Die Büste des römischen Kaisers Tiberius (l.) und andere stehen in einer Vitrine der Villa der Mafia-Familie Casamonica in Rom. Alberto Pizzoli/AFP

Sie haben gedroht, sie in Säure aufzulösen. Aber Debora Cerreoni ließ sich nicht abschrecken – und verschaffte den Ermittlern mit ihren Zeugenaussagen Einblick in eine bis dahin noch wenig bekannte Mafia-„Familie“, die Casamonica aus Rom.

Erstmals in die Schlagzeilen geriet die Familie 2015, also „Onkel“ Vittorio Casamonica in Rom beigesetzt wurde. Sein Sarg wurde auf einem vergoldeten Pferdewagen zum Friedhof gebracht, ein Hubschrauber ließ Rosenblätter regnen, und Plakate vor der Kirche im Osten der italienischen Hauptstadt erklärten den Verstorbenen zum „König von Rom“, während die Trauergäste mit Musik aus dem berühmten Hollywood-Mafiafilm „Der Pate“ empfangen wurden – bescheiden geht anders.

Ein Polizist steht neben einem antiken Babybett in einer der Mafia-Villen. Alberto Pizzoli/AFP

Clan war gewalttätige, kriminelle Bande

Obwohl Mitglieder des Clans sich in abgehörten Telefonaten damit brüsteten, die alteingesessenen Mafia-Familien des Landes herausfordern zu können, galten sie lange nur als eine rein lokal aktive, wenn auch gewalttätige, kriminelle Bande. Doch das änderte sich, als ein römisches Gericht sie vor wenigen Tagen als Mafia-Organisation einstufte und fünf hochstehende Mitglieder nach den strengen italienischen Anti-Mafia-Gesetzen zu bis zu 30 Jahren Haft verurteilte.

Die Familie wurde reich und baute sich Villen voller Marmor und Goldverzierungen, Swimmingpools und riesigen Pferdestatuen als Anspielung auf ihre Abstammung von Pferdehändlern.  Alberto Pizzoli/AFP

„Das ist ein sehr wichtiges Urteil – vor allem, weil es mit der Illusion aufräumt, dass es in Rom keine Mafia gibt“, kommentiert der Mafia-Experte Nando Dalla Chiesa von der Universität Mailand. Bisher habe sich die Stadt noch nicht der Tatsache gestellt, „dass es hier nicht nur ein paar Vertreter der ’Ndrangheta aus Kalabrien oder der neapolitanischen Camorra gibt, sondern auch eine einheimische Mafia“.

Die Casamonica kontrollieren einem Behördenbericht zufolge die Viertel am südöstlichen Stadtrand von Rom und die angrenzenden Albaner Berge. Die ersten Vertreter des Clans mit Wurzeln in der Sinti-Gemeinschaft zogen 1939 aus den süditalienischen Abruzzen nach Rom. Als Vittorio 2015 starb, waren seine Nachkommen der Polizei bereits als besonders erbitterte Kredithaie mit Hang zum Protz bekannt.

Mit Gold verzierte Möbel in einer der acht illegal errichteten Casamonica-Villen, die 2018 abgerissen wurden. Alberto Pizzoli/AFP

Beziehungen zu den Reichen und Mächtigen Roms

„Onkel Vittorio“ kultivierte Beziehungen zu den Reichen und Mächtigen Roms. Ein Zeuge sagte später aus, Vittorio Casamonica sei ein „Mann mit Kontakten in der Polizei und im Vatikan“ gewesen, der „überall rein kam und alles bekam, was er wollte“.

Die Familie wurde reich und baute sich Villen voller Marmor und Goldverzierungen, Swimmingpools und riesigen Pferdestatuen als Anspielung auf ihre Abstammung von Pferdehändlern. In Hohlräumen in den Wänden soll sich Zeugenberichten zufolge bündelweise Bargeld befunden haben.

In Hohlräumen in den Wänden soll sich Zeugenberichten zufolge bündelweise Bargeld befunden haben. Alberto Pizzoli/AFP

Die Casamonica knüpften Kontakte zu kolumbianischen Drogenhändlern und begannen, den Kokain-Schmuggel nach Rom zu organisieren. Bei einer großen Drogenrazzia 2012 wurden 32 Mitglieder des Clans festgenommen und Millionensummen beschlagnahmt, die Familie rückte enger ins Blickfeld der Ermittler. 2018 ordnete Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi den Abriss von acht illegal errichteten Casamonica-Villen an – einschließlich ihrer Kronleuchter, Porzellantiger, Throne und nachgemachten Fresken.

Einen klaren „Boss“ gibt es den Ermittlungen zufolge nicht, stattdessen ein Geflecht von Familienzweigen, die durch arrangierte Ehen miteinander verwoben sind. Beziehungen zu Frauen, die nicht der Gemeinschaft der Sinti angehören, gelten als gefährlich und werden nur ungern gesehen.

2018 ordnete Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi den Abriss von acht illegal errichteten Casamonica-Villen an – einschließlich ihrer Kronleuchter, Porzellantiger, Throne und nachgemachten Fresken. Alberto Pizzoli/AFP

Eine solche Frau war Debora Cerreoni. Die Ex-Frau von Massimiliano Casamonica wurde zur Zeugin der Anklage, nachdem ihr nach Jahren der Unterdrückung der Ausstieg aus dem Clan gelungen war und sie sich mitsamt ihren Kindern in Sicherheit bringen konnte. Ihr ist es zu verdanken, dass das Urteil gegen die Casamonica-Mitglieder nun gefallen ist.