Lehrer Kai Schmidt Instagram/lehrerschmidt

Was braucht es für trendige Videos, die bei Jung und Alt extrem beliebt sind? Eine coole Frisur mit blauen Haaren, schnelle Schnittfolgen oder auch Rapgesang und Jugendsprache? Kai Schmidt aus der Grafschaft Bentheim nimmt ein kariertes Blatt Papier, einen Kugelschreiber oder Filzstift und erklärt Bruchrechnen, Prozentrechnung oder die pq-Formel. Damit hat er sich in diesem Jahr in der Kategorie „Top-Creator des Jahres“ in den YouTube-Charts unter die Top 3 gefilmt – hinter bekannten Namen wie Rezo oder Hungriger Hugo. Gut 1,2 Millionen Abonnenten hat Schmidt alias Lehrerschmidt bei dem Video-Kanal.

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YouTube-Karriere von Kai Schmidt startete eher unfreiwillig

Seine Karriere als YouTube-Star habe unfreiwillig begonnen, erzählt der 42-Jährige, der heute als Leiter einer Oberschule in Uelsen an der deutsch-niederländischen Grenze arbeitet. Vor etwa sieben Jahren habe er an einer Hauptschule eine Abschlussklasse in Mathematik gehabt. „Das war eine tolle Klasse – das Problem war, dass viele Grundfertigkeiten fehlten, auf die ich thematisch aufsetzen wollte“, sagt Schmidt. So sei er auf die Idee gekommen, dieses Basiswissen in Videos zur Verfügung zu stellen, damit er im Unterricht überhaupt zu den eigentlichen Themen kommen konnte.

Die ersten Videos waren auf dem Schulserver. Da fehlte schnell Speicherplatz. Schüler rieten ihm, sie auf YouTube zu stellen. Die Videos sollten eigentlich nur für seine Schüler zu sehen sein. „Zu meinem Erstaunen habe ich gesehen, dass die Klickzahlen weitaus höher waren als die Zahl meiner Schüler“, erzählt der Pädagoge. Die Jugendlichen hatten über WhatsApp-Gruppen die Links weitergegeben. Irgendwann sei er auf die Idee gekommen, die Videos sofort öffentlich zu stellen. „Guckt ja eh keiner“, sagt Schmidt und lacht.

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Lehrer Kai Schmidts Videos sind strukturiert, nie aufgeregt oder hektisch

Inzwischen gucken nicht nur Schülerinnen und Schüler, auch Eltern, Großeltern – und Lehrer. In seinen Videos geht Schmidt sehr strukturiert vor, erklärt immer geduldig, nie aufgeregt oder hektisch, rechnet Beispielaufgaben durch, erklärt Lösungswege, zieht Bruchstriche mit dem Geodreieck, schreibt jede Ziffer in ein Kästchen und unterstreicht das Endergebnis zwei Mal – auch mit dem Geodreieck.

In diesem Video erklärt Lehrer Kai Schmidt die Bruchrechnung.

Quelle: YouTube

„Ich habe eine gewisse Sympathie für diese Einfachheit“, würdigt der Osnabrücker Professor für Mathematikdidaktik, Alexander Salle. Der zwölfjährige Mikael aus Hannover sagt, er sei ein großer Fan von Lehrerschmidt. „Ich finde es so cool an ihm, dass er alles so nett erklärt, auch so gut erklärt und langsam.“ Auch dass Schmidt dieselben Stifte benutzt wie die Schülerinnen und Schüler, komme gut an, sagt Mikael. „Er erklärt sehr langsam und schreibt auch nicht nur ein Beispiel auf. Er macht das immer auf eine lustige und nette Art, redet sehr deutlich und macht es einfach ganz gut.“

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YouTube-Videos von Lehrer Kai Schmidt vermitteln „prozedurales Wissen“

Lernvideos wie die von Lehrerschmidt ließen sich immer und immer wieder anschauen, erklärt Didaktik-Experte Salle. „Das Format hat daher individualisierende Möglichkeiten.“ Die Tatsache, dass die Aufgaben denen entsprechen, die sie von der Schule her kennen, bis hin zur sehr bodenständigen Darstellung mit Stift und Geodreieck sorge für Vertrautheit bei den Schülerinnen und Schülern. Und, ganz wichtig: Die Videos vermitteln „prozedurales Wissen“: Wer Brüche addieren will oder Prozentpunkte ausrechnen, muss die Schritte und das Handwerkszeug beherrschen – genau das übe Lehrerschmidt, aber auch andere Videotutorials, ein.

In diesem Video erklärt Lehrer Kai Schmidt ausführlich Parabeln.

Quelle: YouTube

Einen Schwachpunkt solcher Videos sehe er als Didaktiker darin, dass bei der Konzentration auf reine Rechen-Prozeduren die Flexibilität auf der Strecke bleibe, die dahinter liegenden mathematischen Strukturen und Begriffe auch auf andere Bereiche anwenden zu können. Es sei wichtig, ein Handwerkszeug zu haben, wie es in den Tutorial-Videos geübt werde. „Aber die zusätzliche Ausbildung von Vorstellungen und relevanten Begriffen zu den jeweiligen Operationen, das würde ich mir als Fachdidaktiker schon wünschen“, sagt Salle.

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Kai Schmidt sieht seine Videos indes als Hilfsmittel, um Dinge aus dem Matheunterricht zu wiederholen. Er freue sich auch über Kritik, zum Beispiel von Kollegen. Er mache als Lehrerschmidt nichts besser als alle seine Mathelehrer-Kollegen. Das sei eine rein subjektive Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler. „Mein Video hat den riesengroßen Vorteil, dass sie dann zur Verfügung stehen, wenn der Schüler oder die Schülerin intrinsische Motivation hat, sich jetzt mit Mathe zu beschäftigen. Und das ist halt viel cooler als morgens um 7.50 Uhr.“