Der Berliner Arzt Erik D. Schulz schreibt Endzeit-Romane. Foto: privat/Schulze

Der Berliner Arzt Erik D. Schulz schreibt Endzeit-Romane über Pandemien, Weltherrschaft der Künstlichen Intelligenz und Atomkriege. Jetzt hat ihn mit Corona die Wirklichkeit eingeholt. Er sei trotzdem ein Optimist, obwohl uns die schwerste Krise der Nachkriegszeit bevorsteht, prognostiziert er.

Auf dem Tisch steht eine weiße Kaffeekanne mit dampfendem schwarzem Kaffee. Der Hausherr hat Plätzchen auf einem Teller verteilt. Wir sitzen im Wohnzimmer mit Blick auf einen grünen Innenhof, auf mit bunten Blumen bepflanzte Balkone. Vorne raus liegt der Schlosspark Pankow, in dem Kinder spielen, Jugendliche Musik machen und Spaziergänger über die Wiesen schlendern.

Schulz hat kurz vorher seine Praxis verlassen. Sie ist zurzeit täglich unter der Woche geöffnet. Viele Patienten kamen anfangs gar nicht mehr zu ihm, weil sie sich nicht trauten. Wer einen Schnupfen hatte, hielt sich fern. Schwerkranke ebenso, was ihn besorgte. Das hat sich geändert. Jetzt kommen sie wieder.

Bei kleinsten Anzeichen auf Corona wie Kopf-, Gliederschmerzen und Fieber wird der Mediziner hellhörig. „Bei mir wird jeder, der sich einen Infekt eingefangen hat, auf Covid-19 getestet.“ Er schenkt einen Kaffee ein.

Schulz ist in Pankow geboren. Er ist dort aufgewachsen und geblieben. 1989, im Jahr des Mauerfalls, war er 24. Er fand es cool, neue Freiheiten zu haben. Zu reisen, Platten und CDs zu kaufen, die es in der DDR nicht gab, und Konzerte zu besuchen. Und es gab keine politische Drangsalierung mehr.

Er merkte allerdings auch schnell, dass nicht alles nur rosig ist. „Schaut man heute in die feinen Ritzen des Systems, sieht man, dass der politische und gesellschaftliche Druck subtiler abläuft als zu DDR-Zeiten.“
Man müsse zu verschlossenen Zirkeln und Netzwerken gehören, ansonsten könne man leicht durch den Rost fallen.

Werden Sie lieber Taxifahrer, sonst landen Sie auf der Straße.

Das fing in seinem Medizinstudium an. Jahrelang büffelte er. Derweil andere bei der Loveparade oder in Technoclubs feierten, wälzte er Bücher. „Ich stand unter Druck“, sagt er. Ihn plagten Existenzängste. „Ich brauchte nach dem Studium eine Stelle, das war mein zentrales Thema.“

In seinen Seminaren hörte er oft: „Werden Sie lieber Taxifahrer, sonst landen Sie auf der Straße.“ 1989 verschreckte ihn die Rede von Doktor Frank Ulrich Montgomery beim Ärztetag in Berlin. Dieser prophezeite: „Ärzteschwemme ante portas. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Medizinstudent von heute 1995 einen Arbeitsplatz findet, liegt bei 50 Prozent.“

Der Allgemeinarzt Erik D. Schulz in seiner Praxis.  Foto: privat/Schulze

Er behielt recht: 1997 erreichte die Arbeitslosigkeit unter Ärzten einen Höhepunkt. Der Allgemeinmediziner: „Später schlitterten wir durch Fehleinschätzungen in einen Ärztemangel. Das zeigt, dass man an seinen Zielen festhalten soll, egal, was andere sagen! Zieh dein Ding durch, deine Vision.“

Das inspiriert ihn auch für seine Romane.

Anfang der 2000er-Jahre fing er damit an. Tagsüber stand er in der Praxis, abends saß er am Rechner. Erst arbeitete er an einem Drehbuch, später beschäftigte ihn das Thema Mobbing und er setzte sich in dem Buch „Im Netz der Deutschlandclique“ mit einem möglichen Überwachungsstaat auseinander. Seit 2014 schrieb er an seinem aktuellen Roman „Der Weizen gedeiht im Süden“.

Darin überlebt ein Arzt mit seiner Tochter einen Atomkrieg. In einem Bunker ordnen sie sich dem neuen Machtgefüge nicht unter. Sie reißen aus. Für Schulz ist es ein Mut machender Roman, der zeige, dass man gegen „übermächtige Probleme und Tyrannei kämpfen“ müsse. „Und dass wir die Zuversicht haben sollten, dass Krisen zu bewältigen sind.“ Wichtig sei es dabei nur, dass man an sich glaube und zusammenhalte.

Ich sehe die existenziellen Gefahren der Menschheit. 

Erik D. Schulz 

Für ihn ist ein Atomkrieg eine ernste Bedrohung, weil viele Staaten sich inzwischen das Recht rausnähmen, andere Länder ohne Grund anzugreifen. Er sagt: „Ich hoffe, dass die Vernunft weiter siegt.“

Der Staat werde in die Zange genommen. Schulden explodieren, die Zinsen werden steigen, Sozialausgaben ebenso und Steuereinnahmen beginnen auf Dauer zu sinken. Aus Zeiten wie diesen könnten Kriege resultieren, sagt er. „Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt.“

Als Mediziner engagiert er sich seit Jahren in der Organisation der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs und der weltweiten Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, die 2017 für ihr Engagement den Friedensnobelpreis zugesprochen bekamen.

In seinem nächsten Roman „Weltmacht ohne Menschen“ beackert er ein weiteres Feld. Diesmal handelt es von Künstlicher Intelligenz. Es ist ein Thriller, in dem wieder der Protagonist ein Arzt ist, der in einen finalen Kampf zweier Superintelligenzen um die Weltherrschaft verwickelt wird. Es ist für ihn ebenso aktuell und bedrohlich. „Die Chinesen arbeiten mit Hochdruck daran“, sagt er.

Warum schreibt er Endzeit-Romane? Er lächelt: „Nun, ich sehe die existentiellen Gefahren für die Menschheit, die zu wenig wahrgenommen werden und in der momentanen Krise fast untergehen. Es ist mir ein Anliegen, etwas zum Besseren zu bewegen und vor einem Atomkrieg oder vor einer feindlichen Superintelligenz zu warnen, aber auch Mobbing und Sucht waren in meinen Jugendbüchern schon Thema.“

Wir sollten uns um eine Sprache der Wertschätzung bemühen.

Erik D. Schulz 

Nach der coronabedingten Zeitenwende hofft er auf einen „einfallsreichen Wandel“. Einen Umbruch, der 1989 nicht immer gelang. Bei dem viele durchs Raster fielen, weil sie mit dem anderen System, mit den neuen Regeln, nicht klarkamen. Da gelte es diesmal gegenzusteuern, sagt er.

Er fand es bemerkenswert, wie er in der Corona-Zeit Freundschaften neu schätzen lernte. Ihn ärgerten andererseits die aufgeheizte Stimmung und die Suche nach Schuldigen.

„Wir sollten uns um eine Sprache der Mäßigung, um Wertschätzung und Respekt anderen gegenüber bemühen – und zwar in direkten Kontakten, nicht im Affekt in atmosphärisch überhitzten sozialen Medien.“

Er frage sich ebenso, warum Politiker die Krise eher verwalten, anstatt zu handeln. Dabei seien sie gefragter denn je, indem sie „elektrisierende Visionen für eine lebenswerte und gerechte Zukunft in die Debatte bringen“.

Er hofft, dass die Regierung die momentane Unsicherheit und die Polarisierung in konstruktive Bahnen lenke. „Sie hat den Auftrag, die Bevölkerung vor existenziellen Risiken zu schützen“, unterstreicht er. Pandemien, lang andauernde Stromausfälle – alles Katastrophen, die denkbar sind. „Diese Aufgabe wurde vernachlässigt.“

Erik D. Schulz wird über diese Zeitenwende bald gewiss ein Buch schreiben. Mit einem Appell an mehr Verantwortung und Engagement für unser aller Umfeld. Corona habe gezeigt, dass es einen Digitalisierungsschub im öffentlichen Leben gegeben habe.

Er nippt an seinem Kaffee und hält kurz inne: „Wir haben gesehen, dass Systeme am Laufen gehalten werden, ohne dass man sich sieht, spricht oder nahekommt. Die Technik war und ist eine große Hilfe.“

Was im Argen liege, sei allerdings ebenso ans Tageslicht gekommen. Bildung, soziale Ungleichheit sowie fehlende Investitionen in die Infrastruktur und Künstliche Intelligenz. „Wir müssen handeln. Sonst werden wir für immer abgehängt“, ist er sicher.

Die Jugendlichen im Park stimmen ein neues Lied an.

Erik D. Schulz „Der Weizen gedeiht im Süden“ (Acabus-Verlag, 16 Euro).  Foto: privat/Schulze