Der jüngst verstorbene emeritierte Papst Benedikt XVI.
Der jüngst verstorbene emeritierte Papst Benedikt XVI. dpa/Pier Paolo Cito

Ein Kriminalfall im Vatikan: Nicht ausgedacht von einem Buch- oder Filmautoren, sondern sehr real. Vor 40 Jahren verschwand auf mysteriöser Weise die 15-jährige Emanuela Orlandi. Immer wieder wurde versucht, den Fall zu lösen, in dem auch der jüngst verstorbene emeritierte Papst Benedikt XVI. eine Rolle spielt. Nun hat die Justiz des Kirchenstaates erstmals offizielle Ermittlungen eingeleitet.

Die Strafverfolger wollen dem Verdacht und den Hinweisen nachgehen, wonach Emanuela Orlandi, die Tochter eines Kurien-Angestellten und Staatsbürgerin des Vatikans, entführt oder ermordet worden ist. Die Teenagerin kam am 22. Juni 1983 nach einer Musikstunde in der Altstadt Roms nicht mehr nach Hause. Eine Leiche wurde nie gefunden.

Emanuela Orlandi
Emanuela Orlandi dpa/privat

Jetzt wurde die Aufnahme von Ermittlungen aus dem Vatikan bestätigt. „Das sind gute Nachrichten“, sagte Pietro Orlandi, der Bruder der Verschwundenen, der Zeitung La Stampa. „Ich bin überzeugt, dass es im Vatikan viele Leute gibt, auch solche in hohen Positionen, die wissen, was damals passiert ist.“

Grabsteine auf dem deutschen Friedhof Campo Santo Teutonico innerhalb der Vatikan-Mauern: Um den Fall zu lösen, wurden 2019 zwei Gräber geöffnet.
Grabsteine auf dem deutschen Friedhof Campo Santo Teutonico innerhalb der Vatikan-Mauern: Um den Fall zu lösen, wurden 2019 zwei Gräber geöffnet. dpa/Jan Woitas

Um Orlandis Verschwinden rankten sich immer neue Spekulationen. Laut einer weit verbreiteten Theorie wurde das Mädchen von einer Bande entführt, die den damaligen Chef der Vatikanbank erpressen wollte. Laut einer anderen unbewiesenen Theorie wurde Emanuela entführt, um Mehmet Ali Agca freizupressen, der 1981 einen Mordanschlag auf Papst Johannes Paul II. verübt hatte. Möglich wäre, dass der römische Mafiaclan Banda della Magliana in den Fall verstrickt ist oder ein Kirchenvertreter das Mädchen missbrauchte und dann ermordete.

Der Vermisstenfall war jüngst international durch eine eigene Netflix-Serie („Vatican Girl“) bekannt geworden, die diverse Szenarien und verdächtige Elemente rund um den Fall Orlandi aufgezeigt. Wie italienische Medien berichteten, will der vatikanische Hauptstrafverfolger Alessandro Diddi nun alle Beweise und Dokumente von damals neu prüfen und Zeugen hören, darunter auch Kardinäle.

2019 wird in einem Weinkeller des Vatikans nach den sterblichen Überresten des Mädchens gesucht.
2019 wird in einem Weinkeller des Vatikans nach den sterblichen Überresten des Mädchens gesucht. AFP/Vatican Media

Jetzt macht Papst Franziskus Druck, um den Fall zu lösen

Ende 2015 hatte die Staatsanwaltschaft von Rom den Fall archiviert. 2019 hatte der Vatikan auf der Suche nach sterblichen Überresten der Verschwundenen zwei Weinkeller geöffnet. Nach Angaben der Ermittler wurden darin aber nur alte Knochen gefunden. Auf einem Friedhof wurden sogar zwei Gräber geöffnet – ohne Ergebnis.

Nun wenden sich die Angehörigen von Orlandi wieder an den Vatikan und direkt an Papst Franziskus. Beobachter spekulieren, dass der Pontifex selbst zuletzt Druck gemacht haben dürfte.

Auch der jüngst verstorbene emeritierte Papst Benedikt XVI. und dessen Privatsekretär Georg Gänswein kommen in dem Fall vor. Pietro Orlandi ist überzeugt, dass Gänswein etwas von einer vatikanischen Akte dazu weiß – das habe der deutsche Erzbischof selbst der Anwältin der Hinterbliebenen gesagt. In einem Buch, das in dieser Woche erscheint, schreibt Gänswein aber: „Ich habe nie etwas in Bezug zum Fall Orlandi zusammengestellt. Dieses Phantomdossier wurde nicht offengelegt, einfach nur deshalb, weil es nicht existiert.“