Der Deutsche Stefan Thomas lebt inzwischen als Programmierer und Firmengründer im Silicon Valley.
Foto: coil.com

Stefan Thomas dürfte in der Krypto-Szene der Unglücksrabe des Monats sein. Vor kurzem kam heraus, dass der Programmierer das Passwort zu seiner Wallet (einer Art digitaler Geldbörse) vergessen hat. Auf jener Wallet ist die Digitalwährung Bitcoin im Gegenwert von 200 Millionen Euro gespeichert. Schafft er es nicht, das Passwort zu rekonstruieren, ist alles Geld verloren. Der Deutsche lebt lange schon im Silicon Valley, leitet dort das Unternehmen Coil und hat seine ersten Bitcoins 2011 als Bezahlung für einen Job erhalten.

Herr Thomas, die New York Times hat vergangene Woche berichtet, Sie hätten das Passwort zu einer Ihrer digitalen Geldbörsen verloren, in der Sie viele Bitcoins gespeichert hatten. Umgerechnet 200 Millionen Euro stehen für Sie auf der Kippe. Was ist seither passiert?

Hunderte Menschen haben mir geschrieben und ihr Mitgefühl zum Ausdruck gebracht. Das hat mich sehr gefreut. Mich hat tatsächlich erstaunt, dass sich so viele Leute mit meiner Geschichte identifizieren konnten. Viele haben mir von eigenen verlorenen Bitcoins oder Safe-Kombinationen erzählt. Einer war sogar dabei, der sein Schweizer Nummernkonto nicht mehr ausfindig machen konnte.

Sie haben nur noch zwei Versuche, das Passwort einzugeben, dann zerstört sich der USB-Stick mit den Zugangsdaten zu Ihrer Bitcoin-Wallet. Die New York Times berichtet, Sie würden lauter Ratschläge bekommen, wie Sie Ihr verloren gegangenes Passwort wieder ausfindig machen können. Was rät man Ihnen?

Es gab Schlaumeier, vielleicht auch Scherzkekse, die mich gefragt haben: Hast du’s mal mit „Passwort“ probiert? Und allerlei bizarre Angebote: Mehrere Menschen mit sogenannten medialen Fähigkeiten haben sich gemeldet und auch ein sogenannter Prophet aus Kroatien hat mich kontaktiert. Andererseits gab es aber auch einige Technologie-Experten und Datenrettungsfirmen, die mir Unterstützung angeboten haben.

Eine spirituelle Beratung schließen Sie wohl eher aus?

Ja! (lacht) Aber es gibt eine spannende technische Möglichkeit, um die Passwortsperre zu umgehen: Den USB-Stick müsste man auseinandernehmen und den Chip selbst dann mittels Rasterelektronenmikroskop Schicht um Schicht abtragen. So könnte man die einzelnen Flashspeicherzellen auslesen. Das ist aber irre aufwendig: Man braucht ein Labor und Experten und alles kostet einen Haufen Geld. Und das Ergebnis ist sehr ungewiss.

Wieso haben Sie das noch nicht probiert?

Als mir vor zehn Jahren klar wurde, dass ich die Passwörter verloren habe, war der Inhalt etwa 140.000 Dollar wert. Für mich war das eine Riesensumme, ich hatte noch Schulden von meinem letzten Start-up und keinen Job. Doch trotzdem: Der Aufwand stand nicht im Verhältnis zu dem möglichen Erfolg.

Kryptogeld: Bitcoins sind schwankungsanfällig, Anleger müssen daher stets auch mit Kursverlusten rechnen. Foto: Imago Images/Michael Weber

Heute sieht das anders aus – der Wert der Wallet hat sich mehr als vertausendfacht.

Richtig. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ganze nicht funktioniert, enorm. Und dann möchte man dem Ganzen nicht noch mehr Geld hinterherwerfen. Die Frage ist also: Wie lässt sich das finanzieren?

Warum sind Sie mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen? Haben Sie sich Hilfe erhofft?

Nein – der New-York-Times-Journalist Nathaniel Popper hat sich bei mir gemeldet. Wir kennen uns gut, weil er bereits einige Geschichten aus dem Bereich der Krypto-Währungen geschrieben hat. Er kam also auf mich zu mit dem Anliegen, eine Geschichte über verlorene Wallets, also digitale Geldbörsen zu schreiben …

… deren Wert nach Schätzungen circa 140 Milliarden US-Dollar beträgt …

... und damit fast 20 Prozent der gesamten Bitcoins ausmacht. Popper wollte dafür mit mir also noch einmal über meine Geschichte reden. Ich willigte ein. Auch weil ich hoffe, mit meinem Negativbeispiel Menschen warnen zu können, umsichtig mit ihren Passwörtern umzugehen.

Was ist dann passiert?

Ein paar Tage nach dem Interview wollte die New York Times ein Foto von mir und ich ahnte, dass ich vielleicht ein größerer Teil der Story werden würde. Als die Geschichte erschien, handelte sie quasi nur von mir – hätte ich das gewusst, wäre ich womöglich nicht auf das Angebot eingegangen.

Nun sind Sie weltberühmt. Wie haben Sie damals die Wochen erlebt, nachdem Sie begriffen hatten, dass Sie sich nicht mehr an das Passwort erinnern?

Ich war absolut verzweifelt. Ich konnte nächtelang nicht schlafen, hatte sogar Depressionen. Viel schlimmer aber als der Verlust des Geldes waren für mich meine Selbstvorwürfe: Ich konnte es einfach nicht fassen, wie ich so etwas Wichtiges verlieren konnte. Ich kam mir vor wie der letzte Vollidiot, mein Selbstwertgefühl war im Keller.

Es war also nicht in erster Linie der Schmerz über das verlorene Geld?

Nein, meinen Selbstwert habe ich nie an meinem Kontostand gemessen, immer nur an meiner Arbeit.

Wie sind Sie aus dieser Depression herausgekommen?

Nach einigen Wochen kam dieser Punkt, an dem ich mir sagte: Du kannst nicht dein ganzes Leben wegwerfen und von diesem Verlust abhängig machen, es muss weitergehen. Ich habe mich also wieder darauf besonnen, was ich wirklich möchte. Und was mich immer angetrieben hatte, war, Software zu schreiben, die den Menschen hilft. Dann habe ich mich wieder ins Programmieren gestürzt. Und als ich auch wieder einen festen Job hatte, habe ich mir neue Bitcoins gekauft. Die habe ich bis heute.

Was haben Sie unternommen, um an das Passwort zu kommen?

Wenn man eine Datei auf eine Festplatte kopiert und wieder löscht, kann da manchmal noch was da sein. Ich habe eine Software geschrieben, die die physikalische Festplatte Sektor für Sektor ausliest und nach Bitcoin-Schlüsseln sucht und habe nachgesehen, ob welche davon die richtigen sind. Das waren sie aber nicht – und ich war mit meinem Latein am Ende.

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Jetzt möchten wir es genau wissen: Wie konnte es passieren, dass Sie Ihr Passwort trotz Back-ups verlieren konnten?

Meine Hauptkopie befand sich in einer virtuellen Maschine und die Software, die ich verwendet hatte, war eine SUN Virtual Box. Als SUN von Oracle gekauft wurde, kam eine neue Version auf den Markt. Damit wurden automatisch alle virtuellen Laufwerke der Maschinen von SUN aktualisiert. Und damit war meine Datensicherung verloren.

Die Hauptkopie war also futsch. Wie ging es weiter?

Ich hatte zwei Back-ups erstellt. Eines davon war eine verschlüsselte Datei auf dem Cloudservice Dropbox. Darauf hatte ich von verschiedenen Computern aus zugegriffen. Und deswegen wurde, was ich zum damaligen Zeitpunkt nicht wusste, die Datei überschrieben. Doch wie sich im Nachhinein herausstellte, hätte dieses Back-up sowieso nicht funktioniert.

Dann war nur noch ein Back-up übrig …

Genau – und ich war ziemlich am Schwitzen. Mein letztes Back-up war der verschlüsselte USB-Stick mit den zehn Versuchen. Für ihn hatte ich mir irgendwo auch das Passwort aufgeschrieben, aber ich erinnere mich nicht so genau. Nach acht misslungen Versuchen ließ ich es bleiben. Jetzt habe ich nur noch zwei. Wissen Sie, ich war damals Anfang 20, habe Tag und Nacht gearbeitet und war begeistert. Ich glaubte an die Anti-Banken-Revolution durch Bitcoin – um so etwas Popeliges wie Passwörter habe ich mich nicht sonderlich geschert.

Sollten Sie Hilfe in Anspruch nehmen und so erfolgreich Zugang zu ihren Bitcoins erhalten – wie wollen Sie die Helfer beteiligen?

Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine konkreten Gedanken gemacht – da werde ich sicher im Vorfeld verhandeln. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass das Ganze im Rahmen einer Videodokumentation abläuft. Ich habe schon ein paar Angebote erhalten.

Falls es nicht klappen sollte: Können Sie dem Verlust der Bitcoins auch etwas Gutes abgewinnen?

Oh ja! Immer wenn mir unangenehme Dinge passieren, denke ich an die schlimmste Zeit meines Lebens zurück – jene Tage und Wochen, nachdem ich begriffen habe, dass ich das Passwort nicht mehr finde. Der Gedanke, dass ich es damals geschafft habe weiterzumachen, gibt mir Kraft. Heute kann ich drüber lachen.

Das Gespräch führte Philipp Hauner.