Wer Symptome hat, sollte auf Nummer sicher gehen und die Nummer 116 177 anrufen oder sich ärztlichen Rat einholen. So muss man die Kosten auch nicht selbst tragen und der Abstrich wird beispielsweise in eine Testzentrum fachgerecht entnommen. Ein Testen ohne Anlass ist nicht zu empfehlen. Sie könne nach Angaben vom RKI zu einem „falschen Sicherheitsgefühl“ führen. Wie sich das Coronavirus auf das menschliche Immunsystem auswirkt oder sich eine Langzeit-Immunität entwickelt ist nicht hinreichend ergründet. Daher ist auch ein Antikörpernachweis für den Endverbraucher aktuell nicht sinnvoll.