Das Oben-Ohne bei Frauen wird diskutiert – das Oben-Ohne bei Männern hingegen nicht. Foto: Daniel Karmann/dpa

Ein BH gehört für die meisten Frauen so selbstverständlich in den Kleiderschrank wie Socken. Keine Frage – so scheint es für viele: Verlässt frau das Haus, geht zur Arbeit, trägt sie einen Büstenhalter. Doch dass das ganz und gar nicht selbstverständlich so sein muss, wurde schon vor Jahrzehnten diskutiert. Damals wurde das Kleidungsstück von Feministinnen infrage gestellt – als Symbol der Unterdrückung und Fremdbestimmung. Und auch heute setzen einige Frauen wieder auf Verzicht – doch diese Entscheidung wird auch heute noch nicht als selbstverständlich akzeptiert.

Eine Umfrage aus Frankreich hat jüngst gezeigt, dass vor allem jüngere Frauen vermehrt auf den BH verzichten. Die Umfrage legt zumindest nahe, dass seit den Corona-Ausgangsbeschränkungen, die für viele Homeoffice statt Büro bedeuteten, etwas mehr Frauen ohne BH unterwegs sind als vorher. Freundinnen berichten Ähnliches.

„Offenbar ist es einigen Frauen zum Beispiel im Homeoffice ein Bedürfnis, keinen BH zu tragen – es ist angenehmer, bequemer“, sagt Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg. „Da kann man sich die Frage stellen: Warum wird dann in der Öffentlichkeit, auf Arbeit ein BH getragen?“

Immer mehr – vor allem jüngere – Frauen verzichten auf den BH. Foto: Christin Klose/dpa-tmn/dpa

Im Netz wimmelt es von Frauen, die von ihren Oben-ohne-Selbstversuchen erzählen – und das nicht erst seit Corona. Eine von ihnen war 2017 Hillary Brenhouse. „Es war keine politische Entscheidung – außer insofern, als dass alles, was eine Frau mit ihrem Körper macht, wenn sie sich nicht von jemand anderem diktieren lässt, was sie damit tun soll, eine politische Entscheidung ist“, schrieb sie im US-Magazin „The New Yorker“.

Ähnlich sieht es Voß: „Die ganze Debatte entsteht ja im Kontext einer sexistischen Gesellschaft. Das Oben-Ohne bei Frauen wird diskutiert – das Oben-Ohne bei Männern hingegen nicht.“

In der Umfrage aus Frankreich war fast die Hälfte der befragten Männer und Frauen der Ansicht, dass eine Frau ohne BH Gefahr läuft, belästigt oder angegriffen zu werden. Und jeder Fünfte ist sogar überzeugt, dass die Tatsache, dass eine Frau ihre Brustwarzen unter einem Oberteil zeigt, in Fällen sexueller Übergriffe als mildernder Umstand für den Angreifer gelten sollte. Das ist klassisches „Victim Blaming“ – also Täter-Opfer-Umkehr.

Carola Rackete, Kapitänin der „Sea Watch3 “, kommt zu einer Anhörung durch die Staatsanwaltschaft in Italien. Foto: Pasquale Claudio Montana Lampo/ANSA/AP/dpa

Dass frau ganz und gar nicht frei ist in ihrer Entscheidung für oder gegen einen BH, musste Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete erfahren. Als sie im vergangenen Jahr zu einer Anhörung vor Gericht ohne BH erschien, ereiferte sich die italienische konservative Zeitung „Libero“ und forderte mehr Anstand. Italienerinnen solidarisierten sich mit Rackete und riefen zum #freenipplesday in sozialen Netzwerken auf.

Die Frage des Verzichts auf den BH hat noch eine andere Dimension – eine medizinische. Ist es gesünder, den BH wegzulassen – oder schadet es gar? „Das Brustgewebe zu stützen, hat in erster Linie eine kosmetische Funktion, keine gesundheitliche“, erklärt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte. Es werde durch den BH nicht geschwächt, und das Weglassen des BHs stärke das Gewebe auch nicht. Mit einer großen Brust lange Zeit ohne BH zu verbringen, verursache bei vielen Frauen aber Rückenschmerzen.