Hereinspaziert! Blick durch das schmiedeeiserne Tor des ehemaligen Landguts Borsig in Groß Behnitz. Die Berliner Industriellenfamilie betrieb hier eine Landwirtschaft, die ihrer Zeit voraus war. dpa/Karlheinz Schindler

Richtig in Fahrt kommt Michael Stober, wenn er über die Berliner Industriellenfamilie Borsig spricht. Etwa über August Borsig (1804–1854), den Gründer der Borsigwerke, und das legendäre Lokomotiven-Wettrennen im Juli 1841. Es fand auf der Strecke Berlin–Jüterbog statt, auf der Borsigs erste Dampf-Lok im Monat zuvor ihre Jungfernfahrt erfolgreich absolviert hatte. Im August forderte er seinen englischen Konkurrenten George Stephenson heraus. Die Borsig-Lok legte die Strecke zehn Minuten schneller als die Konkurrenz zurück. Borsigs Aufstieg zum Lokomotivenkönig begann. Die Preußischen Eisenbahngesellschaften kauften fortan seine Maschinen – und nicht mehr die aus England.

Michael Stober erzählt diese Geschichte voller Elan, er weist auf imaginäre Gleise, Unterbrechungen wehrt er charmant ab. Stober, 62, ist ganz in Schwarz gekleidet, unter dem Jackett trägt er einen Rollkragenpullover, die verbliebenen Haare sind sehr kurz geschnitten. Man merkt, dass er diese Geschichte nicht zum ersten Mal erzählt. Und dass er das gern tut.

Berliner Verlag
Raus in die Geschichte!

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An der Wand hinter Stober hängt ein Bild, es zeigt ein Ziegelstein-Ensemble mit Schloten, aus denen dunkler Qualm aufsteigt. So sah der Maler Karl Eduard Biermann 1847 die Borsig'sche-Maschinenbau-Anstalt in der Berliner Chausseestraße. Die Borsig-Werke waren zu jener Zeit der größte Lokomotivenproduzent Europas, die Lokomotive repräsentierte das Fortbewegungsmittel der Zukunft.

Die vergrößerte Reproduktion des Gemäldes hängt in einem Gebäude, das wie die Borsigwerke in Berlin aus Ziegelstein errichtet ist. Es gehört zum Landgut der Familie Borsig in Groß Behnitz, einem Dorf im Westhavelland, vom Zentrum Berlins etwa eine Stunde Autofahrt entfernt. Albert Borsig (1829–1878), einziger Sohn von August, kaufte das Gut derer von Itzenplitz im Jahr 1866. Er zahlte für das idyllisch an einem See gelegene schlossähnliche Herrenhaus mitsamt kleinerem Logierhaus und Ländereien 450.000 Taler.

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Es ging Albert Borsig weniger um einen prestigeträchtigen Landsitz, vielmehr wollte er hier Landwirtschaft betreiben, um die Werkskantine in Berlin mit Lebensmitteln zu versorgen. Deshalb ließ er neben dem Herrenhaus ein großzügiges Backstein-Ensemble mit Ställen, Scheunen, Speichern und Verwaltungsgebäuden errichten. „Albert Borsig hat hier all sein Wissen und das von Agrarexperten eingebracht. Er hat ein landwirtschaftliches Mustergut gebaut“, sagt Michael Stober. Nach seiner Darstellung ist es das einzig erhaltene aus dieser Epoche in Deutschland.

Vom Rittergut zum Landgut. Die Farblithografie zeigt das Herrenhaus der Familie von Itzenplitz am Groß Behnitzer See um 1860. Albert Borsig kaufte es samt Logierhaus und Ländereien sechs Jahre später – und errichtete dazu ein Ziegelstein-Ensemble. dpa/akg-images

Dem gebürtigen Badener Michael Stober und seiner Frau Tanja gehört das Gut heute, das Paar lebt mit den vier jüngsten seiner sieben Kinder hier. Stober entdeckte die Immobilie im Jahr 2000 in einem Auktionskatalog. Die in der DDR von einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft genutzten und nach 1990 leer stehenden Gebäude waren in einem erbärmlichen Zustand. „Aus den Dächern wuchsen Bäume, die Zwischengeschosse waren eingestürzt“, erinnert sich Stober. „Aber ich hatte eine Vision. Und das Ding hat zu mir gesagt: Du machst das oder keiner!“ Bei 110.000 Mark erhielt er den Zuschlag.

Seither hat Stober 30 Millionen Euro investiert, davon etwa acht Millionen Fördergeld. Aus der Ruine wurde ein Hotel, das mehrere Bio-Siegel trägt, klimafreundlich wirtschaftet und das ausweislich der Internetsite mehrere Auszeichnungen wie „Bestes deutsches Tagungshotel“ oder „Nachhaltigste Tagungs-, Event- und Hotellocation“ erhalten hat.

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„Der Teppich ist aus Mais – und kann, wenn er ausgetauscht werden muss, notfalls verfüttert werden“, sagt Stober. In der Toilettenspülung rauscht aufgearbeitetes Regenwasser, geheizt wird mit Holzschnitzeln, ein Teil des Stroms stammt aus Solarpaneelen, die auf dem Neubau installiert sind.

Die Familie Borsig machte sich mit Eisengießen und dem Bau von Lokomotiven einen Namen. Davon zeugt dieses Relief an einem der Gebäude ihres einstigen Landguts. Markus Wächter

Die Hoteliers ergänzten das denkmalgeschützte Ziegelstein-Ensemble mit einigen Gebäuden und nutzen moderne Technik – wie früher die Borsigs. Dampfbetriebene Maschinen kamen Ende des 19. Jahrhunderts auf den Feldern, bei der Kartoffelverarbeitung und in der Schnapsbrennerei zum Einsatz.

Und für den Rinderstall, in dem Stober die Geschichte von Borsigs England-Reise erzählt, ließen sich die Gutsherren eine Art Klimaanlage einfallen, damit dort die für die Milchproduktion optimale Temperatur herrscht: Im Sommer wurde über ein ausgeklügelte Lüftungssystem die kalte Morgenluft in das Gebäude gesogen; im Winter wurden Gülledämpfe verfeuert und die Wärme in das Gebäude geleitet.

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„Die Borsigs waren der Auffassung: Es gibt für alles eine physikalische Lösung“, sagt Stober, als wir den nun als Veranstaltungsraum genutzten Kuhstall verlassen. „Heute würde man sagen: airconditioned inklusive Biomasse.“ Vor dem Gebäude steht ein Kleinwagen des Hotels, der gerade Strom tankt.

Von Borsig zu Borsig. In der Mitte thront August, der Gründer der Borsig-Werke, links sein Sohn Albert, neben und unter ihm seine Söhne Arnold, Ernst und Conrad. Deutsches Technikmuseum Berlin

„Über eine bessere Welt nachdenken – das gehört auch zum besonderen Spirit dieses Orts“, sagt der Hotelier und meint die Treffen der NS-Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis in Groß Behnitz. Der damalige Gutsherr Ernst von Borsig jun. – die Industriellen-Familie war 1909 geadelt worden – kannte einige der Regimegegner aus seiner Schul- und Studienzeit. Die Gruppe um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg traf sich zwischen 1941 und 1944 mehrmals auf dem Gut, um über die Neuordnung Nachkriegsdeutschlands zu beraten.

Ernst von Borsig jun. (1906–1945), Urenkel des Lokomotivenkönigs, war mit von der Partie, wenn über die land- und forstwirtschaftliche Ordnung diskutiert wurde, gehörte aber nie zum innersten Zirkel. Dass der junge Gutsherr dem NS-Regime kritisch gegenüberstand, zeigte sich noch in einem anderen Punkt: 1938 setzte er als Patronatsherr ein Mitglied der Bekennenden Kirche als Pfarrer durch – gegen den Widerstand einiger lokaler Nazigrößen.

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Doch seine Rolle im Widerstand half ihm nichts, als sowjetische Soldaten im April 1945 das Gut besetzten. Er wurde wegen Sabotage festgenommen, weil er die Alkoholvorräte vernichten ließ. Fünf Monate später starb er in einem sowjetischen Lager.  „Ernst von Borsig: Märkischer Gutsherr und Gegner des Nationalsozialismus“ heißt das Buch, das sein Neffe Ernst-Friedrich Harmsen geschrieben hat. Als es 2015 auf den Markt kam, stellte Stober sein Landgut für die Buchvorstellung zur Verfügung.

Zu DDR-Zeiten nutzte eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft das Landgut Borsig, hier eine Aufnahme aus den 1970er-Jahren. dpa/ddrbildarchiv/Klaus Morgenstern

Der heutige Eigentümer hat eigenen Angaben zufolge zu den meisten Borsig-Nachfahren ein gutes Verhältnis. Er lud sie ins Westhavelland ein, zeichnete ihre Erinnerungen in Bild und Ton auf und sichtete historische Dokumente. Die Gründer-Familie ist auf dem Gut auch sehr präsent: Die Tagungsräume tragen Namen von Familienmitgliedern, auch die oft vergessenen Frauen werden mit Bild und Lebenslauf vorgestellt.

Nur mit einem Borsig-Nachfahren ist der heutige Gutsherr über Kreuz: mit Manfred von Borsig, der bei Kriegsende 1945 als kleiner Junge mit seiner Mutter aus Groß Behnitz floh und nach der Vereinigung 1990 vergeblich um eine Rückerstattung des Familienbesitzes kämpfte. Er verklagte den Hotelier, weil dieser das Anwesen zunächst „Landgut Borsig“ genannt hatte.

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In der Lokalzeitung Märkische Allgemeine begründete Manfred von Borsig das so: „Mein Vater setzte auf Landwirtschaft und auf ein soziales Engagement in der Region. Was Herr Stober aus dem Areal gemacht hat, hat damit wenig zu tun. Das ist doch ein reiner Gewerbebetrieb.“ Der Rechtsstreit ging bis vor den Bundesgerichtshof, Stober unterlag.

Wenn der Vater mit dem Sohne. Direkt am Groß Behnitzer See liegt das Landgut Stober, das aus dem Landgut Borsig hervorging. An diesem idyllisch gelegenen Gewässer hat die Natur seit der Eiszeit gearbeitet. Landgut Stober/Peter Stumpf

Voll des Lobs über den neuen Eigentümer ist Andreas Kalesse, fast 30 Jahre Stadtkonservator von Potsdam und ausgewiesener Borsig-Kenner. „Herr Stober hat eines der schönsten Ziegelgutensembles Brandenburgs gerettet, er hat es mit Liebe zum Detail restauriert und zu neuer Blüte gebracht. Und er gibt dort vielen Menschen Arbeit.“

Und als Kalesse dann auch noch von der Küche des Gutsrestaurants, von dem Park am See und den mehrere Hundert Jahre alten Platanen auf dem Areal schwärmt, unterbricht sich der Denkmalschützer scherzend selbst: „Ich werde aber nicht von Herrn Stober bezahlt, nicht dass Sie das glauben.“

Ein Gewerbebetrieb, ein Unternehmen – das ist das Landgut Stober ohne Zweifel, schließlich müssen die Kredite getilgt und die rund 200 Angestellten bezahlt werden. Und doch ist es kein knallhart kapitalistisch ausgerichtetes Geschäft. Die Landgut Stober GmbH und Co. KG praktiziert sogenannte Gemeinwohl-Ökonomie, sie ist seit 2017 Mitglied in dieser Initiative. Damit hat sie sich verpflichtet, 20 Prozent ihrer Gewinne für humanitäre Zwecke zu spenden.

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Auch dabei sieht sich Michael Stober in der Tradition der Borsigs, auch sie hätten ihr Unternehmen nachhaltig und sozial geführt. Mit dem warmen Kühlwasser der Eisengießerei beispielsweise habe August Borsig eine Badeanstalt für seine Arbeiter betrieben, und er habe eine Kranken- und Sterbekasse eingeführt, erzählt er. Wobei die Borsigs ungeachtet ihres Engagements für die Arbeiter sehr wohlhabend wurden: Ernst von Borsig (1869–1933) zählte seinerzeit mit einem Vermögen von 22 Millionen Mark zu den reichsten Männern Preußens.

Michael Stober investierte 30 Millionen Euro, um aus dem Landgut Borsig das Landgut Stober zu machen. Dem Erbe der Industriellenfamilie fühlt er sich verpflichtet. Markus Wächter

Michael Stober hat sich selbst verpflichtet, maximal zehn Prozent der Gewinne für sich zu behalten. Doch das tut er nicht. „Meine Frau und ich verzichten von Anfang an auf jegliches Gehalt“, heißt es im auf der Hotel-Internetsite veröffentlichten Gemeinwohlbericht von 2018. „Wir leben von den Einnahmen aus unseren beiden Mietshäusern in Berlin und Süddeutschland“, sagt der Hotelier, der Fotografie und Philosophie studierte, in jungen Jahren vom Sympathisanten der Hausbesetzerszene zum Hausbesitzer wurde – und dann mit der Sanierung von Altbauten in Berlin offensichtlich viel Geld verdiente.

Aktuell macht das Landgut Stober – wie in den Jahren nach der Eröffnung 2008 – alles andere als Gewinn, pandemiebedingt bleiben die Gäste aus. Hochzeiten und Tagungen machen etwa 80 Prozent des Geschäfts aus, sie sind schon länger nicht möglich. Dabei hatte sich das Unternehmen bis zum Corona-Ausbruch nach Stobers Angaben gut entwickelt: Seit 2015 schrieb es schwarze Zahlen, die Auslastung stieg auf mehr als 40 Prozent, der Jahresumsatz lag bei mehr als vier Millionen Euro.

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Prominente Gäste fanden sich ein: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg beispielsweise war da, die Bundes-SPD inklusive ihrer Minister und Ministerpräsidenten traf sich 2015 hier zu Beratungen. Weil das Tagungsgeschäft gut lief, entschloss sich die Unternehmerfamilie, einen letztlich 13 Millionen Euro teuren Neubau mit weiteren 200 Betten zu errichten. „Pünktlich zum Ausbruch der Corona-Pandemie war er fertig“, sagt Stober.

Wir sitzen im Foyer des Hotel-Neubaus. An der Sichtbetonwand hängt ein Gebilde mit Moos in verschiedenen Grüntönen. Die Farben finden sich in den Sitzecken wieder. Von der Decke schlängeln sich Lampen; es sieht so aus, als wären sie Wurzeln. Futuristisch wirkt der Raum. Er ist ein Kontrast zu dem historischen Backstein-Ensemble des Landguts, aber noch viel mehr zu den anderen Gebäuden in Groß Behnitz. Das Dorf, ein Ortsteil von Nauen, erweist sich als eine Mischung aus Häusern in allen erdenklichen Baustilen, am Ortsrand gibt es sogar einen Plattenbau. Und mittendrin liegt ein schmuckloser Gewerbebetrieb, direkt neben dem prächtigen Eingangstor des 1947 zerstörten Herrenhauses und dem Landgut Stober. Es ist – Ironie der Geschichte – eine Metallbau-GmbH.


Info:

  • Adresse: Landgut Stober, Behnitzer Dorfstraße 27–31, 14641 Nauen, Tel. 033239 / 20 80 65, www.landgut-stober.de
  • Anfahrt: Regionalzug RE2, RB10 und RB14 nach Nauen, weiter mit Bus 660 bis Groß-Behnitz, Dorf. www.vbb.de