Alles begann am 26. September 1971, als eine Gruppe Hippies eine verlassene Kaserne im Herzen der dänischen Hauptstadt besetzte. dpa

Für die einen ist es die wahr gewordene Utopie einer alternativen Gesellschaft, für die anderen ein Zentrum des Drogenhandels. Am Sonntag feiert die „Freistadt Christiania“ in Kopenhagen ihren 50. Geburtstag.

Alles begann am 26. September 1971, als eine Gruppe Hippies eine verlassene Kaserne im Herzen der dänischen Hauptstadt besetzte. Sie wollte eine Kommune gründen, „die allen und niemandem gehört“ und in der alle Entscheidungen kollektiv getroffen werden, wie Ole Lykke erklärt. Lykke zog 1979 auf das Gelände und wurde zum Archivar von Christiania.

Von der Hippie-Kommune zum Touristenmagnet

Derzeit zeichnet eine Ausstellung in einem Kopenhagener Museum die Geschichte des sozialen Experiments nach. Mit der Kommune von damals hat Christiania heute nicht mehr viel gemein. 2012 kauften die Besetzer einen Teil des 34 Hektar großen Geländes, das längst zum Touristenmagnet mit fast einer halben Million Besuchern jährlich geworden ist. Auch in die einst so verhasste Marktwirtschaft haben sich die Bewohner der „Freistadt“ längst gefügt.

Stein in der Kommune mit der Aufschrift: „Christiania – Du bist mein Herz“ imago

Alles sei „viel normaler“ geworden, sagt Lykke. „Aber wir haben es aus freien Stücken getan, wir wurden nicht dazu gezwungen.“ Auch wenn am Eingang immer noch das berühmte Schild steht, das die vermeintliche Grenze zur Europäischen Union markiert, „gehören wir rechtlich zu Dänemark“, sagt Lykke.

Christiania habe nur überlebt, „weil es sich ständig weiterentwickelt hat und den Wandel annimmt“, sagt Helen Jarvis, Professorin an der Universität Newcastle, die selbst eine Zeit lang in dem Viertel lebte. Das Projekt sei „einzigartig“, auch wenn Christiania sich „in den letzten fünf Jahrzehnten bis zur Unkenntlichkeit verändert hat“, konstatiert die Wissenschaftlerin.

Häuser in der alternativen Lebensgemeinschaft Christiania in Kopenhagen. imago

„Geld ist jetzt sehr wichtig“, räumt Lykke ein. Die Bewohner nahmen einen Kredit über mehrere Millionen Euro auf, um über eine Stiftung ihre Unabhängigkeit zu finanzieren. Die etwa vierzig Mitarbeiter bekommen Gehälter. Es gibt Geschäfte, Freizeitangebote und auch eine Kinderbetreuung. Die in der „Freistadt“ entwickelten und nach ihr benannten Lastenfahrräder verkaufen sich inzwischen auch im Ausland.

Allem Wandel zum Trotz sei Christiania „in sozialer und kultureller Hinsicht mehr oder weniger gleich geblieben“, sagt Lykke. Immer noch sei die Gemeinschaft das Wichtigste. Vor der Pandemie fanden auf dem Gelände jede Woche mehr als zwanzig Konzerte statt und die Theater waren immer voll besetzt.

Es gibt ein Postamt, einen Minimarkt und ein Gesundheitszentrum

Für den Maler Marios Orozco ist Christiania „wie ein Dorf“. „Das Beste sind die Freiheit und die Verschiedenheit der Menschen“, sagt der Künstler vor seinem bunten Atelier. „Viele Leute denken, dass Christiania eine Sekte ist, dass wir alle an das Gleiche glauben, aber das stimmt nicht.“ Rund 900 Menschen leben in Christiania. Jedes Jahr ziehen etwa 20 weg und 20 neue, von der Gemeinschaft ausgewählte kommen hinzu.

Der Eingang der Hippie-Kommune, die ein Touristenmagnet ist. imago

Nicht nur die Lebensform, auch die Umgebung unterscheidet Christiania vom Rest Kopenhagens. Christiania ist eine grüne Insel, auf der man entlang der alten Festungsmauer die Vögel zwitschern hören kann. Im bebauten Bereich gibt es ein Postamt, einen Minimarkt und ein Gesundheitszentrum. Hier liegt auch die berüchtigte Pusher Street, in der Cannabis verkauft wird. Der Drogenhandel ist in der Enklave zwar genauso illegal wie andernorts in Dänemark, hier wird er jedoch geduldet.

„Manchmal erzähle ich den Leuten nicht, dass ich hier wohne, weil man dann ein bisschen verurteilt und für eine Kifferin gehalten wird“, sagt die Fotografin Anemone. „Die meisten von uns würden die Pusher Street gerne loswerden“, sagt Lykke. „Aber solange es verboten ist, Cannabis zu konsumieren, solange Dänemark es nicht entkriminalisiert oder legalisiert, bleibt das Problem bestehen.“