Das Hotel am BER: Noch steht es recht allein auf weiter Flur, aber auf der anderen Straßenseite wird bereits gebaut. Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Der ganze Wahnsinn ist exemplarisch an dieser einen riesigen Brache zu erkennen. Mit Wahnsinn ist gemeint, dass die Eröffnung des neuen Großflughafens BER seit so vielen Jahren verschoben wird. Ganz ursprünglich sollte der neue Airport für die deutsche Hauptstadt im Jahr 2007 in Betrieb gehen. Bis heute folgten ein halbes Dutzend Verschiebungen. Der größte Knall erschütterte am 8. Mai 2012 die Republik, als die einen Monat später geplante Eröffnung abgesagt wurde. Für die meisten völlig überraschend.

Als dieser Knall ertönte, war es längst zu spät dafür, das Bauprojekt auf dieser Brache zu stoppen. Die Brache befindet sich ganz in der Nähe des Autobahnkreuzes Schönefeld. Es ist die große Wiese in einer weiträumigen Kurve der Autobahnabfahrt. Sie führt direkt zum künftigen Hauptterminal jenes Flughafens, der seit Jahren für Häme nicht nur in Deutschland sorgt und der nun Ende Oktober tatsächlich öffnen soll. Diesmal heißt es sogar hinter den Kulissen, dass es klappen wird.

Damals, 2012, wurde dort ein Hotel gebaut. Es war der erste Neubau im Umfeld des neuen Flughafens. Es war der perfekte Ort - direkt an der Zufahrt -, und es war der perfekt Zeitplan: Das Haus öffnete im Frühjahr 2013, also kurz nachdem der Flughafen hätte eröffnet werden sollen.

Hat er aber nicht. Und so steht auf dieser Brache nur ein kleines unbewohntes Einfamilienhaus und daneben ein vierstöckiger Gebäuderiegel. An dem Gebäude steht das Wort Hotel, es ist das „Hotel Berlin-Airport“ der B&B-Kette, die bundesweit 135 Hotels betreibt und weltweit fast 500. Das Haus steht seit Jahren einsam und verloren auf dieser großen Wiese. Damals hatten viele Berliner und Brandenburger die Konzentration des Flugverkehrs in Schönefeld gefürchtet - wegen des Fluglärms. Doch es gab auch tausende, die auf einen Job gehofft hatten oder auf eine Zukunft, und die nun vor dem Nichts standen. Kaum vorstellbar, dass ein solches Haus im Nirgendwo während der vielen Jahre des Wartens auf die Flughafen-Eröffnung überhaupt eine Überlebenschance hatte.

Stefan Hellstorff (32), Manager des B&B-Hotels Berlin-Airport
Foto: Volkmar Otto

„Für die wirklich nicht idealen Ausgangsbedingungen hätte es wesentlich schlimmer kommen können“, sagt Stefan Hellstorff, der dieses und ein weiteres Hotel der B&B-Kette mit seiner Frau und neun Mitarbeitern betreibt. „Für den Stand der Ding ist alles ganz gut gelaufen.“

Der Vorteil des Hauses: Es spielt in der Economy-Klasse, das heißt: Die 140 Zimmer sind preiswert. Die schlichten, praktisch eingerichteten und gut schallisolierten Einzelzimmer kosten hier derzeit 51 Euro.

An diesem Montag-Nachmittag hat sich an den beiden Schaltern der Rezeption sogar eine beachtliche Schlange gebildet. Dutzende Mitarbeiter der Brandenburger Betriebsfeuerwehren sind zum Lehrgang am BER und wohnen hier.

„Unser Zielpublikum sind Dienstreisende“, sagt Hellstorff. In den Jahren des Wartens wohnen also Handelsvertreter hier, aber auch viele Beschäftigte, die den Flughafen bauten, vom Bauarbeiter bis zum Ingenieur. „Aber es kommen auch Touristen. Leute, die preiswert fliegen und die eine Nacht in der Nähe des Flughafens verbringen müssen, wohnen dann meist auch preiswert.“

„Abends finden sich hier meist gar kein Parkplatz mehr“

Hotelmanager Stefan Hellstorff (32)

Ein Hotel für Sparfüchse, die keine große Unterhaltung in diesem Haus suchen, in dem sie ja nur schlafen. Der Hotelchef erzählt, dass hier montags oft Schlangen vor der Rezeption stehen, dass tagsüber die Straße vor dem Hotel fast ausgestorben aussieht, weil alle Gäste unterwegs sind und die meisten von ihnen arbeiten. „Aber abends finden sich hier meist gar kein Parkplatz mehr“, sagt er und lächelt zufrieden. Auslastungszahlen nennt er nicht. Das Geschäft läuft immerhin so gut, dass er nicht mal in der Hochphase von Corona schließen musste, weil Hotels für Geschäftsreisen offen blieben.

Im Frühstücksraum zieren klassische Berlin-Zitate in grellem Grün die Wand: „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ von Hilde Knef über Kennedys Spruch „Ich bin ein Berliner“ bis zum Berlin-Superhit der Band Seeed „Dickes B., oben an der Spree“.

Wenn der BER damals eröffnet hätte, wäre das einsame Hotel auf der grünen Wiese von der Autobahn aus gar nicht mehr zu sehen. „Das Gelände hier ringsum sollte längst bebaut sein“, sagt der Hotelchef. Immerhin gibt es nun gegenüber eine Baustelle, ein Bürogebäude entsteht. „Irgendwann wird hier alles bebaut sein“, sagt er. „Alles, was Sie hier ringsum an Grün sehen, wird bald Betongrau sein.“

Die große grüne Brache wird es bald nicht mehr geben. In einigen Jahren wird der auffällige helle Gebäuderiegel, der heute so einsam auf der Wiese steht, hinter Bürogebäuden, Logistikcentern und riesigen Parkhäusern verschwunden sein. Es ist und bleibt eine Adresse für Kenner. Es ist ein Hotel, in dem nie Laufkundschaft vorbei kommt.

Ein Haus, an dem der ganze BER-Wahnsinn ganz gut ablesbar ist: Als es eröffnet wurde, war natürlich alles neu. Nun, fast acht Jahre später, werden die Zimmer bald neu ausgestattet. Ganz modern. Es steht ja mal wieder eine Eröffnung an. Und wie sich die Zeiten ändern, zeigt sich auch in den Zimmern. Nun kommen Zimmertelefone raus. Die nehmen nur Platz weg. „Die braucht kein Mensch mehr, alle haben Handys“, sagt der Hotelschef, der hier 2015 als Rezeptionist anfing. „Seit ich hier arbeite, musste ich nicht ein einziges Mal ein Telefon freischalten.“