Auf einem Computerbildschirm im Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg wird die DNA-Analyse eines mutierten Coronavirus in der Variante, die zuerst in Großbritannien aufgetreten ist, angezeigt.  dpa/Sebastian Gollnow

Großbritannien fühlte sich fast am Ende der Pandemie angekommen – doch dann tauchte die „indische Variante“ auf. Die als besorgniserregend geltende Corona-Mutante versetzt die Briten in Sorge: Ist das Licht am Ende des Tunnels doch wieder am Verlöschen? Kann Corona die Insel trotz ihrer weit vorangeschrittenen Impfkampagne noch einmal hart treffen? Während Journalisten sich über die Zahl der aus Indien ankommenden Direktflüge empören, fürchten einige Inder im Land noch ganz andere unangenehme Folgen.

„Als ich das erste Mal davon im Radio hörte, ist mein Herz in den Keller gerutscht“, schreibt die indischstämmige Autorin Pragya Agarwal in einem Gastbeitrag für das Portal „inews“. Rassismus gegenüber Menschen aus Indien sei nicht neu – „aber ich bin besorgt, dass es durch die ‚indische Variante‘ schlimmer wird“.

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Länderspezifischen Namen eignen sich für negatives Framing

Auch die Soziologin und Sprachforscherin Brigitte Nerlich von der Universität Nottingham hält es für problematisch, den Virusvarianten Länder-Labels aufzukleben. „Diese länderspezifischen Namen eignen sich sehr gut für negatives Framing, das mit ausländer- und migrantenfeindlichen Einstellungen einhergeht“, so Nerlich. Bestes Beispiel dafür sei Ex-US-Präsident Donald Trump, der Sars-CoV-2 wiederholt als „China-Virus“ bezeichnete. „Seitdem ist vielfach belegt worden, dass diese Phrasen zu mehr Hasskriminalität während der Pandemie geführt haben“, hält die Sozialforscherin Elizabeth Stokoe von der Loughborough University fest.

Sars-CoV-2 lässt sich problemlos als Coronavirus bezeichnen, doch bei den Varianten wird es schon schwieriger. Statt von der „indischen“, der „südafrikanischen“ oder der „brasilianischen“ Variante lässt sich zwar auch von B.1.617, B.1.351 oder P.1 sprechen - aber außerhalb der virologischen Wissenschaftsblase dürfte dann kaum noch jemand folgen können. Die vor einigen Monaten aufgetauchte Variante B.1.1.7, die in Deutschland vor allem als „britische Variante“ bekannt ist, nennt man in Großbritannien selbst üblicherweise „Kent Variant“. Statt also das gesamte Land mit der Variante zu identifizieren, schiebt man lieber den Bewohnern der Grenzregion Kent, in der die ersten Fälle entdeckt wurden, den unerwünschten Ruhm zu.

Soziologin Stokoe berichtet von einem kleinen Selbstversuch: „Wenn Sie heute in Großbritannien das Wort ‚Indian‘ googeln, wird sofort ‚Variant‘ als Vervollständigung angezeigt. Googelt man ‚British‘ oder ‚Kent‘, haben die Vervollständigungsvorschläge nichts mit Covid zu tun – obwohl diese Variante sich in der ganzen Welt verbreitet hat.“ Das zeige, wie stark die Bezeichnung der „indischen Variante“ im Sprachgebrauch mit der Nationalität assoziiert werde.

Über Schuldübertragung und Opferinszenierung 

Indem man Phänomene mit einem Ortslabel versehe, distanziere man sich von ihnen, erklärt die Psychologin Nilu Ahmed von der Universität Bristol. „Das überträgt Schuld auf die anderen und erlaubt denen, die das Narrativ nutzen, sich als Opfer zu inszenieren.“ Außerdem könne es falsche Annahmen fördern: So sei die Spanische Grippe eigentlich in den USA aufgekommen, aber erst in Spanien weitgehend dokumentiert worden.

Der britische Wissenschaftler Oliver Pybus fürchtet, dass die Stigmatisierung durch länderspezifische Bezeichnungen sogar hinderlich für die Bekämpfung der Pandemie sein könnte: „Das Letzte, was wir wollen, ist, Länder davon abzuhalten, über neue, besorgniserregende Varianten zu informieren – im Gegenteil“, sagte Pybus der Fachzeitschrift Nature.

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Problem erkannt und die Debatte über die Namen von Varianten angestoßen - bislang jedoch noch ohne durchschlagenden Effekt. Der Psychologe Claus-Christian Carbon von der Uni Bamberg spricht sich dafür aus, konkret gegenzusteuern, „indem man Krankheiten nicht mit solchen Ortsbezeichnungen nennt, also konsequent jede Verknüpfung vermeidet“, so Carbon. Er plädiert für wissenschaftliche Namen und Nummerierungen. „Mit solchen Begriffen sind keine Wertungen und keine ungewollten Assoziationen verknüpft.“

Laut Guardian haben einzelne Forscherteams Varianten oder deren Mutationen stattdessen in Vogelarten („Pelikan“) oder Spitznamen („Doug“) umgetauft. Ob sich das jedoch durchsetzen wird, ist höchst fraglich.