Vielleicht geht es nur in eine Richtung und wir brauchen künftig jährlich eine Corona-Impfung. Foto: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Wie lange ist man nach einer Covid-Erkrankung immun? Und wie lange schützt eine Impfung? Muss man vielleicht immer wieder geimpft werden, um nicht an Corona zu erkranken? Das sind Fragen, die sich viele Menschen gerade stellen. Und mancher hat sicherlich besorgt aufgenommen, was gerade der Chef des Pharmaunternehmens Pfizer sagte: Wahrscheinlich brauche man eine dritte Biontech-Impfung, um länger immun zu sein.

„Ein wahrscheinliches Szenario ist, dass es die Notwendigkeit einer dritten Dosis geben wird, irgendwo zwischen sechs und zwölf Monaten, und danach eine jährliche Neu-Impfung, aber all das muss noch bestätigt werden“, sagte Albert Boula, der Vorstandsvorsitzende von Pfizer, dem US-Sender CNBC in einem Interview.

Ein Beispiel für die jährliche Anpassung von Impfstoffen ist die Grippe-Impfung

Solche möglichen –vielleicht sogar jährlichen – Wiederholungsimpfungen werden seit längerem diskutiert. Man kennt sie ja auch von anderen Viren. Von den Grippeviren zum Beispiel. Hier ist sie längst zur Normalität geworden. Denn die Schutzwirkung einer Grippeimpfung hält etwa sechs bis zwölf Monate an. Außerdem muss der Impfstoff jährlich angepasst werden, denn es gibt mehrere Virusstämme: jeweils zwei Stämme Influenza A und B. Die Impfstoff-Zusammensetzung richtete sich nach dem in der jeweiligen Grippesaison vorherrschenden Stamm. Seit der Saison 2018/19 gibt es in Deutschland einen Vierfachimpfstoff.

Auch sind Grippeviren sehr mutationsfreudig. Sie gehören ebenfalls zu den RNA-Viren. Kopierfehler in der Erbsubstanz, die bei ihrer Vermehrung entstehen, werden nicht repariert. Die Oberflächenproteine wandeln sich, und es entstehen Subtypen. Influenzaviren seien Meister darin, sich der Immunreaktion des Körpers zu entziehen, erklärten jüngst Forscher der Berliner Charité. Sie veränderten sich so schnell, dass die Antikörper, die das Immunsystem nach einer früheren Infektion oder Impfung hergestellt hat, sie nicht mehr gut erkennen können.

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Die Charité-Forscher verglichen in einer Studie im Fachmagazin Virus Evolution die Mutationsfreudigkeit von Grippe- und Coronaviren. Denn Forscher beobachten seit Monaten: Auch beim Coronavirus Sars-CoV-2 gibt es ständige Mutationen. Sie führen zu verschiedenen Varianten, von denen zum Beispiel die derzeit in Deutschland kursierende britische Variante B.1.1.7 offenbar ansteckender ist als die zuvor verbreitete.

Forscher müssen ständig prüfen, ob die existierenden Impfstoffe auch gegen die neue Virusvariante wirksam sind. So wie es auch jährlich bei Grippe der Fall ist. Wobei man sagen muss, dass es nie einen hundertprozentigen Schutz gibt. Auch bei der Grippeimpfung. Wenn der Impfstoff gut an die jeweils zirkulierenden Grippeviren angepasst sei, werde eine Schutzwirkung von bis zu 80 Prozent bei jungen Erwachsenen beobachtet, heißt es auf dem RKI-Portal. Bei älteren Menschen, die oft eine eingeschränkte Immunantwort hätten, liege die Wirksamkeit bei 41 bis 63 Prozent. Doch trotz derzeit mäßiger Impfquoten könnten jährlich etwa 400.000 Influenza-Erkrankungen bei Personen der Über-60-Jährigen verhindert werden. Dort, wo dies besonders wichtig ist wegen der mitunter schweren Folgen.

Impfungen bieten Älteren einen besseren Schutz als die überstandene Infektion

Die Schutzwirkung bei Corona-Impfungen scheint höher zu sein als die bei Grippe-Impfungen, zumindest, wenn man die Herstellerangaben nimmt. Aber auch Studien scheinen das zu bestätigen. So zeige die noch laufende Phase-3-Studie bei Biontech, dass der Impfstoff auch sechs Monate nach der zweiten Impfung bei mehr als 90 Prozent wirke, teilte der Hersteller Anfang April mit. Schwere Verläufe von Covid-19 – mit Krankenhausaufenthalt, Intensivbehandlung, Beatmung und Tod – habe es nicht gegeben, heißt es in der Mitteilung.

Bei Astrazeneca soll bereits die erste Impfung einen dreimonatigen Schutz von 76 Prozent nach der ersten Impfung bieten, wie eine Oxford-Studie ergab. Ein längeres Intervall zwischen den beiden ersten Impfungen soll die Wirksamkeit noch erhöhen – auf 82,4 Prozent. Ergebnisse aus größeren Studien, die wesentlich länger als ein halbes Jahr laufen, gibt es noch nicht.

Doch wie ist es mit der Immunität nach einer Corona-Infektion? Hier zeigt eine Studie aus Dänemark, dass auch die überstandene Covid-19-Erkrankung nicht zuverlässig vor einer erneuten Infektion schützt. Die Ende März im Fachjournal Lancet erschienene Studie gibt den Schutz vor einer wiederholten Infektion innerhalb eines halben Jahres für jüngere Menschen mit 80 Prozent an, für Menschen über 65 Jahren dagegen mit nur 47 Prozent – vermutlich wegen des nicht mehr so gut funktionierenden Immunsystems.

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Die dänischen Forscher ziehen den Schluss, dass auch Leute geimpft werden sollten, die sich bereits mit dem Coronavirus angesteckt haben. „All diese Daten sind eine Bestätigung dafür, dass im Fall von Sars-CoV-2 die Hoffnung auf eine schützende Immunität durch eine natürliche Infektionen möglicherweise nicht in Reichweite ist, und dass ein globales Impfprogramm mit hochwirksamen Impfstoffen die dauerhafte Lösung ist“, schreiben die nicht an der Studie beteiligten Forscher Rosemary J. Boyton und Daniel M. Altmann vom Imperial College in London.

Eine Impfung von Personen mit durchgemachter Infektion sollte allerdings „frühestens sechs Monate nach Genesung erwogen werden“, heißt es in den Richtlinien der Ständige Impfkommission (Stiko), um überschießenden Immunreaktionen vorzubeugen. Und eine einzige Impfdosis sollte genügen. Wenn man aber gar nicht wisse, ob man infiziert gewesen sei, weil manche Infektionen ohne Symptome verliefen, dann schade eine Impfung mit zwei Dosen nicht.

Forscher befürchten, dass das Virus gegen Impfstoffe immun wird

Wie lange der schützende Effekt einer Impfung vorhält – dazu gibt es verschiedene Schätzungen. Sie reichen von einem Jahr bis zu zwei Jahren – oder sogar länger. Dann müsste neu geimpft werden. Dabei ist allerdings noch nicht berücksichtigt, dass das Coronavirus mutiert und die Impf-Immunabwehr durchbrechen kann. So scheinen die bisherigen Impfstoffe recht gut vor der britischen Variante B.1.1.7 zu schützen, aber möglicherweise weniger gut vor anderen „besorgniserregenden Varianten“. Eine Studie aus Israel weist darauf hin, dass die südafrikanische Variante B.1.351 bis zu einem gewissen Grad die durch Biontech-Impfungen aufgebaute Immunabwehr durchbrechen kann.

Zurzeit gibt es die Sorge, dass das Virus gegen das Impfen immun wird. Zumindest gegen die aktuellen Impfstoffe, die in einem Jahr oder weniger bereits unwirksam sein könnten. Dies befürchten Epidemiologen und Virologen aus 28 Ländern in einer Umfrage der „People’s Vaccine Alliance“, einem Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen. Das Problem sind sogenannte Immun-Escape-Varianten. Solche Flucht-Varianten können entstehen, wenn zwar immer mehr Menschen geimpft sind – aber lange noch nicht genug, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Das Virus gerät unter großen Selektionsdruck. Und es besteht die Gefahr, dass sich dabei die stärksten Viren durchsetzen, die vom Immunsystem nicht erkannt werden.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat bereits ein Prozedere geplant, das eine rasche Zulassung für adaptierte Impfstoffe ermöglicht. Die aktuellen Impfstoffe könnten innerhalb von sechs bis acht Wochen so verändert werden, dass sie ebenfalls gegen Mutanten wirken, sagte die Präsidentin des Österreichischen Verbands der Impfstoffhersteller, Renée Gallo-Daniel. Aber auch die bisherigen Impfstoffe böten weiter einen gewissen Schutz, sagte Luka Cicin-Sain vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Denn die mutierten Viren tarnten sich zwar, „Viren werden aber nicht vollständig unsichtbar“.

Prognose: Eine ständige Anpassung der Corona-Impfstoffe ist künftig wohl nicht nötig

Die Forscher der Charité wagten in ihrer Studie eine Prognose, und zwar auf der Grundlage der Erkenntnis, dass die Mutationsrate von landläufigen Erkältungs-Coronaviren generell nicht so hoch ist wie die von Influenzaviren. Während sich bei Grippeviren pro Jahr 25 Mutationen pro 10.000 Erbgut-Bausteinen ansammelten, seien es bei den Coronaviren nur etwa sechs Mutationen, so das Ergebnis der Forscher. Was die Rate derzeit in die Höhe treibt, ist die Pandemie durch ein neu aufgetauchtes Coronavirus.

„Wo es viele Infektionen gibt, kann sich ein Virus auch schneller weiterentwickeln“, sagt Jan Felix Drexler, Leiter der Studie vom Institut für Virologie. Aber: „Auf Basis der Evolutionsraten der heimischen Erkältungscoronaviren gehen wir davon aus, dass sich auch Sars-CoV-2 langsamer verändern wird, sobald das Infektionsgeschehen abebbt – also nachdem ein Großteil der weltweiten Bevölkerung entweder durch die Erkrankung selbst oder durch eine Impfung einen Immunschutz aufgebaut hat“, sagt Drexler. „Deshalb nehmen wir an, dass die Covid-19-Impfungen während der Pandemie regelmäßig überprüft und wenn nötig angepasst werden müssen.“ Sobald sich die Situation stabilisiert hat, werden die Impfungen aber voraussichtlich länger nutzbar sein.“ Kurz: Eine ständige Anpassung der Impfstoffe sei wahrscheinlich nicht nötig.

Ob man sich überhaupt impfen lassen wird, hängt sicherlich auch davon ab, welche Folgen Sars-CoV-2 in seiner nach-pandemischen Phase auslöst. Der Pfizer-Chef Albert Boula vermutet jedenfalls, dass das Leben im Spätherbst wieder normale Züge annehmen könnte. Sein Ausblick in die Zukunft lautet so: „Covid wird wie eine Art Grippe werden. Wir werden uns impfen lassen und weitestgehend normal leben.“