Ross Hall vor einer Auswahl seiner besonderen Särge in  Auckland, Neusseland.  Foto: Sophie Clark/AP

Als Ross Hall sich vor mehr als 15 Jahren mit seinem eigenen Testament befasste, hatte er eine Eingebung. „Da war ich mir plötzlich sicher, dass ich nicht in einer braunen Kiste begraben oder eingeäschert werden will, dafür war mein Leben einfach zu besonders“, sagt der 64-Jährige. Die Idee für „Dying Art“ war geboren. Auf Deutsch etwa „Sterbe-Kunst“. Seither zimmert seine Firma individuelle Särge, die auf die Vorlieben und Leidenschaften von Verstorbenen zugeschnitten sind. Träumte jemand vom Weltraum? Oder liebte Delfine? Oder erkundete gern die Unterwasserwelt? Alles kein Problem.

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Was auch immer einen Menschen im Leben ausmachte, gestalten Hall und sein Team auch für die letzte Reise. Tausenden Menschen hat er so schon den Abschied von Angehörigen und Freunden etwas erleichtert. „Die Botschaft dahinter lautet: Lasst uns das Leben feiern, statt nur den Tod zu betrauern“, erzählt er am Telefon, während er in Auckland seinen Hund spazieren führt. Er redet mit sanfter Stimme und achtet sehr darauf, den Toten Respekt zu zollen. Über einige Kunden mag er nicht reden, weil diese um absolute Diskretion gebeten haben.

Foto: AP/Ross Hall
Dieser Sarg in Donut-Form war der ausdrückliche Wunsch eines großen Fans dieser Teigkreationen. 

Was waren denn die bislang ausgefallensten Wünsche? Hall nennt einen Sarg aus überdimensionalen Legosteinen, ein Segelboot, ein Feuerwehrauto und einen Sahne-Donut. Moment, einen Sahne-Donut? „Ja, der Herr hat sich ausdrücklich einen Sarg in Form dieser süßen Spezialität gewünscht, weil er sie nicht nur sehr gerne aß, sondern ein echter Donut-Connaisseur war.“ Aufwendig war auch der Bau des Segelbootes, bei dem nach der Trauerfeier Mast und Kiel mit einfachen Handgriffen abgebaut werden konnten.

Der Trend in Neuseeland gehe derweil zur Einäscherung, so Hall. Deshalb bietet „Dying Art“ auch Urnen an, die den verbrannten Särgen nachempfunden sind. Im Fall des Lego-Sarges war dies etwa ein einfacher roter Legostein.

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Eigentlich leitet Hall ein Designunternehmen namens „Big Ideas“, das unter anderem bei der Gestaltung des Bootes von Team New Zealand für den America's Cup geholfen hat. Die personalisierten Särge zimmert er aus Passion und aus dem Gefühl heraus, Trauernden beim Abschied helfen zu wollen. „Deshalb versuchen wir auch, die Särge so günstig wie möglich anzubieten.“

Foto: AP/Ross Hall
Ein Sarg, der einem Feuerwehrauto nachempfunden ist? Für die Firma „Dying Art“ ebenso kein Problem. 

Die Kunden danken es ihm – oft mit emotionalen Briefen und Bildern der Trauerfeier. „Sie schreiben mir oft, dass der Sarg ihnen den Tag deutlich erleichtert habe.“ Auf der Webseite wird ein Hinterbliebener mit den Worten zitiert: „Der Sarg war wunderschön und spiegelte perfekt ihr Leben und ihre Persönlichkeit wider.“

Dabei war der Start holprig. Die meisten Bestattungsunternehmer hätten anfangs verdutzt geschaut, als er ihnen seine Idee der Sterbe-Kunst unterbreitete. „Damals haben wir nur ein bis zwei Särge pro Jahr verkauft“, erinnert sich Hall. Aber die Sterbekultur in dem Pazifikstaat habe sich in den vergangenen fünf Jahren grundlegend geändert. „Mittlerweile verkaufen wir 150 bis 200 Stück pro Jahr – und 50 Prozent davon stammen nicht aus unserem Katalogangebot, sondern werden eigens nach speziellen Wünschen angefertigt.“

Foto: dpa/AP/Ross Hall
Besonders beliebt bei „Dying Art“ sind Särge mit Blumenmovtiven. 

Extrem beliebt seien Blumenmotive, erzählt er. Speziell Kletterrosen und Sonnenblumen. Tiere wie Hunde, Katzen, Schmetterlinge, endemische Vögel oder Tiger stehen ebenso im Prospekt wie Klaviere, Motorräder oder Golfplätze. Für jedes Individuum mit all seinen Vorlieben und Interessen gibt es das passende Design. Ist Hall bei all den extravaganten Wünschen schon einmal an seine Grenzen gestoßen? „Nein, bisher konnten wir alle nur denkbaren Träume erfüllen.“ Der Löschfahrzeug-Sarg eines Superintendents der Feuerwehr hatte sogar Rollen, mit denen er zur Beerdigung gefahren statt getragen wurde.

Für Ross Hall ist die Sarg-Kunst zu einer persönlichen Mission geworden. „Ich liebe es einfach, dass ich traurigen Menschen helfen und einen kleinen Beitrag leisten kann“, sagt er. Aber auch persönlich hat ihn die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod verändert. „Ich versuche, das Allerbeste aus jedem Tag zu machen“, sagt er und fügt demütig hinzu: „Das Leben ist so kostbar, aber auch so zerbrechlich. Wenn es vorbei ist, dann ist es vorbei.“