Ludwig van Beethoven starb, bevor er seine 10. Sinfonie beenden konnte. Archiv

Meister, erster Popstar der Musikgeschichte, Jahrhundertgenie: Nur wenige Komponisten werden so verehrt und überhöht wie Ludwig van Beethoven. Zu seinem Status als Säulenheiliger der Musik passt die Art, wie uns der 1827 entschlafene Maestro heute noch auf Gemälden entgegentritt: Mit fest entschlossenem Blick und wilder Mähne. Die Frage ist nun: Passt der Inhalt dieses genialen Wuschelkopfs in eine Hosentasche?

So ganz abwegig erscheint der Gedanke nicht mehr. Zumindest hat ein Team von Musikwissenschaftlern und Programmierern nun den Versuch unternommen, eine „Beethoven-KI“ zu entwickeln, die auf einen kleinen USB-Stick passt. KI steht für Künstliche Intelligenz. Die Idee: Einen Computer mit so vielen Informationen füttern, bis er komponieren kann wie dereinst Beethoven – und etwas zu vollenden vermag, das dem Meister vor seinem Tod nicht mehr gelang. Eine 10. Sinfonie.

Meister, erster Popstar der Musikgeschichte, Jahrhundertgenie

Das Ergebnis dieses Experiments lässt sich – nach etwas Verzögerung wegen der Corona-Pandemie – von Freitag (8. Oktober) an auf CD („Ludwig van Beethoven X – The AI Project“) und am Samstag (9. Oktober) bei einer Uraufführung des Beethoven Orchesters unter der Leitung von Dirk Kaftan hören. Schauplatz ist das Telekom-Forum in Bonn. Der Konzern hat das Vorhaben initiiert.

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Das 1819 entstandene Gemälde von Josef Stieler mit einem Porträt von Ludwig van Beethoven beim Komponieren der Messe „Missa solemnis“, D-Dur, op.123. dpa

Dass es sich um ein ambitioniertes Unterfangen handelt, ist allen Beteiligten klar. Die 10. Sinfonie ist nicht irgendein beliebiges Stück, sondern eine Art klaffende Wunde in der Musikgeschichte. Zeitweise wurde ihre Existenz von der Musikwelt sogar angezweifelt – zu groß war der Mythos um Beethovens „Neunte“. Die landläufige Meinung: Der Meister selbst habe mit dem Schlusschor „An die Freude“ sein sinfonisches Werk vollendet.

So war es aber keineswegs. „Beethoven hat in der Regel an zwei Sinfonien gleichzeitig gearbeitet. Während er also an der 9. Sinfonie schrieb, brachte er auch Ideen für ‚die andere‘ zu Papier, wie er sie nannte“, sagt Matthias Röder, Direktor des Karajan-Instituts (Salzburg), der das KI-Team geleitet hat. Geblieben sei es aber bei Skizzen – letztlich Ideen – in einem sehr frühen Stadium der Komposition. Beethoven starb, bevor er die 10. Sinfonie vollendet hatte.

Röder und seine Kollegen – darunter der KI-Experte Ahmed Elgammal und der Komponist Walter Werzowa – haben sich über dieses Material gebeugt. Sie fanden Noten, aber manchmal auch Wörter, etwa spirituelle Gedanken. Daraus versuchten sie abzuleiten, welche Art von Werk dem Komponisten vorgeschwebt haben könnte. Welche Richtung. Und sie fütterten die KI – mit Beethoven, aber auch mit Musik von Zeitgenossen wie Mozart oder Haydn. Sie trainierten sie.

Matthias Röder, Direktor des Karajan-Instituts (Salzburg), der das KI-Team geleitet hat, das eine 10. Sinfonie nach Beethoven geschaffen hat. Hubert Auer/networking Media/dpa

Den eigentlichen Entstehungsprozess muss man sich dann wie eine Art Ping-Pong-Spiel zwischen Mensch und Maschine vorstellen. Die KI machte auf Basis ihrer Daten Vorschläge, wie eine bestimmte Stelle weitergeführt werden könnte –und das Experten-Team schaute sie an, wählte aus und spielte die Entscheidung zurück ins System.

Man darf das Projekt also nicht so verstehen, dass man einem Computer die alleinige Kontrolle überlassen hätte. Die Auswahl der Stücke, anhand derer die KI lernte, wie Beethoven klingt, der Auswahlprozess –an vielen Stellen waren menschliche Entscheidungen gefragt.

Zusammenarbeit von menschlicher und Künstlicher Intelligenz

Schon häufiger gab es Versuche, Computerprogramme komponieren zu lassen. Dazu zählt die „Fertigstellung“ der 8. Sinfonie in h-Moll von Franz Schubert (1797–1828). Auch da war ein Unternehmen aus der Kommunikationsbranche involviert, der Smartphone-Hersteller Huawei.

Wenn man sich an einen Übervater wie Beethoven herantraut, ist Kritik gleichwohl programmiert. Die Beteiligten betonen aber, dass man den Genius natürlich nicht vom Sockel stoßen wolle. Es handele sich um ein Experiment, um zu zeigen, wie kreative Zusammenarbeit von menschlicher und Künstlicher Intelligenz funktionieren könne.

Ein Blatt mit Noten, geschrieben von Ludwig van Beethoven. Imago Images

„Wir möchten mit diesem Projekt nicht sagen, dass eine Maschine plötzlich besser komponieren kann als Beethoven“, erklärt Röder. Er sagt aber auch: „Wenn Beethoven heute leben würde, würde er all diese Technologien ausprobieren. Davon bin ich überzeugt.“

Der Beethoven-Experte Heinz von Loesch hat sich die Aufnahmen bereits angehört. „Kompositionstechnisch könnte meines Erachtens alles von Beethoven sein“, sagt er. Im Detail sei vieles sehr schön gemacht worden. Auch die Rahmenbedingungen hält er für klug gewählt. „Man nimmt eher das Lyrische als Fluchtpunkt, weniger das Heroische. Man hat hier nicht versucht, die 9. Sinfonie zu überbieten.“ Für einen Geniestreich hält er die Sinfonie gleichwohl nicht.

Es gebe beispielsweise so gut wie keine ikonischen Momente beim Anhören. „Es ist alles schön gemacht, aber es gibt nichts Überwältigendes“, sagt von Loesch. „Weder im Bereich des Heroischen noch des Lyrischen. Man fühlt sich Gott nicht wirklich nah.“

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Legitim sei so ein Projekt natürlich dennoch – es behaupte ja niemand, es sei Beethoven selbst. Widersprechen will er allerdings bei der Frage, ob der Komponist selbst eine derartige Technologie gewählt hätte. „Beethoven war der Meinung, dass er das originalste Genie aller Zeiten bis dato ist“, sagt von Loesch. „Er hätte sein Material nicht von jemand anderem substanziell bearbeiten lassen.“