Eine junge Lehrerin schreibt an eine Schultafel im Mathematikunterricht einer 8. Klasse. Julian Stratenschulte/dpa

Drohungen mit dem Anwalt, beleidigende E-Mails oder Beschimpfungen vor der Schule – viele Lehrerinnen und Lehrer bekommen einer Umfrage zufolge im Alltag den geballten Frust von Eltern über Corona-Maßnahmen und die Lage an den Schulen ab.

Die Bildungsgewerkschaft VBE veröffentlichte am Dienstag die Ergebnisse einer repräsentativen Forsa-Befragung unter 1500 Lehrkräften. 22 Prozent gaben darin an, dass ihnen an der eigenen Schule Beschimpfungen, Bedrohungen oder Beleidigungen von Lehrkräften im „Zusammenhang mit der Durchsetzung von Infektionsschutzmaßnahmen“ bekannt sind. Von Beschimpfungen und Bedrohungen über E-Mail oder Chats berichteten 25 Prozent.

Fast 50.000 direkt Betroffene

Rund sieben Prozent der befragten Lehrkräfte gaben an, persönlich von solchen Vorfällen betroffen gewesen zu sein. Das wären hochgerechnet fast 50.000 direkt Betroffene bei rund 700.000 Lehrern an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland.

Zum allergrößten Teil (84 und 87 Prozent) gingen die Angriffe demnach von Eltern aus, zum Teil kämen sie aber auch von Erwachsenen, die gar keine Kinder an der Schule hätten oder von Organisationen, die sich gegen die Corona-Maßnahmen, wie Maske-Tragen im Unterricht, aussprechen. Am häufigsten betroffen sind der Umfrage zufolge Grundschulen, am wenigsten Gymnasien.

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Als Beispiele nannte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann am Dienstag Drohungen beim Elternabend, eskalierende Gespräche, Briefe und Drohungen mit Strafanzeigen und Berufsverboten. Er äußerte Verständnis für die schwierige Situation vieler Eltern, etwa mit dem sogenannten Homeschooling und gleichzeitigen Homeoffice, „aber das hat nichts damit zu tun, dass ich auch nur in irgendeiner Weise akzeptiere, dass zum Beispiel Lehrkräfte beim Betreten des Schulgeländes beschimpft werden, bespuckt werden, traktiert werden. Das akzeptieren wir auf keinen Fall“.

Lehrer und Schulleitungen würden dafür angegriffen, ihrer Arbeit nachzukommen und die verordneten Infektionsschutzmaßnahmen umzusetzen. Die Kultusministerien seien in der Verantwortung, die Beschäftigten an Schulen zu schützen.

Demonstrationen vor den Schulen

Stefan Wesselmann, Leiter einer Grundschule im hessischen Rödermark und Landeschef des VBE Hessen, berichtete am Dienstag auch von Plakataktionen und Demonstrationen im Umfeld von Schulen aus der sogenannten Querdenker-Szene. Zudem würden auch mehrseitige Anwaltsschreiben oder standardisierte Schreiben, die sich Eltern im Netz herunterladen, an Lehrer verschickt. Darin werde mit rechtlichen Konsequenzen gedroht. Beckmann ergänzte ein Beispiel, in dem ein Vater einem Schulleiter am Telefon vorgeworfen habe, seine Schule mit „Nazi-Methoden“ zu leiten, weil er die Infektionsschutzmaßnahmen umsetze.

Nach VBE-Angaben kommen die Angriffe vor allem aus Richtung derjenigen, die die Corona-Maßnahmen für überzogen halten. „Da ist die Aggressivität eine ganz andere“ als bei denen, die sich darüber beschweren, dass die Maßnahmen an den Schulen nicht weit genug gehen, sagte Beckmann.

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Mit sinkenden Corona-Zahlen und steigender Impfquote wächst nun langsam die Hoffnung, dass auch an den Schulen bald wieder so etwas wie Normalität einkehren kann. Die meisten waren ab Mitte Dezember für fast zwei Monate ganz geschlossen. Im Februar kamen die ersten Grundschüler zurück, später folgten ältere Jahrgänge. Größtenteils wird bis heute im sogenannten Wechselbetrieb mit geteilten Klassen unterrichtet. Volle Klassenstärken sind laut Bundes-Notbremse erst wieder erlaubt, wenn der Inzidenzwert in der jeweiligen Stadt oder dem Kreis unter 100 sinkt.