Eine medizinische Mitarbeiterin eines chinesischen Medizinteams untersucht eine schwangere Patientin in Äthiopien. Die Corona-Pandemie hat die Lebensplanung vieler auf den Kopf gestellt. Vor allem in Entwicklungsländern gibt es viele ungeplante Schwangerschaften. Foto: Michael Tewelde/XinHua/dpa

Im Lockdown schwanger sein? Während des Corona-Chaos ein Baby zur Welt bringen? Viele Paare überlegen sich genau, ob sie inmitten der Pandemie Familienzuwachs haben möchten. Doch diese Wahl ist ein Luxus, den viele Frauen nicht haben - vor allem in Entwicklungsländern wie Kenia und Indonesien. Dort kommen wegen des Corona-Lockdowns Mädchen und Frauen schwer an Verhütungsmittel, sind sexueller Gewalt ausgesetzt oder lassen sich aus finanziellem Druck früher auf Sex und Ehe ein. Viele Experten erwarten dort daher einen Babyboom der „Coronials“ oder „Pandennials“ - aber zum Großteil einen ungewollten.

Noch ist es zu früh, um die Babys, die während der Corona-Pandemie gezeugt wurden, zu zählen. In Industrieländern wird heftig diskutiert, ob die Pandemie zu einem Anstieg oder Rückgang an Geburten führen wird. Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung glaubt, in Deutschland sei beides möglich. „Es gibt mehrere Faktoren, wie sich die Pandemie auf die Geburtenrate auswirken könnte.“ Gesundheitliche Sorgen und ökonomische Ängste könnten demnach dazu führen, dass ein Kinderwunsch verschoben wird. Es sei aber auch denkbar, dass für viele in der Corona-Zeit der Wert der Familie steigt. „Ich halte es derzeit noch für offen, welcher dieser Mechanismen eine größere Auswirkung haben wird.“

Wie an Verhütungsmittel kommen bei Ausgangssperren

Über einen möglichen Babyboom will die UN-Kinderhilfsorganisation Unicef in New York nicht spekulieren, hat aber schonmal eine Gesamtprognose erstellt. 140 Millionen Babys würden 2020 wohl insgesamt geboren werden, teilte Unicef mit, 113 Millionen davon nach der offiziellen Erklärung des Corona-Ausbruchs zur Pandemie im März.

In Entwicklungsländern sind sich viele Experten einig: Dort wird es einen Anstieg von Geburten geben. Denn die Corona-Lockdowns haben die Möglichkeiten von Frauen und Mädchen, sich gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden, massiv beeinträchtigt.

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Zum einem ist es viel schwieriger geworden, an Verhütungsmittel zu kommen: Ausgangssperren, geschlossene Läden, Corona-Quarantäne und unterbrochene Lieferketten haben den Zugang zu Kondomen und der Pille erschwert. In Indonesien etwa sei die Zahl der Menschen, die sich staatlich beraten ließen und kostenlose Verhütungsmittel benutzten, im April und Mai im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie um zehn Prozent gesunken, sagt Eni Gustina, stellvertretende Leiterin bei der Nationalen Agentur für Familienplanung. Es werde erwartet, dass es Anfang nächsten Jahres zwischen 375 000 und 500 000 mehr ungewollte Schwangerschaften geben werde als vor Corona. Ihre Behörde habe Hebammen persönliche Corona-Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt, damit sie wieder Verhütungsmittel in Kliniken verteilen könnten.

Hasto Wardoyo, Leiter des Nationalen Koordinierungsausschusses für Familienplanung in Indonesien, hat ähnliche Befürchtungen. „Dies betrifft die vielen Paare, die während der Pandemie die meiste Zeit zu Hause verbringen und Sex haben, ohne zu verhüten.“

Kondome, die Pille und Abtreibungen sind teuer

Außerdem sind Kondome, die Pille und Abtreibungen teuer. Viele Menschen in Entwicklungsländern spüren die wirtschaftlichen Konsequenzen der Pandemie mehr als die Pandemie selbst, etliche haben ihre Jobs verloren oder deutlich weniger Einkommen. „Sie können nicht zahlen“ und würden daher nicht kommen, sagt Sophie Hodder, die Leiterin von Marie Stopes in Kenia. Die Organisation bietet Familienplanungs-Beratung, Gesundheitsversorgung nach Abtreibungen und Schwangerschaftsbetreuung an. In deren kostenpflichtigen Kliniken sei die Zahl der Kundinnen während der Corona-Pandemie um 30 Prozent gesunken. „Uns macht es große Sorgen, dass die Frauen nicht kommen.“

Die Corona-Pandemie hat auch die Organisationen und Kliniken, die Familienplanung anbieten, hart getroffen. Hodder erklärt, dass Marie Stopes durch den Rückgang an Kunden weniger Einkommen gehabt habe. Zugleich seien die Kosten in die Höhe geschossen, vor allem wegen Ausgaben für Schutzausrüstung. Zudem seien wegen wirtschaftlicher Probleme und dem Fokus auf die Corona-Pandemie Spendengelder im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit gesunken.

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Hinter dem Babyboom steckt eine noch größere, düstere Entwicklung: Während der Corona-Krise ist sexuelle Gewalt und Ausbeutung von Mädchen und Frauen weltweit gestiegen. In Kenia würden auch in normalen Zeiten Frauen mit Männern schlafen, um an etwas Geld etwa für Binden zu kommen, sagt Nancy Okoth von der NGO Plan International. Doch während der Corona-Pandemie, in der viele Familien selbst die allerwichtigsten Grundbedürfnisse nicht decken konnten, habe sogenannter transaktionaler Sex zugenommen. „Binden kosten so viel wie zwei Kilogramm Maismehl, welche Mutter wird sich entscheiden, die zu kaufen?“, erklärt Okoth.

Die Hälfte aller Schwangerschaften ist ungewollt

Das lag auch daran, dass der wohl sicherste Ort für Mädchen geschlossen wurde: die Schule. In Kenia - wie in vielen anderen afrikanischen Ländern - biete die Schule nicht nur Matheunterricht, sondern auch Mentoren mit einem offenen Ohr, eine warme Mahlzeit, Sexualaufklärung und eine Beschäftigung, erklärt Okoth. Doch in dem ostafrikanischen Land sind die meisten Schulen bereits seit März geschlossen. Viele Mädchen seien unbeaufsichtigt zuhause und Tätern sexueller Gewalt oft schutzlos ausgeliefert, sagt Okoth. Zuhause zu sein mache es für Mädchen und junge Frauen auch schwieriger, sich Verhütungsmittel zu holen oder Beratung aufzusuchen, sagt Hodder.

„Wir wissen, dass die Hälfte aller Schwangerschaften ungewollt ist“, sagt Hodder von Marie Stopes in Kenia. „Unsere Prognose ist, dass diese zunehmen.“ Doch eine noch größere Sorge ist, was das für die Frauen bedeutet. „In sechs bis zwölf Monaten werden wir sehen, wie viele Mädchen und Frauen durch unsichere Abtreibungen ums Leben kamen, weil sie keinen Zugang zu Familienplanungs-Diensten hatten.“