Carola Rackete, ehemalige Kapitänin der „Sea-Watch 3“, wurde mit ihrem Einsatz für Flüchtlinge zum Sinnbild der Menschlichkeit. Foto: dpa/Till M. Egen/Sea-Watch.org

Vor einem Jahr fuhr Carola Rackete (32) mit Migranten an Bord unerlaubt in einen italienischen Hafen. Das sorgte international für Aufsehen und für riesigen Streit mit der italienischen Regierung. Nun liegt das Schiff „Sea-Watch 3“ wieder vor Sizilien - in Corona-Quarantäne. Kapitänin Rackete ist nicht mehr mit an Bord. Sie geht inzwischen andere Wege, doch ihr Engagement ist ungebremst. Jetzt war sie auf Klima-Rettungsmission in der Antarktis. 

Die „Sea-Watch 3“ wartet wieder. Wie vor einem Jahr, als Rackete zur Ikone der Seenotrettung wurde. Doch dieses Mal darf die Crew des deutschen Rettungsschiffs zwei Wochen nicht von Bord, weil sie vorsorglich wegen Corona in Isolation ist. Ebenfalls vor Sizilien liegt die italienische Fähre „Moby Zazà“, die zu einem Quarantäne-Schiff umfunktioniert wurde. Hier sind 200 Migranten von der „Sea-Watch 3“ untergebracht - 28 haben Corona.

Heute wie vor einem Jahr warten Migranten vor Italien auf Einlass. Heute ist Corona der Grund. Vor einem Jahr war es ein Gemisch aus populistischer Politik, Aktivismus und dem Scheitern Europas in der Flüchtlingspolitik. Ende Juni 2019 steuerte Rackete die „Sea-Watch 3“ mit 40 Migranten trotz eines Verbots der Regierung in Rom in den Hafen von Lampedusa. Dabei touchierte sie ein Polizeiboot - sie „rammte“ es, wie der damalige Innenminister Matteo Salvini es nannte. Sie wurde festgenommen und unter großem Trubel dann doch wieder freigelassen.

Salvini macht immer noch Stimmung gegen die Deutsche, gegen Seenotretter und Migranten. Dieses Mal sind die Migranten in seinen Augen Überträger der Lungenkrankheit Covid-19, die Italiener in Gefahr bringen und es sich „auf Kreuzfahrtschiffen“ gut gehen lassen. Doch die Zahl von 28 infizierten Sea-Watch-Migranten ist im Vergleich zu insgesamt 238.000 Infektionen in Italien überschaubar.

Covid-19 als Ausrede, um Migranten abzuwehren

Sea-Watch wirft der Regierung in Italien vor, mit der „Ausrede“ Covid Migranten abzuwehren. Trotz der neuen italienischen Regierung habe sich an der EU-Außengrenze nichts grundlegend geändert, sagt Rackete jetzt in einem Statement. „Wenn überhaupt, dann hat sich die Lage im letzten Jahr weiter verschlechtert.“ 

Die Migranten legen derweil trotz Corona weiter ab. Getrieben von den menschenunwürdigen Umständen im Bürgerkriegsland Libyen, in das sie von der dortigen Küstenwache und mit Unterstützung der EU oft wieder zurückgebracht werden. „Covid-19 macht viel weniger Angst als die libyschen Gefängnisse und die dort erlebte Folter“, sagt Politik-Experte Matteo Villa.

Rackete ist für viele ein Sinnbild der Menschlichkeit. Aber sie selbst hadert mit ihrer Berühmtheit. „Diese Geschichte sollte überhaupt nicht von mir handeln“, erklärt sie. „Es ist nicht nötig, dass eine Weiße als vermeintliche Stimme der Stimmlosen die Bühne betritt.“

Statt auf Rettungsschiffen war sie zuletzt auf Forschungsschiffen unterwegs, etwa auf einer Expedition in die Antarktis. Statt Migration stand Klimaschutz im Fokus. Ein neuer Einsatz für Sea-Watch sei aber nicht ausgeschlossen, so ein Sprecher.

In Sizilien laufen weiter Ermittlungen gegen Rackete. Doch die Organisation Sea-Watch glaubt, dass es nicht zum Prozess kommt. Denn das Gericht in Italien hatte im Januar die Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen die damalige Freilassung Racketes abgewiesen.

Rackete sagt: „Obwohl der Oberste Gerichtshof meine Entscheidung bestätigt hat, in den Hafen einzulaufen und die Menschen gemäß dem Seerecht in Sicherheit zu bringen, geht die Kriminalisierung der Seenotrettung weiter.“ (mit dpa)